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In der Mitfahrgelegenheit mit einem AfD-Wähler

Es begann mit Katzenfotos – und endete in kühlem Schweigen. Ein Auto, ein AfD-Wähler und der Versuch einer sachlichen Diskussion.

München-Berlin, Wien-Hannover. Fremde Autos, unbekannte Menschen, das Gefühl, endlich ankommen zu wollen oder am liebsten nie: Das ist das nur zu bekannte Prinzip Mitfahrgelegenheit, das wie eine Art Alltagsroulette mal für heiße Nummern auf dem Rücksitz sorgt (solls auch geben…) und mal nicht mehr und nicht weniger ist als die billigste Fahrt zur Hölle ist. Von diesen Geschichten und vor allem denen dazwischen, von den kuriosesten Erlebnissen, von Schlagabtäuschen bei 120 auf der Autobahn und absurden Bekanntschaften erzählen wir in „In der Mitfahrgelegenheit mit…“.

 

Das folgende Gespräch ist subjektiv und gekürzt wiedergegeben und beruht auf meiner – zugegeben höchstgradig wütenden und emotionalisierten – Erinnerung. 

Ich finde Mitfahrgelegenheiten toll. Für die Strecke München – Freiburg zahle ich nie mehr als ’nen Zwanni, habe immer jemanden zum Quatschen für knapp vier Stunden Fahrt über den Bodensee und manchmal hat auch jemand Süßigkeiten zum Teilen dabei. Was aber bei meiner letzten Fahrt geschah, kann an Absurdität nicht übertroffen werden.

Mein Fahrer – nennen wir ihn Ulf – ist 45 Jahre alt, hat einen festen, gut bezahlten Job und fährt einen Neuwagen mit Ledersitzen. Er hat keine Kinder, aber eine weiße Katze. Die Miez fährt regelmäßig mit in den Urlaub, er erzählt überschwänglich von seinem Wohnmobil für 60.000 Euro und den Solarplatten auf dem Dach, die hat seine Frau dort angebracht. Netter Typ, die Katzenbilder sind auch süß und trotz des Unwetters um 22.00 Uhr abends fährt er den Wagen sicher. Er erzählt von Ausflügen in die USA und einem guten Kollegen, der sehr schlau und belesen sei. Dieser würde in den US- Wahlen auf jeden Fall für Trump stimmen. Ulf findet das sehr gut – denn Trump ist endlich mal keiner „vom Establishment“ und außerdem würde er endlich „mal sagen, was Sache ist!“

Es ist das erste Mal: Ich habe einen Menschen live vor meinen Augen, der Trump geil findet. Ich bin gespannt – fange aber auch an, leicht unruhig auf meinem Sitz herumzurutschen.

 

„Wenn ihn so viele wählen wollen, kann er ja so falsch nicht liegen“

 

Ulf und der zweite Mitfahrer diskutieren wild. Trump sei gar nicht so ein Idiot, das würde ja nur die Presse immer wieder schreiben, um uns mit Fehlinformation versorgen zu wollen. Ich schweige. Will mich eigentlich nicht einmischen, denn mit dem Fahrer zu streiten ist nie eine gute Idee. Außerdem bin auch ich von der Lügenpresse. Nach einer halben Stunde – Ulf meinte gerade, was Trumps Kriegspolitik angehe, so sei sie hervorragend  – kann ich mich nicht mehr halten. Die folgende Diskussion, die so tut, als wäre sie eine, geht ungefähr so:

 

Ich: Du weißt aber, dass Trump eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen will, er die Mexikaner zu Verbrechern erklärt und die Multi-Milliarden für den Bau aber von ihnen finanzieren lassen möchte? (Ich erkläre ausführlich den Kostenplan und die falschen Wahlversprechen Trumps)
Ulf: Mmmhja. Aber wird er ja nicht Unrecht haben. Wenn ihn so viele wählen wollen, kann er ja nicht sehr falsch liegen.
Ich: Dann sind wir Hitler aber auf den Leim gegangen.
Ulf: Bei Hitler hat die Politik zuvor versagt und er hat wirtschaftliche Lösungen geboten.
Ich: Hitler war ein überragender Redner und ist auf die Wirtschaftskrise aufgesprungen, um seine beschissene Ideologie durchzusetzen. So wie es die AfD heute mit der Flüchtlingskrise tut. Trump und die AfD fahren doch denselben Kurs, was Migrationspolitik angeht!
Ulf: Da hammse ja aber auch Recht. Wessen Steuern gehen denn da drauf, wenn die Migranten einfach herkommen? Die wollen hier nicht arbeiten, sondern nur Lebensmittel umsonst. Die lassen ihre Frauen und Kinder dort und missbrauchen unsere Frauen im Land. Was für Menschen lassen außerdem ihre Familie im Kriegsgebiet zurück?
Ich: Schon mal überlegt, wie viele deutsche Männer nach Thailand fliegen und den Sextourismus enorm ankurbeln?
Ulf: Das ist aber nicht illegal!

 

Wir schweigen zehn Minuten. Ich habe Herzrasen, schaue auf das Navi – noch zwei Stunden, bis wir in München ankommen.

