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Eine Liebeserklärung an: die Bücherei

Viele finden, du bist zurückgeblieben, oder haben dich vergessen. Aber gerade in einer digitalisierten Welt bist du unverzichtbar. Auf dich, liebe Bücherei!

Es sind die kleinen Dinge, die uns unseren tristen Alltag versüßen und das Leben ein bisschen besser machen. Ob es hübsche Gänseblümchen sind, die am Straßenrand wachsen oder eine Kugel deiner liebsten Eissorte – wir alle haben kleine Muntermacher in unserem Alltag, über die wir nur selten ein Wort verlieren. Das soll sich jetzt ändern! Wir bieten euch eine Liebeserklärung an die kleinen Dinge, die uns in stressigen Situationen retten, an schleppenden Tagen motivieren oder uns die guten Tage versüßen!

 

Du riechst immer ein bisschen modrig, wie ein Überbleibsel aus anderen Zeiten. Und irgendwie bist du das auch. Deine Regale sind gefüllt mit diesen Dingern, die sich als eine der letzten Bastionen gegen das Aussterben der analogen Welt aufbäumen. Diese Dinger namens Bücher lassen sich in deinen dunklen Ecken, die wirklich noch dunkel sind, weil Bücher keine leuchtenden Displays haben, besonders gut verschlingen. Du bist wie eine Zeitkapsel, in die die moderne Welt nicht einzudringen vermag. So scheint auch, sobald ich in deinen Regalen stöbere, die Zeit stillzustehen. Liebe Bücherei, deshalb geht diese Liebeserklärung an dich.

Nein, ich rede nicht von der Bibliothek, in die ich bald jede Woche rennen werde, weil ich noch ein Buch und noch ein Buch brauche, um das Literaturverzeichnis meiner Bachelorarbeit mit wissenschaftlichen Quellen zu füllen. Auch die steckt voller interessanter Bücher. Aber eben auch voller Menschen, die arbeiten, schlafen, unter Druck stehen. Und so wird aus diesem Ort ganz schnell einer, der nichts mit deiner romantischen, geheimnisvollen, inspirierenden Stimmung gemeinsam hat.

 

Die Menschen vergessen dich

 

Aber dir, liebe Bücherei, widme ich viel Liebe, weil du in Vergessenheit gerätst. In dir tummeln sich keine Massen an Studenten, weil sie dich brauchen, um wissenschaftliche Arbeiten mit Zitaten zu füllen. In dir tummelt sich um genau zu sein keiner mehr, weil dich keiner mehr braucht. Die großen Buchhandelsketten integrieren Cafés in ihre Läden, damit die Leute bleiben und lesen, und nehmen dir damit ein Alleinstellungsmerkmal. Bücher werden dort gleich kostenlos gelesen oder direkt gekauft. Oder einfach online bestellt. Dass sie Bücher leihen können, haben die Menschen ganz vergessen.

Genau das war der Grund, warum ich dich als Kind geliebt habe. Ich konnte dich ganz selbstständig besuchen, mir ganz selbstständig Bücher und CDs aussuchen und sie ganz selbstständig mit meinem eigenen Ausweis ausleihen. Und brauchte kein Geld dazu. Hallo, konnte es etwas besseres geben? Stunden verbrachte ich zwischen deinen Schmökern, die Abenteuer mit Pferden oder Liebesgeschichten frecher Mädchen in sich verbargen, oder schaute mir heimlich in der Abteilung für Jugendliche Bücher für Ältere an. Kurz bevor mich meine Mama schon vermisst melden wollte, kam ich dann stolz mit einem Stapel aus der Tür, der größer war als ich selbst. Damals lernte ich auch bereits, wie es sich anfühlt, für das eigene Chaos, in dem man Bücher verschlampt und dann erst nach der Frist wiederfindet, Strafe zahlen zu müssen.

