Lehramt-Studium: Seid ihr wirklich bereit für den Lehrer-Job?

Werden die falschen Menschen Lehrer?

Wenn es morgens gegen acht Uhr lauter wird, beginnt sie wieder: Die Zeit der City-Roller, Mopeds und E-Bikes. Wenn die Sommerferien wieder rum sind. Für die einzelnen Personengruppen hat dieser Tag einen ganz unterschiedlichen Stellenwert. Während sich Deutschlands Ärzte vermutlich weniger über den Schulstart und der damit verbundenen ansteigenden Zahl an Attesten freuen, ist dieser Tag für Eltern ein Zeichen der grenzenlosen Freiheit. Für die Schüler beginnt an diesem Tag wieder ein Jahr des Ärgers und Hasses, in dem man sich sehnlichst die harmlose Kindergartenzeit mit offenen Schürfwunden zurückwünscht.

Wer kennt ihn nicht, diesen typischen Hass auf Lehrer vor, während und manchmal auch noch nach der Schulzeit. Der Lehrer ist der perfekte Sündenbock für jede Schandtat. „Was war denn in der Klausur wieder los? Wieso hast du da eine 5 geschrieben?“ Derartige Diskussionen hat wohl jeder von uns bereits hinter sich. All der nervige Aufwand und die Rechtfertigung, obwohl die Antwort doch längst auf der Hand liegt: Die Lehrer sind schuld, wie immer! Wer auch sonst? Nach der Schulzeit kann man das alles deutlich entspannter reflektieren. Wenn man dann morgens auf dem Weg in die Arbeit die Schulkinder an sich vorbeitrotten sieht, macht man sich zunehmend Gedanken darüber, wodurch diese bereits vorprogrammierte, angespannte Beziehung zwischen Lehrer und Schüler eigentlich entsteht. Findet man die Gründe dafür bereits im Studium? Studieren heute einfach die falschen Menschen Lehramt? Manfred Mauler, Lehrer am Sebastian-Finsterwalder Gymnasium in Rosenheim bemerkt zu viel Sicherheitsdenken bei einigen angehenden Lehrern. Gegenüber ZEITjUNG sagt er: „Ich denke, dass man sich grundsätzlich aus Berufung für einen Beruf interessieren sollte und das darf ruhig ohne Rücksicht auf mögliche Anstellungsprognosen geschehen. Diese Leidenschaft sehe ich nicht bei allen potentiellen Lehramtskandidaten. Die Gründe für die Studienwahl liegen leider manchmal wo anders (sicherer Beamtenjob, Ferien, gutes Anfangsgehalt, …).“

Ich mag Kinder, Kinder sind süß, ich studiere Lehramt!

Zwischen den Wintersemestern 2002/2003 und 2015/2016 waren knapp drei Millionen Studierende an den deutschen Hochschulen immatrikuliert. Das ist eine recht stattliche Zahl, die mal wieder beweist, dass Deutschland ein durchaus beliebter Aufenthaltsort für Studierende ist. Die wissen also alle schon, wo es in ihrer Zukunft hingehen soll? Nein, meistens leider nicht. Genau diese Planlosigkeit nach dem Abitur führt zu folgender Kurzschlussreaktion: Ich weiß nicht, was ich machen soll. Vielleicht studiere ich BWL, damit kann ich ja dann theoretisch alles machen. Oder ist das zu viel Statistik für mich? Ich mag Kinder, ich sollte doch einfach Lehramt studieren. Ja, das ist es! – Nope, das ist es nicht! Zum Lehramtsstudium und ganz besonders zum Lehrerberuf gehört nämlich ein bisschen mehr Ansporn, als nur die Liebe zu Kindern, die Planlosigkeit nach dem Abitur oder die Verlockung der möglichen Verbeamtung in der Zukunft. Ist Lehramt heute vielleicht einfach das neue BWL? Ein neuer Studiengang der Bequemlichkeit? Möglicherweise. Manfred Mauler erklärt uns dieses Phänomen Ich denke, dass seitens der Schule soviel Informationen an die Schülerschaft herangetragen werden, wie nie zuvor. Im Rahmen von den verpflichtenden StuBo-Stunden (Studien- und Berufsorientierung) wird vielleicht einfach zu viel angeboten, so dass die Gefahr einer Konsumhaltung auch in diesem Bereich entsteht, wo eigentlich Eigeninitiative gefragt wäre. Bequemlichkeit, besonders bei der Wahl des Lehramts-Studium ist vielleicht in der klaren Struktur dieses Studiengangs mit seinen vorgezeichneten Weg zum Beruf selber zu „sehen“. Im Vergleich zu manch nebulösen Aussichten in der Wirtschaft scheint dieser Weg vermeintlich sicherer.“

