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Liebeserklärung an: Das Meer im Winter

Eine Liebeserklärung an das Meer im Winter – und warum es keinen besseren Ort gibt, um sich seelisch nackig zu machen.

Es sind die kleinen Dinge, die uns unseren tristen Alltag versüßen und das Leben ein bisschen besser machen. Ob es hübsche Gänseblümchen sind, die am Straßenrand wachsen oder eine Kugel deiner liebsten Eissorte – wir alle haben kleine Muntermacher in unserem Alltag, über die wir nur selten ein Wort verlieren. Das soll sich jetzt ändern! Wir bieten euch eine Liebeserklärung an die kleinen Dinge, die uns in stressigen Situationen retten, an schleppenden Tagen motivieren oder uns die guten Tage versüßen!

 

Hochsommer: Ein zweimonatiger Zeitraum, in dem vor allem in südlichen Gefilden echtes Sardinenbüchsen-Feeling aufkommt, man seine Intimität gegen das Selfie des Büchsen-Nachbarn eintauscht und das Meer als Auffangbecken für verbranntes Fleisch, schwache Blasen und David Hasselhoff Doubles fungiert. Hochsommer, das ist diese leicht reizüberflutete Zeit, in der man sich nicht vorstellen kann, dass der Strand jemals anders aussieht. Also so ganz ohne menschliche Primitivitäten mit Fremdschäm-Potenzial, ohne Sonnencreme mit tropischem Beach-Duft, ohne Nacktheit und Schweißperlen-Flut. Wenn das alles nicht da ist, was bleibt dann eigentlich übrig?

 

Hat das Meer Winterblues?

Als Winterkind mit einem eher unglücklich gelegenen Geburtstag war ich ungefähr dreiviertel meines Lebens davon überzeugt, nur im Sommer existieren zu können. Und der Sommer, der brauchte eben Sand und Wasser, um seine Daseinsberechtigung zu haben, weil, wo sonst zerplatzten schon die Sorgen wie Luftblasen und schmeckte die Freiheit so schön nach Salz? Dreiviertel meines Lebens war ich also auch davon überzeugt, dass das Meer im Winter einfach nur deprimierend sein musste. Tot, leer, öde. Auf graues Wasser starren und vor sich hin bibbern? Keine Menschenseele weit und breit? Hatte das Meer nicht selbst einen Winterblues, bei so viel Einsamkeit?

Das vergangene Viertel hat mich allerdings eines Besseren belehrt. Es hat mich im Winter, zu verschiedenen Zeitpunkten, an verschiedenen Orten, einfach ans Meer geschubst und ein wenig überheblich gemeint: „Du kannst mir später danken.“ Und da stand ich dann auf einmal, alleine oder in stiller Begleitung, und dachte, dass ich auf einem fremden Planeten gelandet sein musste, in irgendeinem Stillarbeitsraum am anderen Ende der Welt mit einem riesigen Schild, auf dem steht: BETRETEN AUF EIGENE GEFAHR!

 

Seelenstriptease am absoluten Nullpunkt

Das Meer im Winter – das ist eine andere Art von Nacktheit. Eine seelische Nacktheit, wenn ihr wisst, was ich meine. Und die entblößt viel mehr als nur Haut, Narben oder Muttermale. Die zwingt einen dazu, alles Oberflächliche loszulassen und tatsächlich mal still zu sein, aufmerksam, aufnahmebereit. Vielleicht zwingt sie einen sogar in die Knie, weil man sich nicht mehr an inhaltslosen oder den Geist völlig absorbierenden Beschäftigungen, Ablenkungen, Ausreden festkrallen kann, weil es plötzlich kein Ziel und keinen definierten Endpunkt mehr gibt. Das Leben reduziert sich mit einem mal auf das Wesentliche und das kann mitunter ganz schön erschreckend sein. Denn, wer ist man eigentlich, wenn man nur sich selbst hat? Wenn da nichts weiter ist außer den Wellen, die immer und immer wieder am Ufer auslaufen, und grauen Wolken, aus denen Nieselregen sprüht, und unendlich viel, fast erdrückendem Platz? Wer ist man eigentlich, wenn man einsam ist?

In diesem Moment wird man mit all dem konfrontiert, was am liebsten ungedacht und gut verschlossen in den Katakomben der Selbstwahrnehmung bleibt. Es gibt allerdings keinen besseren Ort als das Meer und keinen besseren Zustand als Kälte, um die unangenehmsten Gedanken und Ängste auszupacken und sich selbst vor die Füße zu werfen. Denn wer es schön gemütlich hat, der ist auch meist verdammt bequem und muss ja keine unnötige Energie aufwenden. Was ich sagen will: Erst am Meer sieht man tatsächlich den Horizont und stellt fest, dass der eigene sich eigentlich noch ein bisschen mehr weiten kann. Besonders am Meer im Winter sieht man, was es mit einem macht, wie schonungslos und ehrlich, wie wild und gewaltig, wie tiefenreinigend es tatsächlich ist.

 

Der Mensch: ein Würstchen

Was ich aber vielleicht am meisten liebe am Meer im Winter, das ist die Tatsache, dass es uns Menschen klein, unbedeutend und vollkommen machtlos aussehen lässt. Dass es uns mal wieder vom Thrönchen des Hochmuts und der Ignoranz herunterholt. Wir, die wir sonst die Strände bevölkern, als wäre Sonderpostentag bei Media Markt, die wir unsere Körper gedankenlos hinfläzen und meinen, unseren Müll im Sand oder Wasser hinterlassen zu müssen. Weil wir uns so überlegen fühlen. Weil wir so groß sind. Im Winter allerdings sind wir … nichts. Im Winter geben wir die Weltherrschaft über die Natur ab und müssen uns wieder unterordnen. Auch wenn es natürlich trotzdem jedes Jahr aufs Neue dieses eine arme Würstchen gibt, das die Saison mit der Schlagzeile „Tourist wird beim Fotoschießen von Welle erfasst“ eröffnet – und für dieses unscharfe Bild, das wirklich niemanden interessiert, auch noch andere in Gefahr bringen muss.

Dazu bleibt nicht viel zu sagen, außer: The Empire Strikes Back. Das tut es tatsächlich, und ich kann es ihm nicht verübeln. Aber gerade diese Mischung aus Naturgewalt und vorübergehender Unerreichbarkeit – vom Sommer, vom Baden, von all den Dingen im Überfluss – macht das Meer im Winter zu etwas ganz Besonderem für mich. Und wenn ich dann am Wasser stehe, kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen, dass der Strand jemals anders aussieht. Ohne diese grenzenlose Weite, ohne diese unendliche Ruhe, ohne das gute Gefühl, dass ein bisschen Nacktheit in der kalten Jahreszeit die Synapsenbildung wieder anregt.

 

 

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Bildquelle: Sweet Ice Cream Photography via Unsplash unter CCO-Lizenz

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