Liebeserklärung an: die Boazn

Harley hängt an der Wand einer Kneipe

Es sind die kleinen Dinge, die uns den Alltag versüßen. Wir alle kennen diese kleinen Muntermacher, die uns in stressigen Situationen retten, an schleppenden Tagen motivieren oder die guten Tage noch schöner werden lassen! Unsere Liebeserklärung bietet diesen Glücksmomenten eine Bühne.

Liebe Boazn,

ist es nicht seltsam? Man wird hineingeboren in eine Welt voller Erinnerung. Ständig begegnet es einem: Dieses mysteriöse Gestern, das Vor-Deiner-Zeit, das Früher, das zwar in den Fotoalben, Tagebüchern und verklärt-schwelgenden Geschichten unserer Vorfahren stattfindet, doch letztlich durch all diese Erzählungen eben nur das bleibt: Die Erinnerungen eines Anderen. Man steht auf dem Boden dieser Vergangenheit, aus dem das eigene Leben in die Zukunft hineinwächst – doch können wir wissen, wie diese Erde riecht, wie es sich anfühlt mit beiden Händen hineinzugreifen, wissen wir, wie es ist, in diesem Boden des Vergangenen zu gedeihen?

Die Boazn ist ein Loch in der Zeit

Ja, das wissen wir. An der Wand im Le Clou in der Heiliggeiststraße am Viktualienmarkt hängen sie, die Bilder jener Zeit. Leicht verblichen zeigen sie langhaarige Männer mit Schnurrbart und Lederjacke. Unter anderen Freddie Mercury und den ehemaligen Inhaber Klaus Kusterer.

An der Theke sind fast alle Hocker besetzt, als ich den Laden betrete und skeptisch von den dort Sitzenden gemustert und schließlich grunzend begrüßt werde. Ich drücke mich vorbei an den blinkenden Lichtern der beiden Spielautomaten und dem prüfenden Blick der Barfrau zu dem letzten freien Platz, wo ich meine Jacke ausziehe und mir ein Helles bestelle. Es ist ein enger Gastraum, der Platz für maximal 15 Personen bietet. Von der Decke baumeln Instrumente und hinten, über der Treppe, die zu den Toiletten hinabführt, steht eine Harley-Davidson umsäumt von amerikanischen Verkehrsschildern. Es ist ein Ort, der Erinnerungen an eine Zeit heraufbeschwört, in der die Route 66 noch der Inbegriff von Freiheit war.

Heute im Gestern leben!

Ich bin mit Abstand der jüngste Besucher der Boazn. Das Radio spielt Schlager. Hans, der neben mir sitzt, bittet Karo, die Barfrau, eine Geschichte zu erzählen, woraufhin diese den Kopf schüttelt und seufzt: „Ich kenne nur traurige Geschichten, Hans, die willst du nicht hören.“ Karo arbeitet seit knapp 20 Jahren im Le Clou. „Meine besten Jahre sind lange vorbei.“ sagt sie, als ich sie nach den Bildern an der Wand frage. Sie schenkt Hans mit einer Hand ein weiteres Glas Wein ein, die andere Hand ist tief in der Tasche ihres Kapuzenpullovers vergraben. „Das war eine andere Zeit.“

Der Zauber von ein paar Quadratmeter Vergangenheit

Die Boazn ist ein Fenster in eine andere Zeit, durch das Neugierige, Touristen und Zeitzeugen gerne mal nostalgische, mal ironisch-verklärte Blicke werfen, ein Fenster, hinter dessen beschlagenen Scheiben sich ein paar Quadratmeter Vergangenheit gegen den sonst so unbarmherzigen Lauf der Zeit stemmen. Hier, in diesem Loch in der Zeit, lässt sich die Luft atmen, die von all den Geschichten unserer Vorfahren geschwängert ist.

Liebe Boazn, vielen Dank für eine lebendige Vergangenheit.

Folge ZEITjUNG auf FacebookTwitter und Instagram!
Bildquelle: Pixabay; CCO-Lizenz

Während meines Philosophiestudiums und später in der Werbeagentur war ich vor allem immer eins: Ein staunender Beobachter. Am liebsten staune ich über die schönen, kleinen Dinge des Lebens, in denen nicht selten eine Antwort zu den großen Fragen liegt.