Nackte Tatsachen: Die neue Prüderie

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Unsere Eltern sind verdammt gerne nackt: Wer einmal das baumelnde Gemächt seines Vaters gegenüber des Gesichts des neuen Schuldfreunds, den man gerade mit nach Hause gebracht hat, gesehen hat, weiß das. Peinlich! Nicht für deinen Vater natürlich. Nur für dich.

Das bedeutet für viele von uns, dass einige der einprägsamsten Momente unsere Jugendzeit die nackten Geschlechtsmerkmale unserer Eltern beinhalten. Diese Momente decken sich natürlich nicht mit denen unserer Eltern – Mutti und Vati war das nämlich schon immer ziemlich egal. Nackt sein ist nichts Schlimmes. Nackt sehen wir alle gleich aus. Haben sie uns immer gesagt. Verstanden haben wir das bis heute nicht so ganz. Schon beim Gedanken ans bedingungslose Blankziehen treibt es vielen von uns die Schamesröte ins Gesicht. Aber wann und wo genau ist die ganze schwer erkämpfte Freizügigkeit unserer Elterngeneration verschwunden. Wieso genau sind wir so gschamig?

 

Unsere FKK-Kindheit

 

Eine Userin in einem Forum für junge Eltern schreibt im eigentlich so aufgeklärten Jahr 2014: „Mein Mann achtet peinlich genau darauf, vor unserer Tochter nicht nackt zu sein, und ich versuche eigentlich auch, es zu vermeiden.“ Es geht um ein vierzehn Monate altes Baby. Als ich meiner fünfzig Jahre alten Mutter diesen Satz vorlese, lacht sie. Nie wären sie und mein Vater auf die Idee gekommen, „peinlich genau“ darauf zu achten, sich vor mir und meinen Geschwistern hochgeschlossen zu präsentieren. Lieber alles an die frische Luft. Der FKK-Spirit war nie allzu weit in unserer Kindheit.

Aber was hat das aus mir und der besorgten jungen Mutter in dem Forum gemacht? Auf jeden Fall keine hemmungslosen Blankzieher. Unsere Generation befindet sich weit weg vom absoluten Nudismus und schlittert immer mehr auf die figurumschmeichelnde Nonnenkutte zu. Wir würden gerne genauso lässig mit unserer nackten Haut umgehen, wie unsere Muttis und Vatis, scheitern aber jeden Tag aufs Neue. Und wenn einer dann doch mal Spaß und Freunde an der öffentlichen Zurschaustellung seiner Nacktheit hat, sind die schrägen Blicke und beschämten Gesichter nie weit. Mit nackt sein kommen wir nicht klar. Vielleicht weil wir einfach schon zu viel gesehen haben.

 

Die Widersprüchlichkeit unserer Nacktheit

 

Wir leben ein Paradoxon. Auf der einen Seite schmücken wir uns damit, emanzipierter und freier zu sein als unsere Mütter und Väter und auf der anderen Seite ist ein unschuldiger Nippel, der aus einem Oberteil heraus blitzt, ein kleiner Skandal am WG Stammtisch. Bye, bye wildes Kommunenleben – möglichst bedeckt rennen wir durch unsere gemeinsamen Wohnungen. Nacktheit ist für die dunklen Schlafzimmer gemacht. Außerhalb der privaten Laken fühlen wir uns ganz schnell unwohl.

Vielleicht haben wir einfach zu viel gesehen: Film, Fernsehen und Medien allgemein zeigen uns täglich großartig geformte Körper: Es ist die ideale Nacktheit, ein Begriff, der seit der griechischen Antike besteht und schon damals die nackten Körper der 0815-Griechen von denen der gemeißelten Statuen unterschied. Was hingegen bei uns abwärts des Gesichts passiert, kommt dem Idealbild oft so gar nicht ähnlich. Der ganze Schwabbel, der irrationale Haarwuchs und die lilablauen Flecken an den Knien sind unbedeckt oftmals einfach keine Augenweide. Und wir, eine Generation, die süchtig nach Vergleichen ist, findet sich einfach nur hässlich. Klar, verglichen mit der  samtig-weichen Photoshopwelt sind wir es ja auch. Nacktheit ist mittlerweile gleichbedeutend mit Verwundbarkeit.

Die Frage, die bleibt: Wie war das früher? Damals, bevor schon jeder Zehnjähriger nackte Frauen- und Männerkörper über verschiedenste Bildschirme flimmern gesehen hat? Antworten finden wir bei unseren eigenen Eltern. In meinem Fall sind das weder Borderline Nudisten, noch prüde CSU Vorsitzende. Ganz sicher haben sie aber ein deutlich stressfreieres Verhältnis zu ihrem Körper und besonders zu ihrer Nacktheit. Stressfreier und gesünder als die verschiedenen Körperwahrnehmungen meines gesamten Freundeskreises.

 

Nacktheit und Protest

 

Zu den jugendlich knackigen Zeiten meiner Mutter war Nacktheit noch eine Form von Protest gegen das, was davor war, also die Verklemmtheit unserer Großeltern. Sich mit sechzehn barbusig an die Isar zu legen war für unsere Eltern ebenso skandalös wie aufregend. Ein kleiner Aufschrei gegen die prüden Eltern. Ist also unsere Scheu vor der eigenen nackten Haut genau das: Eine Gegenbewegung? Ist das unsere eigene Art von ziemlich unauffälligem Protest? Hochgeschlossene Hemden und kindliche Rundhalskrägen sind auf jeden Fall keine Aufmerksamkeitsmagneten. Im Gegenteil: Wir verstecken uns in Kleidung und möchten nicht den Anschein erwecken, als litten wir an vollkommen falscher Selbsteinschätzung. Wir wissen schon, dass wir nackt nicht so fantastisch wie David Beckham in Unterhose aussehen.

Ist das nun ein Problem oder einfach nur ein Abwehrreflex, um in der übersexualisierten Welt, in der wir leben, ein kleines Stück Geheimnis und Ungewissheit zu bewahren? Die ganze Wahrheit zeigen wir dann eben nur noch einer einzigen Person. Die Überraschung bleibt. Nackte Haut muss nicht mehr zum Protest eingesetzt werden, nackte Haut ist ganz zur Privatsache geworden. Vielleicht müssen wir unserer Elterngeneration sogar dafür dankbar sein, dass sie den Weg für unsere neue Prüderie geebnet haben. Wir haben alles schon gesehen und uns gegen die eigene Zurschaustellung entschieden.

 

Mach doch, was du willst!

 

Am Ende ist es aber tatsächlich wie mit allem in Leben: Was zählt ist, das was du wirklich willst. Willst du nackt sein, haben wir das Glück in einer Gesellschaft zu leben, in der das kein Problem mehr ist. Das Einzige, das dem totalen Blankziehen im Weg steht, ist wie so oft unser eigener Kopf. (Und manchmal auch die gegenwärtige Gesetzeslage). Bikini Figur hin oder her, wer will, der kann – Zweifel an der Schönheit des eigenen Körpers lassen sich manchmal auch durch das Überwinden der Ängste beseitigen. Und das ist doch eigentlich ein schöner Gedanke, den wir uns alle das nächste Mal zu Herzen nehmen sollten, wenn wir mal wieder die Augenbrauen hochziehen wollen über den kleinen Rest der FKK Liebhaber am Badesee. Wenn’s glücklich macht…

 

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Bildquelle:Lies Thru a Lens über CC BY 2.0