Ich habe die Pille abgesetzt und fühle mich wie ein neuer Mensch

Pille-abgesetzt-Erfahrungsbericht

Von Maxine Jung

Hinweis: Dieser Text spiegelt die persönlichen, subjektiven Erfahrungen der Autorin wider und kann kein Gespräch mit einem Arzt/einer Ärztin ersetzen.

Mit 14 verschrieb mir meine Frauenärztin die Pille. Ich gehöre nicht zu denjenigen, denen sie aufgeschwatzt wurde – ich wollte sie nehmen. Meine Mutter zuckte damals nur mit den Schultern, bevor sie mir die Bestätigung unterzeichnete: „Zu meiner Zeit waren die Dinger viel höher dosiert, da mach‘ ich mir heute gar keine Sorgen.“

Ich fühlte mich sehr erwachsen, als ich mit dem Rezept die Apotheke betrat und keine fünf Minuten später das Päckchen in der Hand hielt: Empfängnisverhütungsmittel, Wirkstoffe Desogestrel, Ethinylestradiol, 3×21 Stück. Winzig kleine, weiße Tabletten, „niedrigste Dosis, Sie wiegen ja kaum was, da reicht das völlig aus.“ Ich holte mein nicht internetfähiges Handy aus meiner „Ohne dich ist alles doof“-Tasche und stellte mir einen Wecker. 19 Uhr. Pille nehmen.

Was folgte, waren sieben Jahre voller Heulkrämpfe, Panikattacken und Depressionen.

Ein Pillchen bis zur absoluten Glückseligkeit

Was ich als erstes bemerkte: mir wuchs ein Busen. Wie geil! Als ewige Flachbrust in einem Freundeskreis voller Mädchen, die bereits mit 14 ein C-Körbchen vor sich herschoben, war das eine willkommene Abwechslung. Was ebenfalls toll war: meine Periode kam regelmäßig und ich konnte sie auf Wunsch auch mal verschieben. Keine „Ich kann nicht mit ins Schwimmbad“-Kacke mehr, keine Tamponberge mehr im Reisekoffer. Alles, was ich dafür tun musste, war, mir jeden Abend dieses kleine Pillchen in den Rachen zu werfen.

Die Zeit verging, der vierteljährliche Trott zu meiner Frauenärztin, um mir ein neues Rezept abzuholen, wurde zur Routine. Irgendwann fand ich mich in einer Beziehung wieder, die fast sechs Jahre lang halten sollte, die Verhütung war kein Thema. Ich nahm ja die Pille. Schon immer. Die emotionalen Ausbrüche, die Wut, die ich in meiner Brust spürte, die Weinattacken, die Unsicherheit, das Durch- und Zerdenken von winzigen Details meines Lebens schob ich erst auf die Pubertät, dann auf mein zerrüttetes familiäres Umfeld, auf meine eigene Unfähigkeit, mit den Irrungen der Welt umzugehen.

Der finale Schritt

Vor vier Monaten habe ich die Pille abgesetzt. Es war ein Schritt, über den ich über ein Jahr lang nachgedachte habe. Wie gesagt, ich befand mich in einer Beziehung – und ganz ehrlich, was gibt es für Alternativen? Kondome? Meh. Wenn man sowieso nur mit einem, sicher nicht von Gonorrhoe und Co. geplagten Menschen schläft, machen die wirklich keinen Spaß. Spirale? Zu teuer. Mag sein, dass das Teil ein paar Jahre lang hält, aber welcher Twentysomething hat mal eben 300 bis 400 Euro übrig?

Nach ein paar Diskussionen mit Freunden und Bekannten tat ich es einfach. Ich sprang auf den Zug auf, der immer noch durch die Millennial-Welt fährt: Hormone sind scheiße, weg mit der Pille. Ich kann ja immer noch wieder damit anfangen, wenn’s nicht anders geht, dachte ich mir und schmiss das letzte, leere Blister in den Mülleimer.

In den ersten Tagen bemerkte ich – außer einem neuen Punkt auf meinem Einkaufszettel, „Gummis“ – überhaupt nichts. Aber dann, nach ungefähr zwei Wochen, lüftete sich der Nebel in meinem Gehirn. Es war, als hätte jemand meine Synapsen kräftig durchgepustet. Ich war fit. Ich war nicht mehr müde. Ich hatte nicht mehr das dauernde Verlangen, mir Schokolade und Gummibärchen einzuverleiben. Ich regte mich nicht mehr über Kleinigkeiten auf und versank nach einem schlechten Tag nicht mehr in melancholischen Spotify-Playlists und depressiven Tagebucheinträgen. Und the fuck, ich hatte eine Libido?

„Warum bist du denn so glücklich?“

Der folgende Satz klingt klischeehaft und ist es wahrscheinlich auch, aber: ich fühle mich wie ein neuer Mensch. Und mein Umfeld scheint das auch zu bemerken. „Was ist denn mit dir los, du… wirkst irgendwie so… glücklich?“ – diesen Satz habe ich in den letzten vier Monaten öfter gehört als jeden anderen.

Der ultimative Beweis dafür, dass das Leben ohne Pille mich verändert hat, kam, als ich mit meinem Freund Schluss machte. Schluss machen konnte. Hatte ich mir diese Situation früher auch nur vorgestellt – „Es ist vorbei“ -, war ich in Tränen ausgebrochen, hatte mich in meinem Bett zusammengerollt und mir meine leere, sinnlose Zukunft ohne ihn an meiner Seite ausgemalt. Dabei war es nicht so, als dass diese Beziehung super gut für mich gewesen wäre – im Gegenteil. Ich konnte mir nur nicht vorstellen, alleine mit meinem chaotischen Leben klar zukommen. Und blieb.

Dann saß ich ihm gegenüber und sagte es: „Ich will nicht mehr mit dir zusammen sein.“ Es war hart, für uns beide. Immerhin hatte ich ein Viertel meiner Lebenszeit mit ihm verbracht. Aber als ich danach seine Wohnung verließ und einen tiefen Atemzug nahm, konnte ich fast hören, wie der Stein von meiner Brust fiel.

Placebo-Effekt? Egal.

Mag sein, dass meine Erfahrungen durch eine Art Placebo-Effekt getrübt sind – immerhin liest man zur Zeit ständig von Frauen, die die Pille absetzen und sich danach um Längen besser fühlen -, aber trotzdem war dieser Schritt eine der besten Entscheidungen, die ich in 21 Jahren getroffen habe. Und ich würde jedem weiblichen Wesen dazu raten, ihn ebenfalls zu wagen. Informiert euch beim Gynäkologen eures Vertrauens über alternative Verhütungsmittel und tut es. Das Leben ist ohne Desogestrel und Co. nämlich vor allem eines: weitaus unproblematischer.