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Ein Plädoyer an das Betrinken mit der eigenen Familie

Ich bin der Meinung, dass man seine Familie, oder besonders seine Eltern, nicht wirklich kennt, bevor man sie richtig betrunken erlebt hat. Ein Plädoyer.

„Eine Runde geht schon noch“, ruft mein Onkel über den Tisch und signalisiert seinen Wunsch nach mehr Sekt mit Handzeichen an den Kellner, der nur fragend dreinschaut.

Wir sitzen in einer kleinen Kneipe direkt am Ufer des Comer Sees in Italien. Seit ich denken kann trifft sich die ganze Familie einmal im Jahr hier, um ein bisschen Quality Time zu verbringen. Und diese Quality Time bedeutet (zumindest bei uns) mindestens einen sehr sehr sehr betrunkenen Abend. Oder eben Nachmittag, wie in diesem Fall.

Seit dem Mittagessen sitzen wir zu zehnt an den viel zu kleinen Tischen und leeren eine Flasche nach der anderen. Warum auch nicht? Schließlich sind wir im Urlaub, wenn auch nur für ein Wochenende. Die Stimmung in der Runde ist mehr als ausgelassen. Mein Onkel erzählt voller Enthusiasmus eine Geschichte, die jeder am Tisch bestimmt schon zum dritten Mal zu Ohren bekommt. Trotzdem hört ihm ein Teil der Gruppe aufmerksam zu. Lustig ist die Anekdote immer noch. Währenddessen tauschen sich meine Tante und meine Mutter lauthals lachend über irgendwelche Sex-Themen aus. Ich höre weg. Das muss ich nun wirklich nicht wissen. Stattdessen leere ich mein Sektglas und frage mich, das wievielte das wohl war. Doch bevor ich innerlich fertig gezählt habe, wird mir auch schon nachgeschenkt. „Du wirst doch wohl nicht schlappmachen?!“ Mein Onkel grinst wie ein 10-Jähriger, der ein Furzkissen auf deinem Stuhl platziert hat, und hebt sein Glas, um mit mir anzustoßen. Na dann Prost!

 

Betrunkene Abende sind die besten

 

Liebe Hater, die auch ohne Alkohol Spaß haben können – schön für euch! Der Rest der Welt weiß aber, dass ein schöner nüchterner Abend noch lange nicht mit einer geilen betrunkenen Nacht vergleichbar ist. Sorry, not sorry. Aber spätestens, wenn der Punkt erreicht ist, an dem sich alle – total von Emotionen übermannt – in den Armen liegen und heulen, kann ein schöner Abend in der Eisdiele nicht mithalten. In solchen Momenten wird der Familie die ewige Liebe geschworen. Und dem Kellner gleich mit, weil er immer brav neuen Sekt gebracht hat. Wir erinnern uns gemeinsam an die Vergangenheit, an die Omas und Opas, die schon nicht mehr mit uns trinken können, aber früher immer den größten Durst hatten. Wir singen die alten Klassiker, versprühen gute Laune und lachen so laut, dass niemand auf dem ganzen Campingplatz auch nur an Schlaf denken kann.

 

Ihr kennt eure Eltern nicht wirklich, bevor ihr sie betrunken erlebt habt

 

Insgesamt bin ich der Meinung, dass man seine Familie, oder besonders seine Eltern, nicht wirklich kennt, bevor man sie richtig betrunken erlebt hat. Schließlich kommt betrunken häufig noch einmal eine ganz andere Seite von Menschen zum Licht. So wie deine schüchterne Freundin betrunken plötzlich zur Flirt-Queen Nummer 1 wird, können sich auch deine Eltern durch einige Drinks verändern. Sie fangen dann an, aus ihrer Jugend zu erzählen. Der „Meine-Kinder-sind-anwesend“-Filter ist dann ausgeschaltet. So erfahre ich so manche Geschichte, die meine Kindheitserinnerungen in einem neuen Licht erscheinen lassen. Meine Mutter gesteht mir, dass sie in dem wunderschönen Spanienurlaub, der zu einer meiner liebsten Erinnerungen wurde, nachdem meine Schwester und ich endlich im Bett waren, mit ihrer besten Freundin die ganze Nacht die Bar unsicher machte. Außerdem erfahre ich, dass mein Vater früher DJ war und in seinen 20ern blaue Haare hatte. Angeblich existieren davon auch Fotos. Die habe ich allerdings bis heute nicht gesehen. Sind diese Menschen wirklich meine Eltern?

Umso später es wird, desto kleiner wird die Gruppe. Um 2 Uhr sitzt nur noch der harte Kern am Tisch – die Jungen. Auch wenn die ältere Generation locker noch ein paar Drinks vertragen hätte, hat die Müdigkeit sie eingeholt. Und so bleiben die Studenten und Azubis zurück, die genüßlich den teuren Wein nippen und sich über Gott und die Welt unterhalten. Den Moment, in dem der erste der Gruppe ankündigt keine Kohle mehr zu haben, bleibt aus. Schließlich stehen noch mindestens drei Flaschen hochwertiger Weißwein im Kühlschrank. Der Familie sei Dank. Also trinken und plaudern und lachen wir bis in die frühen Morgenstunden, oder bis wir von den Campingplatz-Besitzern gebeten werden, endlich still zu sein.

 

Der Morgen danach

 

Wer jetzt denkt, dass das Bild der verkaterten Großfamilie am nächsten Morgen bestimmt witzig ist, der täuscht sich gewaltig. Sobald die ersten Sonnenstrahlen das Wasser des Sees zum Glitzern bringen, sind die Frühaufsteher schon auf den Beinen. Sie organisieren das, wofür der Rest noch zu müde ist – Kaffee, Brötchen und die Tageszeitung. Spätestens ab 9 Uhr wurden dann alle weiteren Familienmitglieder mit Kaffeeduft und lautem „Guten Morgääään“ aus dem Bett gelockt. Dass ein Teil von uns erst um 5 Uhr morgens feuchtfröhlich den letzten Schluck Wein gekippt hat, interessiert jetzt niemanden. Denn das gemeinsame Frühstück ist Tradition und Ausreden gibt es keine. Wer müde ist, kann danach ja wieder schlafen gehen. Kein schlechter Deal, denn so wird der Kater direkt mit italienischen Köstlichkeiten besänftigt oder fällt – dank des Lambruscos zum Frühstück – gleich ganz aus.

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