Liebe Respekt Beziehung Arschloecher Ehrlichkeit

Immer wieder die gleiche Geschichte: Wir, Wracks dank des entnormten, emotionalen Chaos, in das wir geboren wurden, werden zu noch größeren Wracks. Weil wir uns Arschlöcher suchen, die sich bei genauerem Hinsehen als ebenso verletzte Wracks herausstellen und der Versuch, sie zu bekehren oder zu retten, fulminant scheitert. Oder, weil wir auf die Inszenierung unseres eigenen Schmerzes stehen. Hello Schokoladentafel, hello Selbstverletzung, hello Johnny Cash.

 

I hurt myself today to see if I still feel

 

Doch in dieser grotesken Scherbenwelt gibt es nach wie vor Individuen, die trotzdem an Seelenverwandte, an die Verbindung aus Sex und Emotion, an glückliche Trennungen glauben. Beneidenswert, diese Menschen, die sich nicht so wrack-mäßig, so kaputt, so zerstört in ihrer Zerbrechlichkeit anfühlen wie andere. Unabhängig davon, ob sie ewige Zweisamkeit zelebrieren oder die wilde Liebe.

Normalerweise würde es nun darum gehen, wie wir uns selbst optimieren können, aber diesmal will ich den Fehler nicht bei uns suchen. Es ist bestimmt nicht ein geringes Maß an Leidensfähigkeit, das Unvermögen uns selbst zu schützen oder ein abhanden gekommener Selbstrespekt, weshalb wir im Plural an Liebesbeziehungen derart zerbrechen. Meiner Meinung nach ist es sogar grob naiv, zu meinen, es sei eine Frage der Erziehung oder sozialen Schicht oder Moral oder unserer Zeit, warum einige lieben können ohne zu leiden oder Leid zu verursachen.

Es sind die Adjektive unserer Romanzen, die determinieren, ob wir uns in diesen wohlfühlen oder nicht. Wie oft dürfen wir unsere Liebesverhältnisse versaut und tabulos, zärtlich, romantisch und innig, unkonventionell, traditionell oder frei nennen? Wie oft wertschätzend, respektvoll? Und wann sind wir mit ihnen, in ihnen glücklich?

 

Let’s talk about sex, baby, let’s talk about you and me

 

Fehlender Respekt hat gerade die Situationen, die eh schon zum Kotzen waren, ins unerträglich Ätzende gezogen. Kurz davor ihm und mir die Kugel zu geben, war ich zum Beispiel, als ihm zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt rausrutschte, dass er „eigentlich“ eine Freundin hätte. Und meine Devise lautet „I don’t date drama“. Natürlich leben wir beide noch, ich bin stattdessen einfach wütend gegangen. Aber die Wahrheit hätte uns auch nicht umgebracht.

Ehrlichkeit, oder vielmehr das passende Quantum davon, gehören zu einem wertschätzenden Umgang. Einfache Faustregel:  Umso länger eine Geschichte läuft, desto mehr Offenbarungen sind erwünscht. Niemand verlangt, dass man eine Tirade auf sämtliche schlechte Eigenschaften nach einem ersten Treffen anstimmt – wäre auch ziemlich gemein. Aber nach 14 Monaten, 2 Wochen und 1 Tag darf man ruhig eine Ansage machen, ob diese Beziehung eher Richtung durchwühlte Laken, Hochzeitsglocken, Ko-Elternschaft oder einer Kombination daraus geht.

Umgekehrt. Wild rumgeknutscht im Club mit einem schnuckligen Typen  –  zwei schöne Wiedersehen – dann die Nachricht „Hey, ich finde Dich klasse, aber ich habe jemanden kennengelernt und das könnte was Ernstes sein.“ Wahrscheinlich hat sich noch nie jemand so attraktiv gemacht durch das Ziehen eines Schlussstrichs, aber er tat es. Ich war wahnsinnig beeindruckt von so viel Standing, angeturned davon, dass jemand wusste, was er wollte (auch wenn das leider nicht ich war).

 

Auch nicht für großartigen Fellatio

 

Respekt bedeutet auch, Menschen nicht als Mittel zur eigenen Bedürfnisbefriedigung zu gebrauchen. Ich kenne niemanden, der nur benutzt werden will, sich gerne wie eine Puppe fühlt – auch wenn er dafür in den Genuss großartigen Fellatios kommen würde. Selbst das One-Night-Stand möchte als begehrenswert wahrgenommen werden und nicht das Gefühl haben, gerade einfach zufällig da gewesen zu sein. In seiner Einzigartigkeit, was immer das im konkreten Fall bedeutet, wahrgenommen zu werden, ist etwas Fantastisches, etwas Aufregendes. Die Besonderheit einer Liebe lebt von der Intimität zwischen zwei Individuen. Allein das Wissen, dass gerade eine einzigartige Konstellation an Wünschen und Berührungen stattfindet, hat etwas Euphorisierendes – wie Feuerwerke unterm Jahr.

Dass ich falsche Versprechungen, Spiele à la wer-meldet-sich-zuerst und ähnliche Dramen ziemlich dämlich finde, liegt vielleicht daran, dass ich sie einfach nicht checke. Genauso uncharmant finde ich es, wenn jemand meine Freundinnen nach dem Vergnügen nachts alleine nach Hause schickt. Steigert ja auch alles ungemein die sexuelle Spannung… Aber man kann doch nicht Werten wie Rücksicht und Achtung abschwören, nur weil zwischenmenschliche Beziehungen einem Moloch aus Trauer und Schmerz gleichen.

Wir wissen alle, dass, wenn McDreamy oder ein Victoria’s Secret Model uns behandeln wie Dreck, sie leider nicht an Zauber verlieren – wir aber an emotionaler Unversehrtheit. Weil wir aber davon ausgehen dürfen, dass wir ebenfalls Traummenschen sind (für irgendwen zumindest, bestimmt), wäre es nur fair, ehrlich zu sein, sowohl zum Langzeitfreund als auch zur Affäre. Und ein wenig Achtung und Interesse am anderen sind ja wohl nicht zu viel verlangt. Denn egal, ob die Fleischeslust das dominierende Element oder jeder Funken Liebe verloren gegangen ist – Respekt ist das letzte Zeichen, dass man kein egoistisches Arschloch ist und Wertschätzung die einzige Basis, um die gemeinsame Zeit hemmungslos und ohne Angst vor Verletzung zu genießen.

 

Bildquelle: Neill Kumar CC 0 Lizenz

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