Nacktheit: Wie uns die Medien das Theater versauen

 

Literweise Kunstblut auf der Bühne? Nichts Neues. Dadaistisches Rumgeschreie, brutale Gewalt? Alles schon gesehen. Nackte Brüste, Genitalien? Gähn.

 

Stopp. Eigentlich. Denn sobald sich ein Schauspieler im Theater auszieht, wird der Abend in ungefähr acht von zehn Fällen darauf reduziert. Wie man es doch leid ist, immer nackte Leute auf der Bühne sehen zu müssen – als ob einen das heute noch schocken könnte. Und wieso die eigentlich schon wieder blank ziehen mussten, das war für die Handlung doch völlig unerheblich?!

 

Es ist immer ein Paradox: einer auf der Bühne entblößt sich, alle stöhnen darüber, wie Nacktheit heutzutage doch keinen mehr schocken kann, aber reden noch in der Kneipe aufgebracht darüber. Und die, die sich nicht an der Nacktheit per se stören, klagen, dass sich „immer die Falsche auszieht“, wie Ulrike Traub bemerkt, die eine ganze Doktorarbeit zu diesem Thema geschrieben hat.

 

Die Körper auf der Bühne erinnern uns an uns

 

Von jeder dritten Litfaßsäule lächelt ein halbnackter Mensch auf uns herab. In der Werbung, im Kino, im Museum, wir sehen ständig nackte Körper und stören uns nicht daran – im Gegenteil. Der Grund, aus dem es immer mehr textilfreie Werbung gibt, ist schlicht: weil sie funktioniert. Aber was macht es denn für einen Unterschied, ob wir entblößte Körper auf einer Leinwand oder auf einer Bühne sehen? Wieso ist uns Nacktheit im Theater so unangenehm?

 

Fragt man uns, wie unser Verhältnis zur Körperlichkeit heute ist, würden wir in einem ersten Impuls wahrscheinlich sagen, es ist zwanglos, frei. Die Gesellschaft ist hierzulande schließlich nicht mehr so prüde wie noch vor ein paar Jahrzehnten, wo an manchen Stränden schon mal ein Polizist zwischen deinen Beinen herumfuhrwerken konnte, um zu messen, ob der Badeanzug genug Haut bedeckt. Heutzutage sind wir offen, aufgeklärt, es gibt keine Tabus mehr, Menschen ohne Klamotten gehören durch die Omnipräsenz in den Medien zu unserem Alltag fast genau so wie aufwendig verhüllte.

 

Das Problem im Theater ist aber auch nicht, dass Schauspieler nichts anhaben. Sondern wiesie nackt aussehen. Die Körper, die uns in den Medien vorgesetzt werden, sind alle schlank, glatt, makellos. Die Menschen auf der Bühne dagegen haben Haare an den falschen Stellen, Dellen, Leberflecken, Sommersprossen. Sie erinnern uns ein bisschen an uns. Und genau das macht uns Angst.

Irgendwie haben wir uns nämlich an die durch Photoshop aufgemöbelten Supermodels in den Medien mit den prallen Brüsten und der Elfenbeinhaut schon so gewöhnt, dass wir angefangen haben zu glauben, alle Menschen sähen so aus. Und sind deshalb genervt, wenn uns ein Schauspieler mittleren Alters mit Cellulite am Arsch da dazwischenfunkt.

 

Beim Anschauen angeschaut werden

 

Außerdem ist Theater ein Livemedium, das sich gerade durch seine Unmittelbarkeit auszeichnet. Man kann sich nur schwer dem entziehen, was da auf der Bühne passiert. Man kann nicht weiterzappen, nicht weiterblättern, nur schwer wegsehen. Und vor allem – man wird nicht nur zum Voyeurismus gezwungen, sondern auch noch beim Anschauen selbst angeschaut. Wenn wir einen Werbekatalog durchblättern, sieht keiner, wie lange wir wohin schauen. Im Theater werden wir jedoch beim Hingucken beobachtet, und das kann verdammt unbehaglich werden.

 

Zieht sich einer aus, schielt man doch ständig nach links und rechts, um zu sehen, wie die Nachbarn so reagieren. Kichern sie auch verstohlen wie beim Sexualkundeunterricht? Oder bleibt die Maske des kosmopolitischen Kulturkenners unberührt und er sieht aus, als würde er schon überlegen, wie er dieses theatrale Zeichen in der Pause mit der Semiotik von Fischer-Lichte erklären kann?

 

Protest gegen den medialen Gestaltungsimperativ

 

Aber man kommt auch ohne Fischer-Lichte, mit ein bisschen soziologischer Analyse aus: die Medien erlassen ein Schönheitsdiktat, das sagt, wie ein ästhetischer Körper nackt auszusehen hat – und auch wenn man eigentlich weiß, dass die meisten Werbemodels unerreichbare, weil retuschierte Ideale darstellen, rennt man trotzdem ins Fitnessstudio und zum Brasilian Waxing. Im Theater dagegen werden wir mit Körpern konfrontiert, die nicht immer optimal ausgeleuchtet sind – menschlich, könnte man sagen.

 

Nacktheit auf der Bühne ist oft viel mehr als das bloße Ablegen von Textil. Es ist ein Abwerfen von gängigen Normen, ein Protest gegen den Gestaltungsimperativ der Medien, ein Seelenstriptease des Zuschauers.

 

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Bildquelle: Nadja Tatar unter cc by 2.0

Comments
  • Tom

    Mein „erstes Mal“ war im Stück „Diesseits“ am Düsseldorfer Schauspielhaus. Zunächst zog Wolfram Rupperti sein Hemd aus und zeigte die wohl haarigste Brust, die ich bis dahin gesehen hatte. „Wow“ dachte ich. Aber es dauerte nicht lange und plötzlich zog er auch seine Hose und Unterhose aus und stand splitternackt da. Jeder im Saal konnte seinen beschnittenen Penis, der von Unmengen an Schamhaaren umgeben war, sehen. Und er konnte sicherlich sehen, dass wir alle auf sein bestes Stück schauen. Muss doch komisch sein, wenn da Nachbarn, Bekannte, Freunde, Verwandte oder die Kassiererin aus dem Supermarkt im Publikum sitzen.

    03/11/2017
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