Organspende: Soll ich oder soll ich nicht?

Entscheidung treffen

Entscheidungen sind scheiße schwer. Stehe ich auf, oder drücke ich die Schlummertaste? Was ziehe ich an? Bestelle ich mir noch einen Drink, oder bereue ich das morgen früh? Muss der Döner echt noch sein? Und das Zähneputzen? Der Alltag ist der reinste Scheideweg – und wir die Rucksacktouristen ohne Orientierungssinn. Dass wir uns da nicht heillos verirren, liegt auch daran, dass viele dieser Entscheidungen im Grunde völlig trivial sind. Was könnte passieren? Wir verschlafen, sehen beschissen aus, haben einen langweiligen Abend oder eine berauschende Nacht, einen Kater oder einen angenehmen Morgen. Mit oder ohne Mundgeruch. Doch dann gibt es da noch die richtig fiesen Entscheidungen – diejenigen, bei denen es echt um etwas geht. Zum Beispiel ums Überleben.

 

Ein Scheideweg zwischen Leben und Tod

 

Möchte ich Organspender sein oder nicht? An diesem Scheideweg stand sicherlich jeder schon einmal. Ist entweder nach links gegangen, nach rechts oder einfach sitzen geblieben, um eine langwierige, weil orthografisch und gestalterisch ansprechende, Pro- und Kontraliste zu erstellen. Und sie niemals zu vollenden. Irgendwann ist die Frage dann in Vergessenheit geraten. Doch der Skandal um den Göttinger Chirurgen Aiman O. gibt allen Grund dazu, das Thema wieder hervorzukramen. Die Punkte auf der Liste noch einmal hin und her zu rücken – und vielleicht doch noch eine Entscheidung zu treffen.

Der Wille und das Bewusstsein nämlich, Anderen mit einer Organspende helfen zu können, ist bei den meisten jungen Erwachsenen da. Wie so oft scheitert die Generation, die sich auf keinen Lebensweg festnageln lässt, am letzten Schritt. An der ungewohnten Möglichkeit, das eigene Persönlichkeitsrecht tatsächlich einmal wahrnehmen zu dürfen, und für sich selbst eine Entscheidung über sich selbst treffen zu können.

Auch eine Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) von 2010 zeigte, dass sich 92 Prozent der Bevölkerung durchaus eine Meinung zur Organspende gebildet haben, jedoch nur 25 Prozent offiziell mit einem Organspendeausweis dazu stehen. „Dieses Missverhältnis lässt sich unter anderem durch diffuse Ängste und die Verdrängung der Themen Krankheit und Tod in unserer Gesellschaft erklären. Der häufigste Grund ist jedoch die mangelnde Aufklärung und Konfrontation mit dem Thema Organspende im Alltag – insbesondere von jungen Leuten“, weiß der Verein Junge Helden e.V.

 

Die Kontra-Seite oder: die Bereicherung des Aiman O. und die Angst

 

Schlagen wir diesen Generationsklischees also ein Schnippchen und beginnen mit unserer Liste. Und zwar bei Aiman O. Der Göttinger Transplantationschirurg hat schließlich einiges zur Kontra-Seite beizutragen. Indem er zahlreiche Krankenakten manipulierte, gelang es ihm mehr als einmal, seine Patienten auf der Transplantationsliste vorrücken zu lassen, berichtet die Zeit. Schon früher habe er an einer Regensburger Klinik an Patientendaten herumgepfuscht. Wie die Welt schreibt, verpflanzte er sogar drei Menschen eine neue Leber, die keine gebraucht hätten. All das brachte dem Arzt, laut Angaben der Gutachter: die Befriedigung eines fehlgeleiteten Helferbedürfnisses, Ansehen – und jede Menge Geld. Was es ihm nicht brachte: eine Verurteilung. Aiman O. wurde in allen Anklagepunkten freigesprochen.

Und damit steht der Chirurg keineswegs allein da. Schon in den vergangenen Jahren haben Kliniken mit der manipulierten Dringlichkeit von Transplantationen und zweifelhaften Hirntodiagnosen für Skandale gesorgt – und die Skepsis einer ängstlichen Generation richtig schön geölt. Dabei sind es immer wieder die gleichen offenen Fragen, die einem Organspendeausweis im Weg und auf der Kontra-Seite unserer Liste stehen.

Ist der Hirntod wirklich das Ende eines menschlichen Lebens? Welche Maßnahmen hat die Regierung seit Bekanntwerden der Machenschaften von Aiman O. getroffen? Gibt es eine Altersbeschränkung für die Organspende? Welche weiteren Bedingungen muss ich als Spender erfüllen? Bekomme ich eigentlich Geld dafür? Muss ich vorher zum Arzt? Kann ich meine Entscheidung auch wieder zurückziehen? Wie komme ich überhaupt an einen Ausweis? Und kann ich eigentlich auch „nein“ ankreuzen?

Auch die ZEITjUNG-Leser und -Redakteure kämpfen mit Entscheidungsschwierigkeiten. Wir haben uns einmal umgehört und nach ihrer Einstellung zum Organspendeausweis gefragt:

Redakteurin vom Dienst: Ich bin ein klassisches Opfer der Orientierungslosigkeit nach dem Studium. Noch bezeichnender: Bachelorette der Medienwissenschaften. Erfülle auch sonst - mit ungewolltem Schneid - viele nervige Klischees meiner Generation. Habe eigentlich immer Angst, möchte mich gerne selbstverwirklichen, am liebsten kreativ sein, mich mit Lifestyle, Subkulturen und Musik auskennen. Bin jedoch zuversichtlich, diese Klischees nach meinem Praktikum bei ZEITjUNG.de zu überwinden, wirklich Bescheid zu wissen und einen lässigeren Beschreibungstext verfassen zu können.