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32, Arbeitnehmer, psychisch krank

Menschen, die psychisch erkrankt sind, haben oft mit Vorurteilen zu kämpfen – vor allem im Berufsleben. Unsere Autorin räumt mit Halbwissen auf.

Von Christiane Wurm

In Zeiten von psychisch kranken Attentätern und Amokläufern verschärft sich die Diskussion um psychisch Erkrankte aktuell immer mehr. Hätte man die schrecklichen Taten von München und Ansbach verhindern können? Beide Täter waren bekanntermaßen in psychiatrischer Behandlung, litten unter Sozialphobien, Depressionen und hatten Suizidgedanken. Im Zuge dieser Entwicklung stellt sich die Frage, wie man auch im Berufsleben mit psychisch Erkrankten umzugehen hat.

Seit 2006 stieg die Anzahl der Krankheitstage von Arbeitnehmern um 28 Prozent, hauptsächlicher Grund hierfür sind Muskel-Skelett-Erkrankungen, Erkrankungen der Atemwege und Ausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen. So erkrankt jeder dritte Deutsche mindestens ein Mal in seinem Leben an einem seelischen Leiden. Mittlerweile entfallen laut Studien der DAK und der BKK mindestens 15 bis 17 Prozent aller Krankheitstage mit AU-Bescheinigung auf psychische Erkrankungen. Aber was bedeutet das für Arbeitgeber?

 

Warum braucht die Heilung einer psychischen Erkrankung so viel Zeit?

 

Nicht nur, dass immer mehr Arbeitnehmer aufgrund eines seelischen Leidens nicht zur Arbeit erscheinen, sondern vor allem die Dauer dieser Erkrankungen machen es für Arbeitgeber zunehmend schwieriger. Ein durchschnittlicher Krankheitsausfall wegen einer psychischen Erkrankung dauert 39 Tage. Im Gegensatz hierzu dauert eine „normale“ Erkrankung lediglich 13 Arbeitstage. Das hat natürlich fatale Folgen für heutige Arbeitgeber, könnte man meinen. Wichtig hierbei ist vielleicht erst einmal zu verstehen, was bei einer psychischen Erkrankung passiert und weshalb Betroffene diese lange Regenerationszeit benötigen.

 

Warum wird man psychisch krank?

 

Grundsätzlich kommt eine psychische Erkrankung selten allein. Alkoholismus nährt sich auf dem Boden einer Depression, Angststörungen geben Betroffenen das Gefühl, verrückt zu werden und führen sie so direkt in die Depression hinein. Schwierig ist oft auch die richtige Diagnose. Gab es vor zehn Jahren noch deutlich weniger psychisch Erkrankte? Ist die Generation Y einfach zu verweichlicht? Sollte man sie vielleicht lieber Generation Burn-Out nennen?

Nein, höchstwahrscheinlich ist all das nicht der Fall. Seit Bekanntwerden der ersten Burn-Out Fällen vom kleinen Angestellten bis zum Topmanager ist die Bereitschaft sich eine psychische Erkrankung einzugestehen schlichtweg gestiegen. Wurde vor zehn oder 15 Jahren noch vieles unter dem Deckmantel von Rückenschmerzen, Magenproblemen oder dauernder Migräne versteckt, so stehen Arbeitnehmer heute eindeutiger zu ihren wahren Leiden. Somit ist die Zahl der Fehltage aufgrund seelischer Leiden höchstwahrscheinlich nicht übermäßig gestiegen, es hat lediglich eine Verschiebung in der Diagnostik gegeben.

 

Wie verläuft eine psychische Erkrankung?

 

Trotz alledem ist die Diagnose auch heute noch ein Schlag ins Gesicht für Betroffene. Denn wie verläuft eine Erkrankung in der Regel? Nimmt man das Beispiel der Angststörung, besser bekannt als Panikattacken, so hat der Patient anfangs in erster Linie ganz klar körperliche Symptome wie Herzrasen, starkem Druck im Brustbereich, Atemnot, Ohnmachtsgefühle und dauernden Schwindel. Viele der Betroffenen denken in erster Linie an einen Herzinfarkt, nicht aber an eine psychische Geschichte. Wer will schon ein „Psycho“ sein? Und wer würde nicht langsam an sich selbst zweifeln, wenn all die Untersuchungen zu keinem Ergebnis führen, wenn einem ständig gesagt wird, dass man völlig gesund ist? Oft wird erst nach mehreren Arztbesuchen und Terminen mit Kardiologen, Neurologen und anderen Experten erkannt, dass diese durchaus wirklichen, physischen Beschwerden nur durch seelischen Druck und eine Überreaktion des Körpers hierauf zurückzuführen sind.

