Natürlichkeit ja, aber bitte ästhetisch!

Um ungeschminkt auszusehen, braucht man laut diversen Beautyseiten im Internet nur zehn Minuten. Ein bisschen Foundation, Concealer, etwas Puder, Rouge (sparsam verwenden!), farbloser Lipgloss oder ein Lippenstift in Nude. Und schon steht es, das Gesicht, das Natürlichkeit und Verletzlichkeit suggerieren soll, und dabei eigentlich nur eine etwas reduzierte Maske der Selbstinszenierung ist.

 

Selbstfindung unter dem Abfallberg

 

Schminken ist wie Lügen, aber mit der aufrichtigen Bestätigung, dass es sich um Lüge handelt. Jeder weiß, dass wir nicht mit dick geschwärzten Wimpern aufwachen, außer man hat es im Suff mal wieder nicht geschafft, sich abzuschminken, und selbst Männer erkennen roten Lippenstift als Fremdeinwirkung. Doch jetzt schreit der gesellschaftliche Tenor, wir brauchen das gar nicht, vor allem echte Menschen sind liebenswert, ungeschminkte Mädchen doch am Schönsten! Und das hört nicht beim Aussehen auf, das geht weiter, unter die Haut: Wir wollen wieder mehr an der frischen Luft sein, campen gehen, auf Festivals, Bäume spüren, atmen. Wir wollen endlich wieder atmen, verdammt! Wir wollen gesünder kochen und am liebsten alles selbst anpflanzen. Wir wollen unser Leben entmaterialisieren, aber eben nicht uns, wir wollen uns von materiellem Müll befreien und uns selbst irgendwo unter dem Abfallberg finden. Der Trend geht in jedem Gebiet unseres Lebens gerade zur Natürlichkeit, zur Unverfälschtheit, zum Rohen, Elementaren. Weg von der Lüge. Hin zur Wahrheit.

Doch nur auf den ersten Blick ist das eine Rückbesinnung zum Natürlichen. Wenn man dann nämlich tatsächlich in das ungeschminkte, nicht perfekte Gesicht einer Mittzwanzigerin mit Akne blickt, ist die Aufregung groß. Natürlichkeit ja, aber bitte ästhetisch!

 

„You look disgusting“

 

Die Beauty-Bloggerin Em Ford aus London musste genau das erfahren. Sie leidet unter schwerer Akne, doch das bleibt den Zuschauern auf YouTube meistens verborgen: Ein hübsches Mädchen mit perfekter Porzellanhaut und rosigen Lippen winkt mir von der Kamera entgegen, als ich den ersten Clip von „My Pale Skin“ anschaue, ein bisschen perfekt, ein bisschen langweilig – typisches Bloggergirl. Doch im Februar zeigte sich Em erstmals ohne ihren Schutzpanzer, trat ohne Make-up vor die Kamera, entblößte Pickel, Entzündungen, Narben. Seitdem wurden mehr als 100.000 Kommentare zu ihrem Gesicht ins Internet geschossen – „I can’t even look at her“, ist nur ein Beispiel, „Her face is so ugly“, „gross“, „horrible“, „eww“. „You look disgusting“.

You look disgusting. Diesen Titel hat die Britin auch für ihren Kurzfilm gewählt, den sie als Reaktion auf den Cyber-Aufruhr produzierte. Der Clip ist jedoch nicht nur eine Trotzreaktion auf Haterkommentare, sondern vor allem eine Kritik an den verqueren Schönheitsidealen unserer Zeit: „Ich wollte einen Film schaffen, der zeigt, wie die sozialen Medien unrealistische Erwartungen schüren, sowohl an Frauen als auch an Männer“, erklärt sie auf ihrem Blog. Das bringt vor allem viele Mädchen ins Schleudern; hatten sie sich vorher einem bewussten Schönheitsdiktat unterworfen und ihr Gesicht bepinselt, um es einzureihen in zeitgenössische Visagengemälde, müssen sie sich nun anmalen, um am Ende auszusehen wie eine weiße Leinwand. Das Ergebnis ist immer noch ein klares Postulat, aber irgendwie haben sich die Spuren verwischt, wie man dort hinkommen soll. Wir wollen natürliche Gesichter, aber wir haben bei all der Selbstinszenierung vergessen, wie diese aussehen.

In dem Film sieht man die Bloggerin zunächst ungeschminkt, sie sieht verunsichert aus und beschämt. Dann fliegen links und rechts die hämisch-schockierten Kommentare ein. Doch als sie ihr Make-up aufträgt und sich allmählich in eine dieser Hochglanzmodels verwandelt, erneut Kommentare, nur diesmal mit anderem Tenor: „You look beautiful“, „You’re so pretty“. „You are perfect“. Em lächelt jetzt selig, selbstbewusst.

 

 

Leben ohne materielle Zwänge? Erst mal einkaufen!

 

All diese Bemerkungen beziehen sich auf dieselbe Frau, nur eben einmal mit Schutzpanzer und einmal ohne. Einmal „natürlich“ – und einmal natürlich, ohne Anführungsstriche. Ohne Make-up. Wer sich tatsächlich ganz natürlich zeigt, und zwar im ursprünglichen Sinne, muss mit empörten bis verletzenden Blicken und Worten rechnen, die neben erstem Ekel vielleicht vor allem von Einem zeugen: Angst. Die Reaktionen auf diesen kosmetischen Striptease sind exemplarische Produkte einer neuen Doppelmoral: Einerseits wird Natürlichkeit und Glaubwürdigkeit gefordert, andererseits kriegen wir diese nur noch durch geschickte Inszenierungsstrategien zustande. Können wir gar nicht mehr anders?

„Wir suchen das einfache Leben – und verheddern uns dabei in Widersprüchen“, schreibt auch Susanne Schäfer in einem treffenden ZEIT-Artikel über den neuen Minimalismus-Trend. „Eigentlich wollen wir all den Krempel ausmisten, der das Leben so unübersichtlich macht, aber dazu kaufen wir erst einmal etwas ein“. Tatsächlich ist der neue Minimalismus eine Mogelpackung, vielleicht ein Minimalismus, aber mit maximalen Mitteln: Wir wollen Raw Food und brauchen dafür erst einmal eine fancy Saftpresse. Wir wollen campen, endlich wieder ganz nah bei der Natur sein, ohne diesen materiellen Schnickschnack – besorgen uns dafür aber erst einmal ein neues Multifunktionszelt. Und wer ungeschminkt aussehen will, braucht eben die richtigen Produkte. Während ein aufwendiges Abend-Make-up stolz verkündet: Ja, es ist nicht alles echt, aber wen juckt das schon, heuchelt sich die neue Natürlichkeit etwas von unangestrengter Lässigkeit zusammen, von Ehrlichkeit und Schönheit ohne Mühen. Und ist am Ende eigentlich nicht mehr als eine hautfarbene Hülle, die wir über unsere ganzen Anstrengungen und Ausgaben spannen.

 

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Bildquelle: Screenshot (Youtube)

Man hat uns gesagt, eine "witzige Kurzbeschreibung" zu unserer Person zu schreiben. Schrecklich, sowas übt immer enormen Druck auf mich aus. Also: Ich bin leider nicht mehr Ende 10, sondern mittlerweile Anfang 20, liebe Gin Tonic und Zitroneneis. Wenn ich nicht gerade Vorlesungen der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft schwänze, beobachte ich fremde Menschen in der U-Bahn und schmiere meine Gedanken in ein existentialistisches Suhrkamp-Notizbuch oder überrede Bands und Sänger dazu, Pfefferminzlikör mit mir zu kippen. Und den Witz überleg ich mir morgen.