Die Harten kommen ins Direktorat

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, bezeichnet die Entscheidung vieler Berufseinsteiger als „Notwahl“. Gegenüber der WELT erklärte er 2015: „Für viele ist der Beruf immer noch eine Notwahl. Vielen fehlt es an Selbstreflexion, welche Fähigkeiten man mitbringen muss, um rund 40 Jahre als Lehrer zu arbeiten.“ Dass der Lehrerjob ziemlich unterschätzt wird und auf keinen Fall eine Hals-über-Kopf-Entscheidung sein sollte, zeigt sich alleine an der Schwierigkeit, eine Definition für den perfekten Lehrer zu finden. Wo früher noch Köpfe in Mülleimer gesteckt oder Kinder in die Ecke gestellt wurden, sind heute ganz andere Prototypen im Lehrerzimmer zu finden. Die Schisser und Schleimer werden von ihren eigenen Schülern gemobbt und die Harten kommen nicht mehr in den Garten, sondern ins Direktorat. Dort müssen sie sich dann vor den Eltern, die sich mal wieder beschweren und dem Direktor, der langsam gelangweilt von all diesen Beschwerden ist, rechtfertigen. Auf der einen Seite sollen die Lehrer heute Kinder lieben, auf der anderen Seite müssen sie streng und konsequent bleiben. Vom Lehrplan sind sie meistens selbst nicht begeistert, lehren müssen sie ihn trotzdem.

Luft und Liebe reicht manchmal einfach nicht aus

Eine Definition des perfekten Lehrers wird man wohl auch in naher Zukunft nicht im Duden nachschlagen können. Manfred Mauler hat jedoch einige Vorstellungen davon, was ein guter Lehrer mitbringen muss: „Die wichtigste Schlagworte sind definitiv: Gerechtigkeit, Transparenz und Authentizität. Wenn dann noch grundsätzliche Charaktereigenschaften wie Wertschätzung von Menschen, Geduld, Konsequenz und Durchhaltevermögen sowie die Bereitschaft zum eigenen, lebenslangen Lernen dazukommen, dann könnte es klappen mit dem guten Lehrer. Etwas Wissen über sein Fach, Didaktik und Pädagogik schaden freilich auch nicht.“ Auch Lehrer aus Leidenschaft und Slam Poet Taylor Mali hat einst versucht zu erklären, was einen guten Lehrer wirklich ausmacht. In einem YouTube-Video erklärt er seinen Zuschauern: „Ich mache, dass Eltern ihre Kinder so sehen, wie sie wirklich sind und wer sie sein können. Du willst wissen, was ich mache? Ich mache, dass Kinder erstaunt sind, Fragen stellen, kritisieren, ich mache, dass sie sich entschuldigen und es auch so meinen. Ich mache, dass sie ‚richtig‘ richtig schreiben und ich mache, dass sie lesen. Ich mache ihnen klar, dass wenn sie etwas im Kopf haben, sie ihrem Herzen folgen werden. Ich mache, dass sie sich nicht von irgendjemandem verurteilen lassen, der sie fragt, was sie verdienen. Lehrer machen den Unterschied – aber was ist mit dir?“ Gute Frage.

Studieren also heute die falschen Menschen Lehramt? Teilweise. Ist Lehramt ein möglicher Anwärter für den neuen Studiengang der Bequemlichkeit? Möglich. Es liegt also auf der Hand, dass ein Lehramtsstudium definitiv mehr als gut überlegt sein sollte, denn so easy ist der dabei angestrebt Job nicht – selbst wenn man Kinder gerne hat. Luft und Liebe macht einen eben nicht gleich zu einem guten Lehrer.

Bildquelle: Juan Ramos unter CC0 Lizenz

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