 

Was kann man gegen eine psychische Erkrankung tun?

 

Nur ist das Thema damit nicht beendet, es scheint im ersten Augenblick nur noch dramatischer. Nach wie vor ist ein psychisches Leiden landläufig mit Schwäche assoziiert, was gerade bei männlichen Patienten zu einer noch tieferen Depression, Angststörung oder Sucht führen kann. Die Bezeichnung „Psycho“ macht die Sache nicht besser. Doch irgendwann ist es an der Zeit, seine Situation anzunehmen. Man macht erste Bekanntschaft mit Psychologen, versucht es mit Medikamenten, Therapie oder beidem. Kein Wunder, dass man dafür durchschnittlich knapp 40 Tage braucht. Bis zur vollständigen Heilung kann es durchaus Jahre dauern! Psychische Erkrankungen weiten sich gerne aus; so hat man plötzlich nicht mehr nur Panik in der S-Bahn, sondern vielleicht bald schon beim Verlassen der Wohnung. Zwar gibt es im Internet Tausende Tipps und Tricks, wie man diese Angstzustände wieder in den Griff bekommt, wichtigster Faktor ist hier aber nun mal die Zeit.

Eine solche Erkrankung ist also nicht weniger schlimm, als eine körperliche Erkrankung, die Problematik liegt eher in der Tabuisierung, dem nicht „sehen können“ und nicht nachvollziehen können. Für den Arbeitgeber bedeutet es in erster Linie Arbeitsausfall, der aufgefangen werden muss. Eine Kündigung aufgrund Krankheit ist nicht oder nur in Einzelfällen möglich. Grundsätzlich ist der Arbeitgeber für die ersten sechs Wochen nach Erkrankung zur Entgeltfortzahlung verpflichtet, ab dann übernimmt die Krankenkasse zumindest 70 Prozent des bisherigen Bruttolohns. Fazit: Man ist ernsthaft krank, Arbeitgeber und Kollegen – die die Arbeit des Betroffenen zusätzlich zu ihrer eigenen Arbeit übernehmen müssen – sind in der Regel richtig angepisst und man muss sehen, wie man mit 30 Prozent weniger Geld über die Runden kommt. Natürlich versteht man Arbeitgeber, die sich nach Lösungen sehnen, einen kranken Arbeitnehmer schnellstmöglich loszuwerden.

 

Hat eine psychische Erkrankung nicht nur negative Seiten?

 

Welchen Vorteil kann es also für Arbeitnehmer überhaupt haben, eine psychisch erkrankte Person weiterhin zu beschäftigen? Fakt ist, dass ein Arbeitnehmer, der nach der Erkrankung in den Beruf zurückkehrt ,in der Regel den unbedingten Willen innehat, nie mehr in eine ähnlich schreckliche Situation zu kommen. Ehemals Erkrankte achten auf ihren Körper, nicht nur auf physischer Ebene, sondern eben gerade auf psychischer. Sobald der Punkt der Über- oder Unterforderung erreicht ist – denn auch aus Unterforderung am Arbeitsplatz kann eine psychische Erkrankung wie etwa eine Depression entstehen – unternimmt dieser Arbeitnehmer etwas. Er stellt selbst sicher, nicht erneut zu erkranken. Wichtig hierbei ist natürlich der Umgang innerhalb der Firma mit der Erkrankung. Wenn Chef und Kollegen die Erkrankung nicht verstehen (wollen), keine Rücksicht nehmen, dann startet ein Teufelskreis. Begreift das Arbeitsumfeld die Chance nach einem solchen Leidensweg, können gerade diese ehemalig Erkrankten mit ihrer neu gewonnenen Stärke glänzen.

Und ganz ehrlich – sind wir nicht alle ein bisschen „Psycho“?

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