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Patrick Bienert: „Für manche Menschen ist eine Kamera eine Gefahr“

Ein Gespräch über Reisen und die veränderte Bedeutung von Fotografie.

„Post-sowjetische Länder haben mich schon immer interessiert“, meint der Fotograf Patrick Bienert im Gespräch mit ZEITjUNG. Die Eindrücke von seinen Reisen hält er fotografisch fest. Die alten sowjetischen Denkmäler, das Partyleben in Kiev, der Alltag der Menschen. Die farblich monochromen Bilder wirken nachdenklich, fast schon melancholisch.

ZEITJUNG: Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Patrick Bienert: Ich war früher Snowboard-Profi und irgendwann haben wir im Freundeskreis dann angefangen, uns selbst zu fotografieren und zu filmen. Dann habe ich Fotografie in München studiert. Auch das Reisen war durch meine Snowboard-Karriere schon immer fest in meinem Leben verankert.

Du hast die Reisen schon angesprochen. Deine Fotoprojekte drehen sich auch häufig um Länder, die du bereist hast. Wie entstehen deine Projekte?

Alles beginnt eigentlich mit Interesse. Bei persönlichen Projekten ist das immer so, zuerst entwickelt sich eine Faszination für ein Thema oder es ergibt sich eine Situation, danach folgt die Aktion. Manchmal wird etwas daraus, und manchmal eben nicht. Die Idee verändert sich mit der Zeit, das ist nichts, was von Anfang bis Ende komplett festgeschrieben ist. Ich glaube, oft stößt man zufällig auf Dinge, die man dann für sich weiter erörtert und durch die man etwas Neues lernen kann, das ist auch das Spannende.

Deine bekanntesten Arbeiten sind größtenteils in Georgien entstanden. Woher kommt die Faszination für das Land?

Die Faszination für Georgien begann 2014. Ich habe gehört, dass es ein ganz schönes Land ist und bin dann zum Urlaub machen hingefahren. Ich habe mich zu diesem Zeitpunkt schon längere Zeit mit post-sowjetischen Ländern beschäftigt und bin in viele Länder ums Schwarze Meer gereist. In Georgien habe ich mich ein bisschen verliebt – in Georgien, das Italien des Ostens. Die feine Kultur, das leckere Essen und die freundlichen Leute. Vor allem die Jugend ist sehr offen. Ich bin Fotograf, natürlich hatte ich eine Kamera dabei, aber anfangs noch nicht die Intention, etwas daraus zu machen. Ich bin viel herumgefahren und habe mit Menschen gesprochen. Irgendwann hat es sich dann so ergeben, dass aus den Bildern ein Buch wird [Anm.: Bienert’s Werk: „East End of Europe“ ist ab November 2019 zur Vorbestellung erhältlich]. Außerdem finde ich den Spagat zwischen der zunehmenden Modernisierung der Gesellschaft und dem stark konservativ geprägten Familienbild interessant. Georgien ist sehr religiös, die Kirche hat eine unfassbare Macht und großen Einfluss, teilweise mehr als die Regierung. Die Leute heiraten sehr früh und bekommen früh Kinder, die werden häufig von den Großeltern aufgezogen, damit die Mädchen oder Frauen zur Schule gehen können. Auch das Konzept des Brautraubs gibt es dort noch heute. Die Mädchen werden entführt, müssen dann entweder den Mann heiraten oder werden verstoßen. Die Menschen orientieren sich aber immer mehr am Westen. Diese Entwicklung zu beobachten, ist sehr spannend. Vor allem in den letzten fünf Jahre, in denen ich dort war, hat man die Veränderung bemerkt. Anfangs gab es kaum Touristen, die Leute haben sich nach mir auf der Straße umgedreht, mittlerweile sind „Fremde“ normal.

Du hast bereits in Tunesien und in Eritrea fotografiert. Politisch gesehen ist die Lage dort angespannt. Wie ist es, in solchen Ländern zu fotografieren?

Schwierig. Man darf beispielsweise keine Häuser fotografieren, die zur Regierung gehören. Tut man es doch, kommt man ins Gefängnis. Problematisch ist, dass nirgendwo erklärt wird, bei welchen Häusern es sich um Regierungsgebäude handelt. Wir haben einen DJ getroffen, der uns ein wenig herumgeführt, und auch immer erklärt hat, was man fotografieren darf, und was nicht. Die Leute sind aber sehr nett und offen, nur die Regierung ist eben schwierig.

Macht es ein Land für dich erst interessant, wenn die Umstände zum Fotografieren nicht, nennen wir es mal, optimal sind?

Ein bisschen schon. Gerade in einer Zeit, in der jeder seine Kamera im handlichen Taschenformat durch die Gegend tragen kann, und alles bereits hundertfach fotografiert wurde, machen schwierige Umstände den Reiz eines Bildes manchmal erst aus.

Empfindest du deine Kunst als politisch?

Eher nicht, nein. Natürlich bin ich interessiert an Politik und wenn ich irgendwohin fahre, versuche ich, mich intensiv mit dem Land und den Menschen auseinander zu setzen, um die Situation und die Leute zu verstehen. Aus diesem Grund verbringe ich viel Zeit in Ländern, die ich fotografisch porträtiere, um nachvollziehen zu können, was die Menschen dort bewegt. Dennoch würde ich nicht sagen, dass ich durch meine Fotografien politische Botschaften senden möchte.

Woher kommt die melancholische Stimmung in deinen Bildern?

Das liegt viel an den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, dort herrscht eine gewisse Melancholie. Langsam wird diese weniger und macht Modernisierungen Platz. Für mich ist ein Land zu fotografieren aber eben auch immer ein Stück weit, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Selbst im Gespräch mit jungen Leuten dort findet man zwischen den Zeilen einfach immer noch die Vergangenheit. Vielleicht habe ich auch selbst einen Hang zum Melancholischen, ich weiß es nicht. Die Kunst, die man macht, ist natürlich auch immer in gewisser Weise ein Spiegel seiner selbst.

Gibt es einen gewissen Moment von deinen Reisen, der dir im Gedächtnis geblieben ist?

Es gibt viele Momente, es ist schwierig, da einen herauszugreifen. Ich glaube, was mir mit der Zeit immer klarer geworden ist, ist was eine Kamera bedeutet. Für manche stellt sie etwas Gefährliches dar. Leute haben oft einfach Angst davor, fotografiert zu werden. Das hat sich wohl viel durch digitale Fotografie verändert, dadurch, dass es das Internet gibt. Ich war letztens in der Türkei, in Südanatolien und habe dort fotografiert. Dort haben die Leute einfach tatsächlich Angst vor dem Internet, haben Angst, abgebildet zu werden, ohne Bescheid zu wissen. Früher war eine Kamera etwas Schönes, man hat sich gerne fotografieren lassen. Heute ist das oft anders.

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Bildquelle: Patrick Bienert

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