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Treue ist das einzige Geschenk, das sich unsere Generation noch machen kann

Muss Freiheit denn immer auch bedeuten, dass wir mit anderen Menschen vögeln müssen?

Von Ronja Menzel

Vor ein paar Tagen traf ich eine alte Freundin aus Berlin wieder, die ich längere Zeit nicht gesehen hatte. Als wir auf das Thema Männer kamen, fing sie als Dauersingle an, entnervt die Augen zu verdrehen.

„Weißt du, in Berlin ist das inzwischen so: Man lernt sich kennen, man vögelt rum und sobald du denkst, dass es tatsächlich ernster wird, musst du fragen, ob dass dann nur eine Sache zwischen euch zweien ist.“

„Wie eine Sache nur zwischen zweien?“, frage ich verdutzt.

„Naja, du musst vorher abklären, ob ihr eine geschlossene oder offene Beziehung führen wollt.“

„Aha“ antworte ich nur verwundert.

„Das schlimme ist, dass die inzwischen alle so drauf sind. Wenn du Treue willst, musst du das vorher ausdrücklich ausmachen. Es lassen sich nur die Wenigsten noch darauf ein.“

„Wieso?“

„Ja, weil die reisen wollen und so, frei sein eben, sich gute Gelegenheiten nicht entgehen lassen, wenn sie sich ergeben.“

„Gute Gelegenheiten?“

„Na, wenn sie Sex mit anderen Frauen haben könnten. Beim Feiern zum Beispiel oder eben auf Reisen.“

Was hat das genau mit Freiheit zu tun?

 

Ich dachte nach. Frei sein, feiern und reisen wollte ich auch und das gleiche natürlich meinem Partner gewähren. Aber musste das bedeuten, dass ich, um mich frei zu fühlen, fremde Männer vögeln lassen muss? Oder, dass mein Freund, wenn er feiern geht, anstatt danach zu mir ins Bett, zu einer anderen steigt?

Die Vorstellung, mein Freund, meine tiefe Liebe, mein größter Unterstützer, mein sicherster Garant, mein einziger Fels, mein Zukunfts-Ehemann hätte außer mir noch andere Frauen, ist unerträglich. Jeder, der schon mal geliebt hat, kann hoffentlich so fühlen. Denn da ist nicht nur die Angst vor dem Verlust oder vielleicht die Angst vor dem Vergleich, dem man nicht standhalten kann – nein – da steckt noch mehr dahinter! Unsere Generation lebt in einer Zeit von noch nie dagewesener Freiheit. Wir können alles wählen, alles entscheiden, alles ändern.

 

Die Türen stehen uns offen und hinter jeder von ihnen scheint etwas noch Besseres zu liegen!

 

Der bessere Studiumsplatz, der bessere Wohnort, das bessere Jobangebot, das bessere Reiseziel. Haben wir uns endlich mal entschieden (Entscheidungsunfähigkeit – die Volkskrankheit unserer Generation) und merken dann, das gefällt uns doch nicht so. Dann wechseln wir. Wir wechseln wie die Unterhosen – Jobs, Wohnungen und eben auch Beziehungen. Schaffen wir es aber tatsächlich mal über die Verliebtheitsphase hinaus und merken: Hey, der oder die ist richtig gut! Warum verdammt nochmal brauchen wir dann immer noch immer mehr?

Warum sind wir so unersättlich in unserem Drang nach Genuss, Reiz und Selbstbestätigung, dass wir nicht merken, damit alles bedeutungslos zu machen. Zu viel Wechsel bedeutet nämlich immer auch Austauschbarkeit. Indem wir uns und unseren Partner sexuell ersetzbar machen, verlieren wir an Wert für den anderen.

Natürlich gibt es da die, die biologische, evolutionstechnische Gründe ins Felde führen und ja, sie haben recht – Monogamie kann verdammt langweilig werden auf Dauer! Aber: Gerade in unserer schnelllebigen Generation ist eine gute Beziehung etwas Besonderes! Eine gute Beziehung zu haben, bedeutet einen guten Freund an unserer Seite zu haben in dieser krassen Welt voller Möglichkeiten und Unsicherheiten. Untreue, auch abgesprochene, führt zu Hass, Verletzung und Feindschaft. Warum das Besondere aufs Spiel setzen? Für einen Abend voller Spaß, für einen Moment voller Selbstbestätigung, für einen sekundenschnellen Höhepunkt, der uns befriedigen soll?

