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Ein Plädoyer für den Wandertag

Heilwälder und Waldtherapien sollen uns wieder in Kontakt mit der Natur bringen und unseren Alltagsstress senken – aber brauchen wir das wirklich? Ein Plädoyer für die Wiedereinführung des stinknormalen Wandertags aus der Grundschule.

Früher in der Schule lebte man ja irgendwie für das, was einen ganz legal vom Unterricht fernhielt: plötzlich ausfallende Stunden ohne Vertretungslehrer, Projektwochen vor den Sommerferien, Versammlungen ohne erkennbaren Mehrwert. Aber das, was wirklich Lebensretter-Potenzial hatte, das passierte abseits des Schulgeländes und dauerte im besten Fall den ganzen Tag. Obwohl man den pädagogischen Sinn und Zweck einiger dieser Massen-Exkursionen durchaus anzweifeln kann, schafften sie es in jedem Fall, uns aus der Pumakäfig-Atmosphäre zu befreien, Tests und Verpflichtungen auszublenden und irgendwie auch so ein bisschen Klassenfahrt-Feeling heraufzubeschwören.

Oh happy Wandertag

Wenn ich an die Exkursionen meiner 13-jährigen Schullaufbahn zurückdenke, dann denke ich am liebsten an die Wandertage in der Grundschule. Vielleicht, weil es damals (und da war ja bekanntermaßen alles besser) noch richtige Jahreszeiten gab und kein Klimawandel-Schmelzbad, das einen zu fünf Kleiderschichten und schwindelnden Wetterapps nötigte. Vielleicht, weil man sich als Kind noch für die kleinen Dingen – Hasenkötel, Krabbeltiere und Bucheckern – begeistern konnte. Vielleicht, weil man sich einfach frei fühlen durfte ohne Schulranzen, Bücher, 20 Kilo Druck. Wir standen einfach staunend mit Lupen über Käfern, sammelten Blätter, die wir später ins Album klebten, lehnten uns an Baumstämme und lachten, während das Sonnenlicht durch die Wipfel brach und irgendwo ein Kuckuck rief und neben uns ein Eichhörnchen hochkletterte und wir mittendrin saßen in dieser Oase fernab der Stadt. Klingt kitschig, ist aber so.

Irgendwann waren die Wandertage vorbei. Schuld sind vielleicht die Eltern, die einen nie zu Ausflügen (aber zur Blockflöte) zwangen, oder das eigene Desinteresse gegenüber Dingen, die nicht offensichtlich entertainten, permanenter Zeitmangel und ellenlange To-do-Listen, dauerhaft schlechte Wetterbedingungen, unüberwindbare Entfernungen oder schlicht und einfach andere Prioritäten. Fakt ist, dass die meisten von uns Wald & Co. wohl höchstens mal im Schaltjahr betreten. Und dass das Wort Wandern irgendwie archaisch klingt.

Into the Wild

Als ich letztens einen Wandertag mit Freunden eingelegt habe, war ich anfangs auch ein wenig skeptisch. Ich bin zwar gerne in der Natur, aber doch nicht so Hardcore Into the Wild, und für einen Gehstock fand ich mich eigentlich noch ein bisschen zu jung. Aber weil ich eben keine Spielverderberin sein wollte, schlüpfte ich in Sportkleidung und richtiges Schuhwerk und ließ allen Ballast zu Hause. Und, was soll ich sagen: Es tat einfach nur gut den Wald zu erleben, im wahrsten Sinne. Gerüche, Geräusche und Farben wahrzunehmen, richtig durchzuatmen und die Schultern fallen zu lassen. Nicht nur stur und mit Scheuklappen geradeaus zu laufen, sondern zu klettern und neue Wege zu entdecken. Plötzlich waren alle ausstehenden Aufgaben und offenen Tabs im Stand-by-Modus. Plötzlich gab es tatsächlich nur noch die Natur und mich kleines, unbedeutendes Wesen. Das klingt schon wieder kitschig, ist aber auch schon wieder so. Weil diese Zufluchtsorte eigentlich so nah sind und wir sie doch viel zu selten nutzen.

Auch wenn ich keine Freundin bin von diesen radikalen Erleuchtungsmomenten, die von einer Sekunde auf die andere einen ganz neuen (und natürlich besseren) Menschen aus einem machen, hat mich diese Erfahrung doch zum Nachdenken angeregt. Passend dazu fand ich dann auch noch einen Artikel, der über Deutschlands bzw. Europas ersten „Heilwald“ berichtet.

Shinrin-yoku oder Waldbaden für Anfänger

Menschen gehen hier in kleinen Gruppen und mit einer Art Therapeut auf Wanderung, machen an verschiedenen Bewegungsstationen und Ruheplätzen Halt, laufen barfuß über den Waldboden, schärfen ihre Sinne und üben sich in Meditation und Achtsamkeit. Rübergeschwappt ist dieses Phänomen aus Japan, wo „Waldbaden“ (jap. Shinrin-yoku, was so viel bedeutet wie die Atmosphäre des Waldes aufnehmen) schon lange als Heilmittel bekannt ist. Dort empfehlen Ärzte die Waldtherapie, um das Immunsystem zu stärken, Stresshormone und Bluthochdruck zu senken und die Produktion von Abwehrzellen anzukurbeln.

Lustig, denke ich im ersten Moment, da muss einem erst der Arzt sagen, dass man mal wieder ein bisschen Natur gebrauchen könnte. Dann lese ich weitere Artikel und stolpere immer wieder über Begriffe wie Popularität und Trend, und automatisch setzt sich da vor meinen Augen ein Bild zusammen: Hippe Menschen, die normalweise bei einem Matcha Latte stundenlang die Cafés belegen, verlegen jetzt ihren working space in den Wald, überfluten die sozialen Feeds nur noch mit grünen Baumwipfeln und Hashtags wie #forestlove und #livingthegreenlife, kreieren Spotify-Summer-Waldbaden-Playlisten für diejenigen, die gerade nicht so naturverbunden sein können.

Das wird wohl eher nicht passieren, schließlich gibt’s in den tiefen Wäldern (noch) keinen Empfang. Aber Hirngespinste und prinzipielle Nachhaltigkeitsbedenken mal beiseite: Brauchen wir sogenannte Heilwälder wirklich? Müssen wir vom Arzt verschrieben bekommen, dass wir mal wieder Bildschirm gegen Baumrinde eintauschen und durchatmen üben? Merken wir selbst überhaupt nicht mehr, dass die tägliche Reizüberflutung und Hetzjagden auf Dauer einfach nicht gut tun und dass es eigentlich so einfach und günstig ist, sich zu erholen?

Lasst uns wieder wandern gehen!

Eigentlich nicht. Eigentlich könnten wir auch einfach wieder einen regelmäßigen Wandertag einführen, an dem wir mit Freunden raus in die Natur fahren und den Alltag und das Handy mal für ein paar Stunden hinter uns lassen. Das ist dann ein bisschen so wie früher und doch irgendwie besser, weil man den Proviant jetzt selbst packen und die Verschnaufpausen alleine bestimmen kann. Und weil man sich diesen Tag nehmen kann, wann immer man will und mit wem man will, weil jeder für sich entscheidet, was der Körper gerade braucht: Zeit mit Freunden, Zeit für einen selbst oder einfach Zeit, in der Zeit keine Rolle spielt.

Und wer das trotzdem öde findet und lieber seinen Matcha Latte schlürft, der kann sich mit ein wenig Glück ja in 20 Jahren eine Waldtherapie verschreiben lassen.

Auch nice: Schlaflos? Ab in die Wildnis!

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