 

Ulf: Dass alle immer die AfD verteufeln…. Die werden doch nur aus Prinzip gehasst.
Ich: Hast du mal in ihr Wahlprogramm geschaut? (Ich zähle ihm die Absurditäten auf)
Ulf: Das steht da nicht.
Ich: Doch. Du kannst es nachlesen.
Ulf: Nein!
Ich: Doch. Und außerdem sind sie gegen erneuerbare Energien.
Ulf: Ja, die sind ja auch scheiße. Außerdem zerstören sie den Finanzhaushalt der armen Leute.
Ich: Hast du nicht Solarpanels auf deinem Wohnmobil?
Ulf: Ja, aber nur weil das Kabel zu kurz ist, um zur Campingplatzsteckdose zu kommen.

 

„Nur weil sich ein Fußballer mal einen Porsche kauft, geht es mir nicht schlechter“

 

Ulf: So was macht mich kirre, da bin ich auf 180! Ich könnte mich so aufregen über diese Gutmenschen! Da geht es um unsere Steuern!
Ich: Schon mal was von den Panama-Papers gehört und den Steuern, die dadurch verloren gegangen sind?
Ulf: Ach komm, nur weil sich ein Fußballer mal einen Porsche kauft, geht es mir nicht schlechter.

 

Wieder Schweigen. Wir fahren mit Tempo 140 auf der Autobahn, im Regen. Fahrer wütend, ich möchte kotzen. Mein Kopf rast, alle Argumente rasseln mir auf einmal durch den Kopf. Ich will nichts mehr sagen.

 

Ulf: Alle schimpfen ja auch immer auf Putin. Aber schon komisch, die USA schicken über 100 Flugzeuge zum IS, schaffen es aber nicht, die zu bekämpfen. Putin schickt 30 und seitdem ist Ruhe.
Ich: Darüber kann ich nicht viel sagen. Ich kann mir aber vorstellen, dass Russland eine enorme Anzahl an Zivilisten und Kindersoldaten bei der Bombardierung Syriens hat draufgehen lassen.
Ulf: Ach. Wenn wir einfach die Grenzen zu machen, dann wäre das auch alles kein Problem mehr! Merkel sagt immer, das geht auf keinen Fall. Aber schau dir Mazedonien an! Die machen einfach die Grenze dicht und alles verläuft auf einmal friedlich. Da klappt das auch! Stand in der Zeitung.
Ich: Ich möchte nicht mehr darüber reden. Keiner kann mir erzählen, dass das friedlich abläuft. Und so ein Grenzschutz kostet mehrere Milliarden.
Ulf: Davon hab ich nichts gelesen in dem Zeitungsartikel. Und ich glaub das jetzt einfach mal, wenn’s so geschrieben wird.
Ich: Das ist dann keine Lügenpresse?

 

Weitere Stilblüten möchte ich euch vorenthalten. Es ging mitunter um den Islam, der nicht zu uns gehört, weil sie brutale Extremisten sind. Es ging um mexikanische Vergewaltiger, um Frühsexualisierung im Schulunterricht und um Homosexuelle.

Mein Fazit? Es ist extrem unbefriedigend, mit so einer Person zu diskutieren. Oder besser gesagt, es geht gar nicht, da sie alle Argumente mit dem Hammer kaputt schlagen. Um Justizminister Heiko Maas in seinem heutigen Gastkommentar für den SPIEGEL über die AfD zu zitieren: „Es ist schwer, mit Menschen zu diskutieren, die Fakten ignorieren, überall ‚Elitenbetrug‘ oder ‚Lügenpresse‘ wittern und ihre Realität aus den Verschwörungszirkeln des Internets zusammenklauben.“ Danke Heiko, du musstest dich wahrscheinlich schon öfters mit Menschen wie Ulf unterhalten.

Wir kommen in München an. Ulf lässt mich aussteigen, bedankt sich für das interessante Gespräch. Hat sich John Oliver als Namen von mir aufschreiben lassen, ich kann nur hoffen, dass er mal reinschaut. Ulf hat übrigens statt 20 Euro Gebühren für die Fahrt exakt 22 Euro verlangt. Wahrscheinlich hat er Angst um seine Zukunft.

 

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Bildquelle: Juan Di Nella via Unsplash unter cc0-Lizenz

Kommentare

  1. Kann nur traurig bestätigen was du hier schreibst hab schon mehrere dieser „Diskussionen“ oder „interessanten Gespräche“ hinter mir. Leider auch mit Leuten von denen ich dachte sie hätten die gleiche Einstellung wie ich aber „das Studentenpack ist eh immer links“ sowas von den eigenen „Freunden“ zuhören war schon sehr hart. Vor allem wenn man dann irgendwann gesteckt bekommt dass eben diese Freunde im nachhinein sagten, dass sie mich fast verprügelt hätten wenn ich weiter „so einen Mist“ erzähle.

    Patrick / Antworten
  2. Was soll diese rechte Hetze? Da ist n = 1 und die Person wird gleich generalisiert? Und der Autor behauptet, neutral und mit Argumenten überzeugen zu wollen (und zu können)? Das ist nicht lache…

    Das nenne ich einen besch******* Artikel, mit dem ich mich auch gleich bei ZEITjUNG verabschiede.

    Neutral / Antworten
    • „Das folgende Gespräch ist subjektiv und gekürzt wiedergegeben und beruht auf meiner – zugegeben höchstgradig wütenden und emotionalisierten – Erinnerung.“

      xyz / Antworten

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