Zwei Frauen machen sich die Haare

Phänomen „Freundschaftscrush“: Verknallt, aber platonisch

Man lernt jemanden kennen und ist direkt begeistert: quasi Liebe auf den ersten Blick. Nur geht es gar nicht um Verknalltheit im klassischen Sinne, sondern vielmehr um einen „Freundschaftscrush“.

Sich darauf zu konzentrieren, was die andere Person eigentlich konkret sagt, fällt schwer, weil man so beeindruckt und vielleicht auch eingeschüchtert von ihrer Energie und ihrer Ausstrahlung ist. Schnell setzt man ein strahlendes Lächeln auf, in der Hoffnung, das Gegenüber gleichermaßen in seinen Bann zu ziehen. Man quatscht für eine kleine Ewigkeit, wobei der Begriff „Ewigkeit“ hier sehr dehnbar ist: Von zehn Minuten bis zehn Stunden kann alles drin sein. Lange bevor man sich von der Person verabschiedet, weiß man: Dich will ich unbedingt wiedersehen!

Verliebt in Facetten

Ein Szenario, das den meisten von uns nur allzu bekannt vorkommen dürfte. Schließlich ist es genau das, was wir empfinden, wenn wir drauf und dran sind, uns in jemanden zu verknallen. Das kann aber nicht nur auf romantischer Ebene passieren, sondern manchmal auch auf freundschaftlicher. Wenn man jemanden so toll findet, dass man unbedingt mit dieser Person befreundet sein möchte, hat man sozusagen einen „Freundschaftscrush“.

Mir selbst ist das definitiv schon mehrmals passiert. Dabei habe ich mich aufgrund ganz unterschiedlicher Eigenschaften zu der jeweiligen Person freundschaftlich hingezogen gefühlt. Mit 10 Jahren fand ich die pinken Klamotten, das Federmäppchen und die Staedtler-Filzstifte einer Klassenkameradin so toll, dass ich mich auf jeden Fall mit ihr anfreunden wollte. Als ich 15 war, habe ich viel mit einem Mädchen aus meiner Jahrgangsstufe unternommen, weil sie hübsch und zudem rebellisch genug war, als dass es sie nicht interessierte, ob es zum guten Ton gehörte, mit 15 Alkohol zu trinken, Zigaretten, Shisha oder Joints zu rauchen, die Clubs der Kleinstadt unsicher zu machen oder ständig wechselnde Typen zu haben und mit allen von ihnen zu schlafen.

Mit 18 mochte ich die seltene Kombination von Humor und Tiefgang eines Kommilitonen, mit 19 die extrem aufgeweckte Art einer Studentin (gepaart mit ihrer Vorliebe für jegliche trashige Popkultur-Ikonen), die ich auf einer Party kennengelernt habe. Als ich 22 war, mochte ich das Gefühl von Leichtigkeit, das mich durch die Nacht trug, als ich bei einem besonderen Menschen zu Hause war. Mit 23 habe ich das Lachen einer jungen Frau gehört und mich sofort in ihre Wärme und Herzlichkeit „verliebt“.

Hinter der rosaroten Brille: Klare Sicht oder toxisches Potenzial?

Natürlich ist diese Art „Verliebtheitsgefühl“ keine Voraussetzung, um jemanden richtig gern zu mögen. Auf nicht einmal ein Drittel der Personen, die ich heute immer noch zu meinen Freund*innen zähle, hatte ich so etwas wie einen „Freundschaftscrush“. Der Regelfall ist es also (zumindest bei mir) keinesfalls.

Auf den ersten Blick ist es natürlich ein Kompliment, jemanden auf Anhieb so interessant zu finden, dass man unbedingt mit dieser Person befreundet sein möchte. Ebenso wie bei einer Person, von der man auf romantischer Ebene direkt hin und weg ist, gibt man sich auch bei potenziellen Freund*innen, auf die man einen „Crush“ hat, in der Anfangszeit besonders viel Mühe. Man antwortet in Sekundenschnelle, ist besonders interessiert und setzt alles daran, eine Freundschaft aufzubauen. Anders ausgedrückt: Man ist sehr into it und alles geht ziemlich schnell. Innerhalb kürzester Zeit sieht man sich fünfmal pro Woche und weiß über das komplette Privatleben der anderen Person samt intimster Details Bescheid.

Nach einer Weile – quasi nachdem das erste „Verliebtheitsgefühl“ verflogen ist – flacht das Ganze ein wenig ab. Bestenfalls führt man dann eine echte Freundschaft, die im Hinblick auf die Zahl der gemeinsam verbrachten Tage und gesendeten Nachrichten vielleicht nicht mehr ganz so intensiv ist wie zu Beginn, dafür aber absolut gefestigt und zuverlässig. Man hat eine*n wahre*n Freund*in gewonnen. Tatsächlich hatte ich auf die meisten meiner engsten Freund*innen anfänglich diese Art von „Crush“.

Allerdings sollte man trotz der rosaroten Brille nicht vollkommen blind sein. Denn wenn man extrem bemüht ist und die andere Person ebendas bemerkt, kann es passieren, dass man ausgenutzt wird. Meine persönliche Statistik zeigt, dass das noch nicht mal ein besonders unwahrscheinliches Szenario ist: Schließlich ist weder ein charmantes Lächeln noch eine coole Art oder ein außergewöhnliches Talent ein Garant dafür, dass hinter der Fassade auch wirklich ein reines Herz steckt.

Bild: KoolShooters via Pexels; CC0-Lizenz