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Perfektionismus in der Beziehung: Die größte Lüge, die sich Liebende antun können

Nichts ist kräftezehrender als der Zwang, immer überdurchschnittliche Leistungen liefern zu müssen – erst recht in der Liebe.

Es gibt diese eine – zugegebenermaßen vor Kitsch nur so triefende -– Lebensweisheit, die jegliche Gefühlsschwärmer und hoffnungslose Romantiker wohl niemals müde werden, zu wiederholen: Der Beginn einer jeden Liebesbeziehung basiert auf einer ganz und gar einzigartigen und erzählenswerten Geschichte. Warum sonst sollte die gefühlt hunderttausendste Seifenoper innerhalb kürzester Zeit zum todsicheren Kassenschlager avancieren? Ein Totschlagargument, dem wohl auch der gefühlsärmste Pragmatiker kaum etwas entgegenzusetzen hat.

Und trotzdem wird Letzterer nicht zu Unrecht anmerken, dass sich die einzelnen Kennenlernphasen – zumindest oberflächlich betrachtet – von Paar zu Paar höchstens minimal unterscheiden: Im Endeffekt sind da immer zwei Menschen, die sich auf Anhieb „irgendwie mehr“ als nur sympathisch sind und ganz plötzlich die Gedankenwelt des jeweils anderen dominieren. Bei anfänglich von Nervosität geprägten Treffen wechseln sie schließlich von belanglosen zu tiefgründigen Gesprächsthemen und entwerfen mit Hilfe selektiver Erzählungen ein bestimmtes Bild von der eigenen Person. Bis sie schließlich, geleitet von sich stetig hochschaukelnden Gefühlen, den einen Schritt wagen, der den wohl größten Mut im Leben erfordert: den Schritt in eine Beziehung.

 

Die Illusion der Vollkommenheit

 

Auch ab diesem Moment der offiziellen Zweisamkeit setzt sich Experten zufolge ein gewisses Muster fort. Denn kaum sind sie im sicheren Hafen „Partnerschaft“ angekommen, versuchen viele, ihr zuvor entworfenes, subjektiv aufgehübschtes Selbstbild zu erhalten und ihrem Liebsten weiterhin Vollkommenheit vorzugaukeln. Sie sind vereinnahmt von dem Wunsch, ihrem Partner all das zu geben, was dieser sich erhoffte – und noch mehr. Und das wohl nicht nur, weil ihnen in unzähligen Kitschromanen geradezu mantraartig eingetrichtert wurde, dass jenes „gottgleiche“, von „vollendeter Perfektion“ zeugende Auftreten durchaus zielführend sein kann (Edward aus der Twilight-Saga könnte ein Lied davon singen).

Doch während sie diesem Trugbild nachjagen, bemerken Perfektionisten nicht, dass sie ihre Beziehung mit ihrem Verhalten erst recht einer Zerreißprobe aussetzen.

 

Der Perfektioniswahn: Ein hartnäckiger Parasit dieser Gesellschaft

 

Denn dass der Hang zum Perfektionismus – mit dem laut offizieller Definition das übersteigerte Streben nach Fehlervermeidung gemeint ist – in dieser Leistungsgesellschaft mittlerweile so gut wie jeden unserer Lebensbereiche beeinflusst, beweisen zahlreiche Negativbeispiele aus der Arbeitswelt.

Allein der aktuelle DAK-Gesundheitsreport 2017 zeigt, dass sich aktuell 31 Prozent der deutschen Erwerbstätigen dem ständigen Perfomance-Druck nicht gewachsen fühlen und über pausenlose Erschöpfung klagen. Die Ergebnisse der dazugehörigen, repräsentativen Studie ergaben sogar, dass ungeheuerliche 80 Prozent der Arbeitnehmer an Schlafstörungen leiden.

In der Liebe kann der Wunsch, es sich selbst, der Gesellschaft und dem Partner immer recht machen zu müssen, ebenso verheerend sein – und im schlimmsten Fall sogar zum Ende der Beziehung führen. Denn wenn der (nicht gerade bescheidene) Drang, nicht mehr und nicht weniger als das Ein und Alles des Partners zu sein, krankhafte Züge annimmt, wird die Beziehung auf mehreren Eben vergiftet.

