Wie geht man mit Privilegien um, ohne ein Arschloch zu sein?

Privilegien Umgang

Oft sitze ich in der Bibliothek und stehe gedanklich vor einer Existenzkrise. Ich frage mich, wie und warum ich das alles schaffen soll. Dann kracht es und mir kommt folgender Gedanke: „Ich muss verdammt nochmal aufhören rum zu heulen!

In Deutschland habe ich die Möglichkeit, eine Uni zu besuchen und einen Abschluss zu machen. Und zwar ohne, dass ich mich dafür völlig verschulden müsste. Mein Heimatort bestimmt also maßgeblich, welche Türen mir offen stehen. Oder eben auch nicht.

Diese Faktoren bestimmen unsere Leben

Genauso haben auch mein Geschlecht, meine sexuelle Orientierung, mein familiärer Hintergrund und mein Aussehen einen entscheidenden Einfluss auf mein Leben. Diese Faktoren bestimmen zu einem großen Teil, was ich für Leute kenne, welche Berufswege vor mir liegen und wie andere mich wahrnehmen. Kurzum, obwohl ich an diesen Faktoren nichts ändern kann, bestimmen sie mein Leben zu einem großen Teil.

Das Wohnzimmer meiner Eltern stand voller Reclam-Hefte und Kochbücher. Einmal im Jahr sind wir in den Urlaub gefahren und die wöchentliche Musikschule war auch drin. Mittlerweile studiere ich. Dabei unterstützt mich meine Familie sowohl mental, als auch finanziell. In meinem Pass steht, dass ich Deutsche bin. Mein Aussehen lässt keinen Zweifel daran, sodass ich rassistische Anfeindungen nur aus der Beobachterperspektive kenne. Ich war auch noch nie gezwungen, mich wegen meiner sexuellen Orientierung rechtfertigen oder verstecken zu müssen.

Eigene Privilegien zu reflektieren, ist nicht einfach

Aber ich muss mich auch damit auseinander setzen, wie ich spätabends nach Hause komme, wenn ich alleine bin. Reicht ein zum Schlagring umfunktioniertes Schlüsselbund oder soll ich in ein Taxi investieren? Außerdem muss ich damit rechnen, bei Bewerbungsgesprächen nach meiner Familienplanung gefragt und im Nachhinein wegen eines banalen Grundes abgelehnt zu werden.

Nichtsdestotrotz bin ich in vielerlei Hinsicht privilegiert. Das mache ich mir viel zu selten klar. Stattdessen meckere ich über das Wetter, meine Hausarbeit und die Unmöglichkeit, Jeans in der passenden Länge zu finden.

Eigene Privilegien zu reflektieren, ist nicht einfach. Deshalb gibt es viele Workshops und Konzepte, die einem dabei helfen. Dazu gehören zum Beispiel der „Privilege-Walk“. Dabei stellen sich alle Teilnehmen nebeneinander in einer Reihe auf und nehmen sich an den Händen. Dann werden eine Reihe von Statements und Fragen vorgelesen. Je nachdem, ob man das angesprochene Privileg besitzt, geht man ein Schritt nach vorne oder zurück. Die Menschenkette löst sich dabei nach und nach auf. Hinterher diskutiert man die Aufstellung der Leute im Raum.

Reflexion ist wichtig

Außerdem gibt es die „Blue Eyes Brown Eyes Workshops“. Jane Elliot war eine junge Lehrerin in den rassengetrennten USA der Sechziger Jahre. Sie wollte etwas dagegen tun, dass ihre Schüler den Rassismus ihrer Eltern übernehmen: „A wake up call for all ages, this best-selling program teaches about prejudices using a dramatic framework. It provides an examination of the realities of discrimination as experienced by actual students in the classroom“, heißt es auf der Homepage. Ihre Klasse teilte sie in Blauäugige und Braunäugige ein. Die Blauäugigen wurden bevorzugt behandelt, die Braunäugigen bestraft, so oft es ging. Wer sich mit ihnen solidarisierte, wurde ebenfalls zum Braunäugigen. Es hat gezeigt, wie schnell Diskrimierung stattfinden kann und wie schwer es Diskriminierten fällt, sich zu wehren. Heute werden Schüler, Lehrer, Führungskräfte und Angestellte nach diesem Konzept geschult.

Durch solche Übungen, Gespräche und Selbstreflektionen können wir uns darüber bewusst werden, wie unterschiedlich wir alle sind. Wenn wir uns der vielen Vorteile in unserem Leben bewusst werden, geraten wir schnell vom Hundertsten ins Tausendste. Ich zum Beispiel darf ein Fach meiner Wahl, an einer Uni meiner Wahl studieren. Ich muss nicht in der ständigen Angst vor Umweltkatastrophen leben (zumindest jetzt noch nicht). Wenn ich von Hunger und Durst rede, meine ich Appetit. Andere müssen stattdessen jeden Tag ums bloße Überleben kämpfen.

Das heißt natürlich nicht, dass meine Sorgen und Ängste unberechtigt sind. Leid kann man nicht gegeneinander aufwiegen. Niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, weil er viele Privilegien besitzt. Stattdessen ist Reflexion wichtig. Reflexion darüber, dass das eigene Empfinden nicht für alle gilt. Darüber, dass Rassismus und Sexismus durchaus existieren. Wenn man selbst damit noch keine Erfahrungen gemacht hat, sollte man das als Privileg ansehen.

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Bildquelle: Titelbild: Daria Nepriakhina unter CC 0 Lizenz Bild1 : Quinn Dombrowski unter CC by 2.0

Autorin: Ich kann eine Orange filetieren, aber keine gerade Brotscheibe von einem Laib abschneiden. Dementsprechend frage ich mich manchmal, warum ich nicht einfach was Ordentliches gelernt habe. Schreiben macht mir trotzdem Spaß – besonders, wenn ich mich beim Zeitjung-Hassobjekt auskotze oder interessante Interviews führe.