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Religion: Was sollen wir noch glauben?

Die Kirche verbinden wir vor allem mit Missbrauchsskandalen, Bibeln mit verstaubtem Religionsunterricht. An was glauben wir heute?

Unsere Generation glaubt an vieles – an Burnout und Work-Life-Balance, an Öko und Bio, an Yoga und Spiritualismus; daran, dass es egal ist, wo einer herkommt und wen einer liebt. Wir glauben an den Fortschritt der Technik, an erneuerbare Energien und daran, dass wir die Welt verbessern können. An einen Gott glauben dagegen nur noch die wenigsten von uns. Es scheint, als wäre die Kirche für viele nur mehr eine antiquierte Institution der Vergangenheit. Man könnte wagen zu behaupten, dass eine nicht unbedeutende Zahl junger Leute das Innere einer Kirche nur noch von amerikanischen Liebesfilmen und obligatorischen Touristenrundgängen kennt.

 

Verstaubte Weltansichten und die Verbundenheit zur Kirche

 

Da geht es mir nicht anders. Obwohl getauft, erstkommuniert und gefirmt – was man als Kind eben so tut für ein bisschen Geld – kann und konnte ich mit der Kirche noch nie was anfangen. Gott, der Glaube, die Bibel: Das sind für mich seit Jahrhunderten überkommene Traditionen, verstaubte Weltansichten, doppelmoralische Predigten und die Erinnerung an die paar aus Pflichtgefühl besuchten Messen auf steinharten Holzbänken in eiskalten Kirchen mit uralten Leuten und altersschwachen Pfarrern. Die Instrumentalisierung der menschlichen Angst vor dem Tod, Verhütungsverbote aus dem Vatikan und haufenweise Missbrauchsvorwürfe – viel anzubieten hat gerade die katholische Kirche nicht für junge Leute. Doch auch die evangelische Kirche verliert an Anhängern, wie eine Studie der EKD zeigt: Nur 34% der 22-29-Jährigen Kirchenmitglieder im Westen fühlen sich der Kirche verbunden, im Osten sind es 36%. Muslime sind zwar augenscheinlich religiöser als Anhänger der katholischen oder evangelischen Kirche, 36% geben an, sehr stark gläubig zu sein. Doch fast genauso viele, 35,7% beten nie oder nur ein paar Mal im Jahr.

 

Wieso an Gott glauben, wenn wir schon so sehr an uns selbst glauben?

 

Nun gilt es natürlich zu trennen zwischen einem Glauben im Allgemeinen und der Zugehörigkeit oder Verbundenheit zu einer Kirche oder bestimmten Religion. Immerhin 58% der Befragten einer Studie glauben in Deutschland an einen Gott. Ich gehöre, wie wahrscheinlich die meisten meiner Altersgenossen, zum übrigen Teil. Natürlich muss man die Bibel nicht wortwörtlich auslegen, kann in seinem Glauben mit Sicherheit viel Halt finden und bestimmt lehren die Kirchen auch lobenswerte Gebote wie Nächstenliebe. Nicht zuletzt bescheren sie uns auch Weihnachten und über zu wenig Feiertage darf sich – zumindest in Bayern – ebenfalls niemand beschweren. Trotzdem ist die Kirche gerade vielen jungen Leuten fremd. Aber wieso sollten wir auch an etwas so Ungreifbares wie einen Gott glauben, auf höhere Mächte und Bestimmungen vertrauen? Wir, denen es mehr als nur gut geht, die ihr Leben mit all seinen Entscheidungen selbst im Griff haben und, zumindest theoretisch, alles tun und lassen und werden können, wer wir wollen.

 

Entsteht Glaube aus der Not heraus?

 

Dass Religion und Kirche sich auf dem absteigenden Ast befinden, hat aber nicht etwa mit dem globalen Zeitgeist zu tun. Eher liegt es vor allem an unserer westlichen Einschätzung. The Guardian  bezeichnet diese Einschätzung gar als „europäischen Mythos„. Weltweit soll die Zahl der Christen bis 2050 auf 2,9 Milliarden gestiegen sein, die der Muslime auf 2.8 Milliarden. „The poor go for God“ heißt es im Artikel, nur in Europa siege der liberale Individualismus über den gemeinschaftlichen Geist der Religion. Afrika ist laut der Umfrage The Global Index of Religiosity and Atheism die strenggläubigste Region der Welt, etwa 93 % bezeichnen sich hier als gläubig. Woran liegt das? Boomt Religiosität nur noch in weniger wohlhabenden Ländern? Und wenn ja, bedeutet das dann gleichzeitig, dass der Glaube nur aus der Not heraus entsteht? Oder weil Atheisten in vielen afrikanischen Ländern mit sozialen und politischen Konsequenzen zu rechnen haben? Darüber lässt sich wohl nur spekulieren.

