„New Pokémon Snap“: Schnapp sie dir alle!

Es raschelt. Nein, doch nicht. Oder…war etwa was? Verdammt, jetzt ist es zu spät, das Sichlor ist weg. Und weil der Sekunden-Gram uns derlei aus der Konzentration gebracht hat, gingen uns gleich auch noch ein Nidorina, ein Quapsel und ein Papungha durch die Lappen. Versnapt nochmal.

So oder so ähnlich geht es einem häufig, wenn man „Pokémon Snap“ spielt. Dafür hasst man das Spiel genauso, wie man es liebt. Im Jahr 2000 kam es erstmals auf den Markt, als der Pokémon-Hype so ziemlich seinen Zenit erreicht hatte. Von da an wollte und sollte man Pokémon nicht nur mit dem Pokéball einfangen, sie als Sammelkarten oder auf Brotdosen mit sich herumtragen, sondern auch noch fotografieren.

Und so sehr man hier den Vorwurf des Ausschlachtens eines Franchises anbringen möchte: Das Spiel hat Spaß gemacht. Tut es heute vermutlich noch immer. Das Prekäre an Nintendo-64-Spielen ist indes: Sofern sie in 3-D gehalten sind, und das trifft auch auf „Pokémon Snap“ zu, sind sie unvorteilhaft gealtert. Sie sehen aus, als hätte jemand sie in die Waschmaschine geworfen und diese auf „Aberdeen by Night“ gestellt: Überall Nebel, Schlieren – schlechte Sicht eben, wie in einer schottischen Gasse bei Nacht.

Atemberaubende Landschaften, putzige Bewohner

Nun kommt „Pokémon Snap“ neu für die Switch auf den Markt. Und verspricht wieder das Gefühl von damals hinaufzubeschwören. Diesen merkwürdigen Zustand zwischen Konzentration, Verzweiflung, Wut, Stolz und Begeisterung. Letzteres nicht zuletzt, wenn man sich dabei erwischt, wie man, anstatt sich auf das Scharfstellen der Linse zu konzentrieren, mit seinen Gedanken abschweift und sich in der Pracht der wundervollen Landschaften inklusive seiner putzigen Bewohner verliert.

Hier setzt die Neuauflage dem Original definitiv „einen drauf“: Okay, wer weiß, wie wir die Optik des Spiels in 20 Jahren bewerten werden. Aber für anno 2021 sieht das einfach wunderbar aus. Eben exakt so, wie es bei einem Pokémon-Spiel sein sollte: Herrlich bunt, mit Liebe zum Detail, filigran, fröhlich und sich keiner zusätzlichen Farbnuance zu schade. Ob schillerndes Schillok, drolliges Digda oder funkelndes Flamara, „Pokémon Snap“ ist ein Augenschmaus.

Als seine Mutter während der Schwangerschaft versehentlich Goethes "Die Leiden des jungen Werther" verschluckte, war klar: Dieser Junge wird später schreiben. Hat geklappt! Angetan hat es ihm dabei der Spagat zwischen high culture und low culture - nichts ist zu nieder, nichts ist zu himmelhoch! Will heißen: In seinem Regal steht der Nietzsche neben dem Bruce-Springsteen-Songbook, an seiner Wand hängt Hokusais "The Great Wave" neben dem Adventure-Time-Artwork. Wenn er mal nicht in die Tasten haut, um sich (populär-)kulturellen Welten zu widmen, dann findet ihr ihn mit seinen Joggingschuhen im Grünen oder aber mit seiner Gitarre im stillen Kämmerlein.