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Auch unsere Großeltern waren Flüchtlinge

Oma und Opa waren Flüchtlinge. Wieso ist dann ausgerechnet die ältere Generation so skeptisch in der Flüchtlingskrise?

Oben im Elternhaus, im Arbeitszimmer meiner Mutter, steht ein kleiner Koffer aus abgewetztem Leder. In diesen Quadratzentimetern war damals alles, was meine Großmutter mitnahm, als sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester die Flucht antrat, aus Pommern in einen bitterkalten Winter. Heute liegen darin Kinderzeichnungen von meinen Schwestern und alte Urkunden, die Geschichte mit Wachs und Wasserfarben übermalt.

 

Wildschweine, Kartoffelkäfer, Flüchtlinge: die drei großen Übel des Krieges

 

Meine Oma war Flüchtling. Unterwegs malte meine Urgroßmutter ihr mit Kohle schwarze Flecken ins Gesicht; Angst hatte man, vor allem vor den Russen, die eine Schwäche für Schnaps und frische dreizehnjährige Mädchen mit dicken blonden Zöpfen hatten. Dann lieber ein junges Gesicht entstellen. Die Vertriebenen, die 1945 mit nichts als ihren Kleidern am Leib und einem Lederkoffer ihre Häuser verlassen mussten, sahen sich nicht nur mit Verlust, Terror und einer ungeheuren Entwurzelung konfrontiert, sondern wurden auch, wo immer sie hinkamen, gehindert, neue zu schlagen: Der Empfang im Westen war alles andere als herzlich, den Zutritt in fremde Bauernhäuser erkämpften sie sich eher, als dass man ihn ihnen gewährte. Wildschweine, Kartoffelkäfer und Flüchtlinge, so sagte man, waren die drei großen Übel des Krieges. „Polacken“, nannte man sie, „Zigeuner und Gesindel“.

 

Wiederholen sich Fehler der Vergangenheit?

 

Viele unserer Großeltern kennen sich also bestens aus mit Flucht und Vertreibung, auch mit dem Phantomschmerz der Heimatlosigkeit. Wie kommt es dann, dass wir das Gefühl haben, dass gerade die ältere Generation so skeptisch ist gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien oder dem Irak? „Fremdheit und das Fremde haben Mehrheitsgesellschaften stets eingeschüchtert“, sagt der Historiker Andreas Kossert, doch das sei zunächst ganz normal: „Fast alle Menschen haben Angst vor Veränderung.“ Diese Angst war bereits damals größer als das Solidaritätsgefühl zu den eigenen Landsleuten. Doch wiederholen sich nun die Fehler der Vergangenheit?

Das Problem, das sich bei einem Vergleich der Situation nach Kriegsende 1945 und der heutigen Flüchtlingswellen stellt, die über das Mittelmeer nach Deutschland geschwappt kommen, liegt schon in der eingangs formulierten Frage: Dass die Seniorengeneration tendenziell eine Abwehrhaltung gegenüber Flüchtlingen einnimmt, lässt sich weder erklären noch empirisch belegen. Es gibt noch keine Zahlen, keine Statistiken. Wir können nur von unseren Einschätzungen ausgehen, von Gesprächen in der Straßenbahn und am Kaffeetisch, unter Bekannten, in der Familie.

 

Widerstreben, sich mit etwas Unangenehmen auseinanderzusetzen

 

Viele der Älteren meinen, man könne die Situation von damals nicht mit heute vergleichen. Sie mussten schließlich mit viel weniger auskommen, einige nennen die Flüchtlinge von heute verwöhnt und gierig. Vielleicht fühlen sich die älteren Menschen verraten, wenn sie sehen, mit welcher Herzlichkeit die Flüchtlinge aus Syrien hier empfangen werden und denken mit Schmerzen zurück, als man sie damals so hartherzig abwies. Vielleicht wollen sie schlicht und ergreifend nicht mit der Vergangenheit konfrontiert werden, die sich in den Augen jedes syrischen Kindes spiegelt. „Flüchtlingstrecks wecken kollektive Erinnerungen“, sagt auch Andreas Kossert im Interview mit der ZEIT. So wie die Flüchtlinge 1945 die Westdeutschen damals an einen verlorenen Krieg erinnerten, den sie so schnell wie möglich hinter sich lassen wollten. Misstrauen gegenüber Fremden liegt oft ein Widerstreben zugrunde, sich mit etwas Unangenehmen auseinanderzusetzen. Mit der Vergangenheit, der Wahrheit, mit sich selbst; „Manchmal erinnern sie uns auch daran, dass unser Wohlstand auch etwas mit ihrer Armut zu tun hat“, erklärt Kossert.

Andreas Kossert, der mit seinem Buch Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 erstmals mit dem Mythos von der rundum geglückten Integration in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg brach, schildert die Ausgrenzung der Flüchtlinge und den Argwohn ihrer Landsleute, weist in einem Artikel für die ZEIT aber auch darauf hin, welche Chancen aus einer solchen Umverteilung erwachsen können. Auf lange Sicht hat Deutschland enorm von den 14 Millionen Geflüchteten profitiert; sie waren der wesentliche Motor für eine Modernisierung des Landes, sagt er. Heimatlos und fast nomadisch, wurden sie von einem großen Bildungswillen angetrieben und waren in ihrer Arbeitsbereitschaft nicht an materielle Güter gebunden.

So sollten wir die Flüchtlinge, die dieser Tage zu uns kommen, nicht nur als notleidende Menschen sehen, denen man als Person mit humanen Werten einfach helfen muss, sondern auch als aktive Chance. Sie werden das Land verändern, aber Veränderung bedeutet auch Fortschritt. Nur weiß man das oft erst hinterher.

Neulich gab es einen großen Aufschrei, weil das Gerücht kursierte, Senioren müssten ihr Altenheim für Flüchtlinge räumen. Tatsächlich sollten im bald leerstehenden Gebäude Asylbewerber untergebracht werden, allerdings schloss das Heim aus ganz anderen Gründen. Die Aufregung, die auf den missverständlichen Facebookpost folgte, steht symptomatisch für die Ablehnung vieler Leute – auch oder gerade derjenigen, die Ähnliches früher selbst erlebt haben -, die einem unreflektierten Schutzmechanismus gleichkommt: Vielleicht haben ältere Menschen, die selber unter Flucht und Vertreibung litten, einfach Angst, dass ihnen die Flüchtlinge jetzt nehmen, was sie sich so hart erarbeiten mussten: ein Zuhause.

 

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Bildquelle: Cheryl Winn-Boujnida unter cc0 1.0

 

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