Osteuropa, Homophobie und wütende Omas

Demonstranten mit LGBTIQ-Flaggen

Im Westen manifestiert sich gerne das Bild eines „homophoben Ostens“, obwohl einst Länder wie Polen oder Ungarn Vorreiter in puncto Akzeptanz waren. Wie es zu dem Wandel kam und wo unter anderem Omas für mehr Freiheitsrechte demonstrieren, lest ihr hier.

„Gleichheit und Nichtdiskriminierung sind Grundwerte und Grundrechte in der Europäischen Union. Dies bedeutet, dass sich alle Menschen in der Europäischen Union sicher und frei fühlen und keine Angst vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Ausrichtung, der Geschlechtsidentität, des Ausdrucks der Geschlechtsidentität oder der Geschlechtsmerkmale haben sollten“, sagte Helena Dalli, die für die Gleichheitspolitik zuständige EU-Kommissarin nach der Vorstellung einer EU-Strategie zur Gleichstellung von LBTIQ-Personen im November 2020. – Ironischerweise drei Tage nachdem der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban einen Gesetzesentwurf vorgelegt hat, der Definitionen und Geschlecht zum Nachteil von Homosexuellen und Transgendern in der Verfassung verankern soll. Im etwas nördlicher gelegenen Polen kann man sogar über eine Online-Karte mit dem Namen „Atlas des Hasses“ einsehen, welche Städte und Gemeinden zu sogenannten „LGBT-freien Zonen erklärt“ wurden.

Aber auch außerhalb der EU finden sich prominente Beispiele. Russland verabschiedete bereits am 11. Juni 2013 das föderale Verbot der „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen.“ Damit sollte nicht nur die Feinseligkeit gegenüber LGBTIQ verstärkt, sondern auch Jugendlichen der Zugang zu Aufklärungs- und Hilfsangeboten verwehrt werden.

Osteuropa als Vorreiter der Toleranz

Der „homophobe Osten“ ist ein Bild, das leicht in einer verwestlichten Welt wie Deutschland aufkommen kann, allerdings recht einseitig ist und nicht nach weiteren Hintergründen fragt. Diese Vorstellung bröckelt ein wenig, wenn man beachtet, dass der osteuropäische Raum lange Vorreiter in puncto Toleranz gegenüber sexueller Orientierung war. 

Norbert Mappes-Niediek, Südosteuropa-Korrespondent für deutsche Medien schreibt in einer Gastkolumne auf dw.com, das überwiegend westliche Länder historische Skandale um „Unzucht unter Männern“ inszenierten, die bis in die 1980er Jahre hineinreichten.

In weiten Teilen Osteuropas war das Thema nur nebensächlich. „Strafen hat es in Polen seit der Unabhängigkeit 1918 so wenig gegeben wie in Frankreich oder Italien“, schreibt Mappes-Niediek. Die DDR war sogar einer der Vorreiter und erklärte Sex zwischen Männern 1957 als straffrei. Dem Beispiel folgten in den nächsten fünf Jahren auch Länder wie Ungarn oder die Tschechoslowakei. Westlichere Länder wie Großbritannien (1967) oder Deutschland (1969) rangen sich erst spät zu diesem Entschluss durch. Mappes-Niediek geht sogar noch weiter:

„Wenn es historisch in Fragen sexueller Toleranz je eine Scheidelinie über einen Kontinent gab, dann trennt sie allenfalls einen toleranten Osten und Südwesten von einem intoleranten Nordwesten.“

Fußballfan mit musikalischer Dauerbeschallung, wenn nicht gerade selbst am Klavier oder der Gitarre. Eigentlich ein geselliger Typ, der aktuell aber auch seine Liebe für Bücher und exzessiven Netflix-Konsum entdeckt.