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Was der Liebe durch Tinder verloren geht

Tinder und Co. sind nützlich. Und doch geht der Liebe durch das ständige Wischen etwas verloren. In der echten Welt.

In Deutschland gibt es mehr als 20 Millionen Singles. Sie alle hoffen in irgendeiner Form auf das große Glück. „Happiness is only real when shared“, denken sie. Und stürzen sich dafür in die Welt, trinken Cocktails in Bars, shoppen Klamotten, gehen in Fitnessstudios. Immer bestrebt, sich selbst zu optimieren und dadurch jemanden zu finden, den man liebt und der einen liebt. Tanzend, die Arme dem dunkler werdenden Himmel entgegen gereckt, lachend, mit Freunden in der Stammbar, Musik hörend, während Schnee vom Himmel fällt. Winter, Frühling, Sommer, Winter – die Suche nach einem Blickkontakt, nach einer Begegnung, die einen jemanden treffen lässt, mit dem man sein Leben, jedenfalls in Maßen, teilen kann, endet nie.

Und weil längst vielen das vom Zufall abhängende Leben da draußen nicht mehr reicht, wird auch in Sachen Partnersuche optimiert. Tinder, Single-Börsen, sogar Single-Reisen. Man erhöht dadurch die Möglichkeit, jemanden zu finden, der zu einem passt. Das ist reine Statistik. Ein Wisch und ein Profil ist aus dem Leben und damit aus dem Sinn, einer in die andere Richtung und vielleicht erscheint auf dem Bildschirm ein Match. Man wischt sich durch die Bilder des anderen, die nett zurecht gemacht sind, darauf bedacht, nur das Beste von sich zu zeigen. Man liest die Profilbeschreibungen, wo jeder darstellt, wo er schon war, wie er die Welt verändert und überhaupt: warum man ihn, den individuellen, gut aussehenden, smarten, witzigen und klugen Menschen unbedingt treffen sollte.

Und dennoch: Was, wenn das nächste Match noch perfekter ist? Noch aufregender, witziger? Was, wenn man eine Entscheidung trifft, obwohl das echtere Knistern nur einen Wisch entfernt ist? Eine bohrende Frage, die uns alle zu Rastlosen macht. Rastlos auf der Suche nach der Liebe. Rastlos aufgrund der unendlichen Flut an Optionen.

 

Man wischt andere wegen kleiner Makel aus dem Leben

 

„Die enorme Fülle der möglichen Partner und der Informationen über sie überfordert einen“, sagt Prof. Dr. Manfred Hassebrauck gegenüber GEO (Sonderausgabe „Liebe“, Print). „Unser Gehirn hat sich im Laufe der Evolution an Umgebungen angepasst, in denen es mit einer überschaubaren Menge von Reizen und Möglichkeiten konfrontiert ist. Bei der Partnersuche im Internet stoßen Männer und Frauen heute aber auf eine schier unendliche Menge von Informationen – und müssen dennoch eine Wahl treffen.“

Ein Dilemma, das unserer Generation, der auch in anderen Bereichen alle Möglichkeiten offen liegen, Schwierigkeiten bereitet. Kleine Makel werden zu Gründen, einen anderen Menschen aus dem Leben zu wischen, man entscheidet meist nur aufgrund von Äußerlichkeiten. „Digitale Medien erleichtern es Menschen, sich so zu zeigen, wie sie wahrgenommen werden möchten“, sagt Hassebrauck. Wie es um den Humor des anderen bestellt ist, erfährt man vielleicht nie. Denn man hat das Gegenüber ja schon vorher disqualifiziert. Wegen einer zu großen Nase. Oder weil er eine Band mag, mit der man nichts anfangen kann.

Wer viele Möglichkeiten hat, der sortiert auch rigoroser aus. Und genau das ist das Problem! Es geht nicht nur darum, dass digitale Medien zur Entzauberung der Romantik beitragen, wie die Soziologin Eva Illouz behauptet, sondern um das Verlorengehen der kleinen Dinge zwischen Mann und Frau oder auch gleichgeschlechtlichen Menschen, die nicht messbar sind. Um ein Vielfaches mehr kann eine kurze Berührung, das erste Gespräch, das Unerwartete seine Magie entfalten. Denn es findet im echten Leben statt. Oft ohne, dass man eine Erwartungshaltung hat.

 

Verstand aus, Sinne an

 

Trifft man im echten Leben auf einen potenziellen Partner, folgen wir Menschen einem angeborenen Verhalten. Wir prüfen das Gegenüber weniger mit unserem Verstand als mit unseren fünf Sinnen. Und erst dadurch entstehen Momente, die echt sind. Was der andere macht, wie viel er verdient, ob er kleine Makel hat, welche Musik er hört, ob er einen witzigen Spruch auf seinem Profil stehen hat – all das spielt keine Rolle. Denn der Verstand setzt aus und für einige Augenblicke übernehmen die Sinne. Sehen. Fühlen, Riechen und beim Kuss später vielleicht auch Schmecken.

Erst dadurch geben wir Menschen die Chance, uns umzuhauen. Eine Chance, die man auf Tinder vielleicht gar nicht beachtet hätte. Und sollte es nicht genau so sein? Dass es wieder mehr Überraschungen gibt, man nach einem Abend nach Hause fährt und sich denkt: „Hoppla, was war das denn?“ Dass man einen Menschen aus Fleisch und Blut von Grund auf kennenlernt und nicht erst virtuell Hobbys und Biografien austauscht. „Wenn Menschen ihre Partner nach Wunschkriterien aussuchen können, bevorzugen sie oft solche Eigenschaften, die später dazu führen, dass die eine Beziehung wieder beenden“, sagt Prof. Dr. Hassebrauck.

Tinder und Co. haben ihren Nutzen, keine Frage. Man sollte sich nicht von allen Möglichkeiten des digitalen Flirtens verabschieden. Aber wir alle sollten uns wieder ein wenig mehr dem Leben da draußen widmen. In der U-Bahn Blicke auffangen, Menschen, die rein äußerlich nicht zu 100 Prozent dem persönlichen Ideal entsprechen, eine Chance geben. Mutig sein, erste Kontakte mit allem spüren, was man hat, und nicht nur mit den über ein Smartphone wischenden Fingern.

Ein Freund hat letztens ein Mädchen kennengelernt. Er war fürchterlich erkältet und ging in Schlabberlook zur Apotheke. Aspirin gegen die Kopfschmerzen. Das Mädchen fällt ihm gar nicht auf. “Ist eh ‘n Dreckstag”, denkt er. Dann muss er niesen, genau im gleichen Moment wie das Mädchen mit der Carhartt-Mütze und der Jogginghose. Er hebt seinen Blick und sieht sie an. Die beiden müssen lächeln. Ihre Augen leuchten dabei. Und ihre Gesichter auch. Von innen und nicht durch die Außenbeleuchtung eines Handy-Bildschirms.

 

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Bildquelle: Pexels über CC0-Lizenz

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