Polygamie, das ist Harem für beide nur in abgeschwächter Form

 

Als ich abends nach dem Gespräch mit meiner Freundin mit der U-Bahn zurück fuhr, las ich im Waggon folgendes Reklameschild: „Leiden sie an Schmerzen aufgrund ihrer HIV-Erkrankung? Dann melden Sie sich, um in die Studie aufgenommen zu werden.“ Charité Berlin

Ein Schild, das in dem kleinen Vorort, in dem ich aufgewachsen bin, als auch in München niemals hängen würde. Sicher nicht, weil dort nicht rumgevögelt wird, sondern eher, weil dort noch der Anschein von Monogamie und geschlechtskrankheitenfreiem Leben gewahrt wird. Doch zwingt uns der parallele Anstieg von HIV, STD’s und unserer Promiskuität nicht zum Nachdenken?

Die Wahrheit ist, wir sind eine Generation voller Angsthasen. Angst vor der Zukunft, denn sie ist so viel unsicherer geworden als die Zukunft unserer Eltern oder Großeltern. Wir wissen nicht, in welchen Job wir arbeiten, an welchem Ort wir leben werden und ob wir heiraten und Kinder kriegen. Wir lernen heute auch niemanden mehr kennen und verschenken unsere Jungfräulichkeit und ein Verlobungsversprechen gleich mit dazu. Im Gegenteil – wir trennen uns häufiger. Aber unsere Beziehungen sind auch intensiver als die Jugendbeziehungen unserer Eltern und Großeltern. Lasst sie uns doch bitte als ein Fest sehen. Lasst uns innerlich feiern, tatsächlich jemanden Besonderen gefunden zu haben, in einer Welt voller Instagramfilter und Tinder-Penisbilder. Und unsere Treue ist unser Geschenk, das wir mitbringen. Hübsch verpackt in Kostbarkeit und Verlass, umwickelt mit einem Gefühl aus Heimkommen und Fallen-lassen-dürfen.

Kommentare

  1. Das Problem ist meines Erachtens, dass das ganze Thema offene Beziehungen / Polyamorie mit jedem Artikel oder Kommentar in den Medien weiter ‚entpolitisiert‘ wird. Kaum je ist die Rede von einer Liebe die nicht besitzen will, oder von der aktiven Suche nach einer anderen Beziehungsethik und si geht mit jedem weutereb Satz der in den Medien zu dem Thema zu lesen ist, dieses weiter in der Beliebikeit neolieberaler Wahlfreiheit und Unverbindlichkeit auf.

    Dominik / Antworten
  2. „Ehrlichkeit und Gespräche sind in meinen Augen der Grundstein einer Beziehung… Treue kommt erst irgendwo dahinter.“
    Ich bin da ganz bei Jan!

    Ein extrem naiver, vorurteilsbehafteter Artikel.
    Bitte einmal auseinandersetzen mit alternativen Lebensformen wie offenen Beziehungen oder Polyamorie. Ich finde es toll, dass die Menschen immer mehr hinterfragen ob Monogamie wirklich erstrebenswert ist anstatt sich einem gesellschaftlich auferlegtem Muster zu beugen.

    Ich lebe seit 5 Jahren in einer offenen Beziehung und wir hassen uns kein Stück. Im Gegenteil, das Motiv dahinter sollte sein, dass man selbst und den Partner noch glücklicher sehen möchte, als man in einer Zweierbeziehung eh schon wäre. Das Vertrauen und die Bindung wird noch inniger, wenn der Partner trotz der Affäre nebenher immer wieder auch gerne zurück kommt. Was kann einer Beziehung, die so dermaßen gestärkt ist, schon noch passieren? Die Sicherheit wächst enorm, die Kommunikationsfähigkeit wird trainiert, da man darüber intensiv sprechen muss.

    Der Partner ist von schönen Erlebnissen auswärts zusätzlich zu denen von innen beflügelt und glücklich. Man selbst kann Freiheiten genießen und hat dennoch immer seinen Fels in der Brandung. Was gibt es besseres? Die Liebe wird dadurch nicht bedeutungslos gemacht. Im Gegenteil, meistens merkt man dann doch, warum gerade der Partner derjenige ist, mit dem man zusammen lebt. Es stärkt das Gemeinschaftsgefühl, niemand ist ersetzbar, da jeder absolut individuell ist.