Würde ich allerdings meinen pubertierenden Geschwistern einen Nachmittag bei dir vorschlagen, sie würden mich auslachen. Wer mit Displays aufgewachsen ist, kann Papier voller Buchstaben nicht mehr so viel abgewinnen. Da leuchtet und bewegt sich nichts. Und dann ist Lesen halt auch noch echt anstrengend. Es scheint nur noch zwei Gruppen von Menschen zu geben: Die, die gar nicht mehr lesen, und die, die alles direkt kaufen. Du musst dich furchtbar einsam fühlen.

 

Eine bunte Welt ohne Grenzen

 

Dabei steckst du voller Abenteuer, Ratschläge, Liebesgeschichten, Drama, Rätsel, Todesfälle, Happy Ends, Horror und kurioser Menschen. Du bist der Ort, an dem alles stattfinden kann, das in der Realität keinen Platz hat. Natürlich kann ich all das auch in meinem Smartphone finden. Aber da kriege ich es plakativ in knalligen Farben, Bildern und Videos serviert, ohne dass in meinem Kopf selbst Buchstaben, Bilder und Filme entstehen können.

Ich stelle mir vor, wie all die Figuren deiner Bücher nachts aus ihren Geschichten klettern. Wie sie von Regal zu Regal springen, um jede Nacht auf andere Charaktere und Gestalten zu treffen. Da fallen Faust und Gretchen aus dem obersten Fach des Klassiker-Regals und lernen ein paar Gänge weiter zwischen den Fantasy-Romanen Eragon und seinen Drachen Saphira kennen. Und obwohl sie inzwischen so viel gesehen haben, sind sie immer wieder aufs Neue erstaunt, was diese Welt zu bieten hat. Deine Welt, die so eingestaubt und modrig ist und trotzdem einen weiten Horizont hat. Für viele scheint deine Welt zurückgeblieben, zu wenig entwickelt, zu wenig technologisch und leuchtend. Doch wo können sich Geschichten, ihre Figuren und wir Menschen weiterentwickeln, wenn nicht bei dir? Für mich ist deine Welt eine der buntesten und hellsten überhaupt.

Deine Bücher lagen in so vielen Händen, wurden in so vielen Rucksäcken herumgeschleudert, haben Sand und Kekskrümel zwischen ihren Seiten. Deine Bücher wurden von Liebhabern verschlungen und fallen fast auseinander – doch jedes Stück Papier kann seine eigene Geschichte erzählen. Deine Bücher sind ein bisschen so wie alte Menschen, die ihre Lebenserfahrung im Gesicht tragen und ihren ganz eigenen Geruch versprühen. Und bei alten Menschen fühle ich mich wohl und kann viel lernen.

 

Vorm Aussterben retten

 

Sicherlich habe ich einen Hang zur Romantik, die manchmal einen naiven Schleier über meine Augen legt. Digitalisierung und Kapitalismus sind nun mal da und schwer zu verleugnen. Allen geht es heute darum, alles jederzeit und überall zur Verfügung zu haben, und nicht darum, sich irgendwelche Fantasy-Figuren lebendig vorzustellen. Wer will bitteschön noch Bücher mit in den Urlaub schleppen? Geschweige denn von der einen WG in die nächste? Da sind digitale Bücher auf Tablets oder Smartphones einfach attraktiver.

Aber ich bin gerne ein bisschen zu romantisch und naiv, wenn es darum geht, Institutionen wie dich vor dem Aussterben zu retten. Denn, wenn das die Gedanken der heutigen Gesellschaft sind, erkläre ich gerne, wieso sie überdacht werden sollten. Du bist der Platz, an dem ich mich allem entziehen kann und trotzdem dazulerne. Ich kann mich bei dir stundenlang vor meinen Pflichten verstecken oder erfahren, wie ich meine Pflichten am besten erfülle. In deinen traumhaften Romanen kann ich mich verlieren oder in deinen Ratgebern finden. Während im Sekundentakt News die Welt erschüttern, ist deine Welt eine Zeitkapsel, in der ich kurz Pause machen kann. Nach einem stressigen Tag kann ich den Laptop zu- und eines deiner alten Bücher aufklappen. Du kannst parallel zu Digitalisierung und Kapitalismus existieren, denn dann du bist der Ort, an dem ich mich von ihnen erholen kann.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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