 

Überdurchschnittliche Leistungen auch in der Beziehung

 

Zum einen zerbricht der Perfektionist früher oder später an dem sich selbst auferlegten Druck. Nichts ist kräftezehrender als der Zwang, konstant überdurchschnittliche Leistungen liefern zu müssen – erst recht in der Liebe, die schwache Momente geradezu fordert. Selbst der energetischste Mensch kann ein solches Pensum unmöglich durchhalten.

Und obwohl dieser Spruch ohne jeden Zweifel der Kategorie „nervige, alte Binsenweisheit“ zuzuordnen ist, muss er in diesem Zusammenhang unbedingt genannt werden: Perfektionismus ist und bleibt eine Selbstlüge. Er gründet auf einer Illusion, die auch den hartnäckigsten Verfechter früher oder später einholen wird. Doch damit nicht genug. Indem sie Teile ihrer Persönlichkeit zurückhalten, belügen Perfektionisten auch ihre Partner und hinterlassen bei diesen ein unschönes Gefühl beklommener Verwirrung – aufmerksame Lebensgefährten spüren unterbewusst immer, wenn ihnen etwas vorenthalten wird. Und deshalb sind leider sie es, die auf lange Sicht am meisten leiden.

 

Auf Verwirrung folgt Rückzug folgt das Ende

 

Denn sie könnten sich von den Ansprüchen, die ihr Partner an sich selbst stellt, nicht nur unter Druck gesetzt fühlen. Im schlimmsten Fall übertragen sie sie auch auf sich selbst. Perfektionisten vermitteln ihren Partnern – in den meisten Fällen wohl unbewusst – ein Gefühl der Unterlegenheit, bis diese plötzlich in den scheinbar alltäglichsten Situationen eine bittere Frage quält: „Wie soll ich diesen Ansprüchen jemals genügen?“ Spätestens dann sind die einst von Sorglosigkeit geprägten, zweisamen Stunden dahin und einem angespannten Miteinander mit seelischen sowie körperlichen Verkrampfungen gewichen. Und weil das Schicksal nun mal ein mieser Zyniker ist, hätte der Perfektionist seine Chancen auf die ganz großen Gefühle damit in einem denkbar traurigen Alleingang verspielt.

Fast noch schwieriger gestaltet sich die Situation jedoch, wenn zwei Menschen mit einem ähnlichen ausgeprägten Hang zum Perfektionismus eine Beziehung eingehen. Bevor über solch spezielle Partnerschaften geurteilt werden kann, muss der Perfektionismus-Forscherin Christine Altstötter-Gleich zufolge allerdings unbedingt zwischen zwei gegensätzlichen Perfektionismus-Typen unterschieden werden: „Wir unterscheiden zwischen denen, die sich dabei an ihrer Spitzenleistung erfreuen, und denen, die mit dem hadern, was wieder alles nicht geklappt hat. Die einen sind funktionale Perfektionisten, die anderen dysfunktionale“, erklärt die Expertin im Interview mit der ZEIT. Vor allem wenn zwei dysfunktionale Perfektionisten aufeinander treffen, seien eskalierende Streits vorprogrammiert. Denn diesen beiden Typen fällt es extrem schwer, ihre Probleme einzugestehen. Dementsprechend selten kehren sie ihr Innenleben nach außen, was zwangsläufig zu einem Verlust von Intimität und zum emotionalen Rückzug führen muss. Diesem Teufelskreis ist Altstötter-Gleich zufolge nur mit gegenseitigem Vertrauen, viel Geduld und einer großen Portion Einfühlungsvermögen zu entkommen.

 

Weniger ist mehr?

 

Doch das Zauberwort Nummer 1 ist und bleibt die Entspannung. Hohe Ansprüche in allen Ehren – nur bitte in Maßen und vor allem nicht auf Kosten des Partners. Trotzdem ist Vorsicht geboten – denn die naheliegende Strategie, ab sofort in den Faulheits-Modus zu wechseln und sich in der Beziehung gänzlich gehen zu lassen, wäre natürlich ebenso falsch.

Die Kunst besteht schlicht daran, den Drahtseilakt zwischen „Ich bin die beste Version meiner Selbst“ und „Ich verberge um jeden Preis alle meine Schwächen“ nach bestem Wissen und Gewissen zu meistern – denn nur so kann Vertrauen und mit ihr die Beziehung wachsen.

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