    Jans Analsex Beispiel kann man übrigens auch auf alles anderes ummünzen. Welcher Mann ist schon Schwarzer, Latino, Südländer, Weißer zugleich? Wer ist zugleich medium, wer groß ausgestattet? Wer ist zugleich der streberhafte Student und der harte Rockstar? Das kann man endlos so fortsetzen, KEIN Partner dieser Welt schafft es alle Dinge, die man gerne mal getestet hätte, zu erfüllen.

    In einer offenen oder polyamoren Beziehung gelingt aber genau das, einfach indem man den Menschen auch als Individuum sieht. Keiner muss ein Übermensch sein, das nimmt sehr viel Leistungsdruck raus und bringt Harmonie ein.

    Viola / Antworten
  3. Ich sehe das ja alles locker, jedem das seine.
    Ich persönlich sehe reinen Sex (also bisschen rein raus, bisschen rumknutschen vielleicht noch und sowas) schlicht und einfach als körperliche befriedigung an. Niemand würde seinem Partner verbieten ne Runde mit seinen Jungs/Mädels Fussball zu spielen, warum auch? Das Problem ist doch, dass die Gesellschaft immernoch soviel Angst vor Penissen, Vaginas und (weiblichen) Brüsten hat. Kein anderes Lebewesen zeigt eine solche Scham, nur weil jemand anders es nackt sehen könnte.
    Die Frage ist halt wie beide Partner das sehen. Und deshalb ist das eben auch nichts, wovon man in einer Partnerschaft automatisch ausgehen sollte, sondern dass ist ein Thema über das man sprechen muss und entweder die gleichen Ansichten hat oder eben einen Kompromiss finden muss.
    Da muss dann ein Gespräch kommen, was den Leuten wichtig ist, treue oder gefühlloser Sex mit anderen. Die einen sagen, ich will vögeln wann und wie ich will, dass ist deren gutes Recht und wenn der/die einen Partner hat, dem Treue das wichtigste ist, dann muss man sich eben Gedanken machen, ob der eine sich „einsperren“ lässt, der andere „lockerer“ wird oder man sich in der Mitte trifft („nicht mehr so oft“ oder so).
    Ich stelle da immer gerne die Frage nach Analsex: Was wenn nun der eine Partner unbedingt mal Analsex ausprobieren möchte und der andere das auf gar keinen Fall will? Wer hat nun moralisch mehr Recht? Der der es jemand anderem verweigert? Oder der der gerne selbst die Erfahrung machen will? In dem Fall fände ich es absolut legitim, wenn der Erfahrungsammelnwollende Partner mal zu ner/m Prosituierten geht und dort seine analen Erfahrungen sammelt. Das ist nunmal etwas was der Partner nicht bieten kann/will, aber warum sollte man es ihm dann für den Rest seines Lebens (Wenn man in ner Partnerschaft ist, geht man ja in der Regel davon aus, sich nicht zu trennen) verbieten?

    Ich persönlich würde vermutlich die Grenze da ziehen, wo meine Partnerin mir andere vorzieht. Soll heißen, wenn wir in der selben Stadt/Wohnung wohnen (ich also grundsätzlich greifbar bin) dann soll sie doch bitte zu mir kommen, wenn sie vögeln will….
    Grauzone wird es, wenn ich übers Wochenende mit meinen Jungs weg fahr oder mal ne Woche von der Arbeit unterwegs bin. Da kann ich beide Seiten verstehen: Entweder „Die Woche wirst du ja wohl warten können“ oder „Naja, wenn du nicht da bist, dann muss ich mich halt von wem anders bumsen lassen“. Ich persönlich würde hier wohl noch bei ersterem bleiben.
    Aber wenn man ne Fernbeziehung führt, bei der man sich nur ein Wochenende im Monat sieht oder so, da wäre ich definitiv auf Seiten derer, die sagen: „Hey, warum sollten wir uns nicht auch mal von wem andern vögeln lassen?“

    Zumindest bei mir würde das dann auch noch unter gewisse Regeln fallen (keine gemeinsamen Freunde/Bekannte, nicht mehrfach mit der gleichen Person, Nur Sex, kein ernsthafter weiterer Kontakt (Whatsapp und so) mit den Personen, etc.) aber auch hier gilt: Jedem das seine, wenn beide Partner einverstanden sind, kann man sich auch seinen „Fick-Freundeskreis“ aufbauen und da nach Lust und Laune Spaß haben…

    Ich finde es nur falsch, wenn eine der beiden Positionen von Anfang an erwartet „So hat das aber zu sein.“ Ehrlichkeit und Gespräche sind in meinen Augen der Grundstein einer Beziehung… Treue kommt erst irgendwo dahinter.

    Jan / Antworten

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