 

Eindrücke aus Malawi

 

Das Religion in Afrika einen extrem hohen Stellenwert hat, berichtet auch unsere Autorin Anika aus dem südostafrikanischen Malawi. Als „richtiges Happening“ bezeichnet sie den Kirchgang, der gut und gerne mal drei Stunden dauern kann – und das zweimal täglich jeden Sonntag, Es gibt Essen und Bibelstunden, die Leute singen viel und tauschen sich aus. Die Menschen sehen Kirche, Religion und ihren Glauben vor allem als eine Art Gemeinschaftsprojekt, etwas, das die Gemeinde zusammenhält, berichtet Anika. Dagegen können die Gottesdienste in Good old Germany in der Regel nicht anstinken.

„Als kleine Kinder kommen wir hier in die Bibelstunde. Wenn meine Eltern gesagt haben, dass ich in die Kirche gehen soll, dann habe ich das gemacht“, erzählt uns Betty. Sie ist gebürtige Malawierin und arbeitet bei der NGO „OneDollarGlasses“, die Menschen mit Brillen versorgt, die sie sich nicht leisten können. „Ich glaube, der Unterschied zu Ländern wie beispielsweise Europa ist, dass Menschen dort ihrem Wissen und den wissenschaftlichen Erkenntnissen nachgehen und daher nicht an Gott glauben, sondern an die Evolution. Und bei mir ist es eben andersrum.“

 

Man muss nicht an Gott glauben, um zu glauben

 

Betty hat Recht: Wir sind oft so geblendet von den rasanten Entwicklungen in Wissenschaft und Technik, dass so etwas wie ein Glaube an einen unsichtbaren Gott geradezu naiv erscheinen mag. Wir sind zu abgeklärt, um etwas ohne stichhaltige Beweise und plausible Erklärungen glauben zu können. Trotzdem ist Religion und Glauben irgendwo doch immer ein fester Bestandteil unseres Lebens, der sich entwickelt, genauso wie wir es tun. An irgendetwas müssen wir uns festhalten. Es heißt nicht umsonst: Im abstürzenden Flugzeug gibt es keine Atheisten.

ZEIT-Autor Christian Schüle beschreibt die Sache mit dem Glauben in einem Artikel folgendermaßen: „Man muss nicht an Gott glauben, um zu glauben. Man muss nicht Katholik sein, um anzubeten. Man muss sich nicht zum Protestantismus bekennen, um seinen Nächsten zu lieben. Wer aber glaubt, der Mensch komme ohne Glauben aus, der glaubt somit erstens selbst und macht zweitens die Rechnung ohne die Spezies Mensch. Das heißt: Der Mensch glaubt, weil er gar nicht anders kann, als zu glauben. Der Mensch ist von Natur aus religiös, und auch der Atheist ist ein homo naturaliter religiosus.“ Amen.

 

 

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Bildquelle: snapwiresnaps.tumblr.com unter CC0-Lizenz

Kommentare

  1. Einen Aspekt den ihr nicht mit eingebracht habt: Vielleicht sind wir in der ersten Welt auch einfach zu sehr mit uns selbst beschäftigt um da noch Platz für einen Gott schaffen zu können.Vielleicht siegt die Wissenschaft für viele auch einfach darum, weil sie die Welt für uns einfacher macht, ohne dass wir uns etwas vorschreiben lassen. Generation Y lässt grüßen. Ich bin selbst gläubig und katholisch und es gibt vieles, was mich an meiner Kirche stört. Vielleicht stört mich sogar mehr, als mich zufrieden macht. Trotzdem halte ich daran fest, in der Hoffnung, die Gemeinschaft mitgestalten und verbessern zu können

    Karla / Antworten
  2. »Frau Müller, haben sie den Brief an Dr. Meier abgeschickt?« »… ich glaube schon.«

    Ich glaube, dass Glaube in Zeiten der Hexenverbrennungen noch einen gewissen Sinn hatte. Heute brauchen wir Wissen und Fakten um unsere sehr komplexe Welt zu verstehen und vor allem »managen« zu können.

    Liva Pininfarina / Antworten
  3. ein wunderbares Kinderbuch zu dem thema Toleranz zwischen den Religionen bringt es – auf einfach art und weise – denk ich auf den punkt:

    „Mein Gott, dein Gott, Unser Gott“

    liebe grüsse =)

    manuela hessler / Antworten

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