Rio, Russland, Staatsdoping: Sollen wir Olympia trotzdem schauen?

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Die Schlagzeilen des bisherigen Jahres 2016 sind neben Terroranschlägen und prominenten Todesfällen vor allem durch die sportlichen Großereignisse bestimmt. Nachdem die EM-Hysterie überraschend schnell abklang, ist es nun an der Zeit, die Fähnchen wieder aus dem Keller zu holen.

Erstmals in der Geschichte der Olympischen Spiele werden die Wettkämpfe auf südamerikanischen Boden ausgetragen. Nachdem die Gastgeberstadt Rio sich bereits vor zwei Jahren als gutes Pflaster für deutsche Athleten erwies, ist auch dieses Jahr die Hoffnung auf viel Edelmetall groß.

 

Auf die Plätze, fertig, Skandal!

 

Für einige ist die heutige Eröffnungsfeier allerdings nur der Startschuss zu ausschweifenden Diskussionen über die „Sauberkeit des Sports“ beziehungsweise der Leichtathletik im Besonderen. Und gerade dieses Jahr bietet das Internationale Olympische Komitee (IOC) mehr Angriffsfläche denn je.

Irgendwie fiel es in den vergangenen Tagen schwer, hier den Überblick zu behalten: Erst die geplante völlige Sperre aller russischen Athleten, anschließend der Rückzieher des IOC und nun schließen einzelne Verbände die russischen Vertreter doch aus. Was war passiert? Trotz nachweislichem Staatsdoping wurden die Athleten der Sportgroßmacht nicht kollektiv gesperrt. Stattdessen werden russische Sportler, die in der Vergangenheit des Dopings überführt wurden, selektiv von den Spielen ausgeschlossen. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung. Sehr löblich. Eine gewisse Naivität gehört wohl mittlerweile leider dazu, wenn man die Spiele zelebrieren und genießen will.

Dennoch geht die russische Mannschaft deutlich dezimiert an den Start: So erteilte der Gewichtheber-Weltverband (IWF) beispielsweise keinem der nominierten Athleten eine Startgenehmigung. Die Kanuten müssen auf fünf Sportler verzichten und auch die Ruderer sind mit sechs verbliebenen Athleten sehr dünn aufgestellt.

 

Die Politisierung des Sports

 

Aber um was geht es hier wirklich? Tatsächlich um die Sorge vor unfairen Spielen und einem Medaillenspiegel, der die eigene Nation schlecht dastehen lässt? Gestehen wir es uns doch ein: Russische Athleten werden nicht die Einzigen sein, die es geregelt bekommen, unzulässige Substanzen in den Proben verschwinden zu lassen. ABER – und hier wird es politisch – es ist Russland. Putins Russland. Mittlerweile ist keine Außendarstellung des Landes losgelöst von der politischen Situation mehr möglich. Sport wird seit jeher zur Instrumentalisierung der Politik genutzt. Und während Angela Merkel Selfies mit den DFB-Jungs schießt, verschwimmen die Grenzen zwischen Sport und Politik immer mehr. Die Entscheidung für die Teilnahme der russischen Athleten wurde final vom Exekutivkomitee des IOC gefällt. Gegenwärtig untersteht dieses Komitee der Präsidentschaft des Deutschen Thomas Bach, welcher wiederum als Sympathisant Putins gilt.

 

Die Akte Stepanowa

 

Kennzeichnend ist auch der Umgang mit der russischen Mittelstreckenläuferin Julia Stepanowa, die maßgeblichen Anteil an der Aufdeckung des systematischen Staatsdopings hatte. Da sie selbst Teil dieses Systems war und somit des Dopings überführt ist, darf sie an den diesjährigen Spielen nicht teilnehmen. Soweit so in Ordnung. Das IOC lädt sie und ihren Mann dafür jedoch – als persönliche Gäste – nach Rio ein. Donnerwetter! Das ist mal eine angemessene Würdigung für die Mitarbeit an der Zerschlagung einer der größten Doping-Organisationen aller Zeiten. Das IOC verspricht zudem, Frau Stepanowa in ihrer zukünftigen Karriere zu unterstützen. Dies impliziere auch die Suche nach einem geeigneten Nationalen Olympischen Komitee. Bedeutet: Wenn Stepanowa jemals wieder an den Olympischen Spielen teilnehmen möchte, muss sie ihre Staatsbürgerschaft ändern. Unter russischer Flagge ist eine zukünftige Teilnahme nämlich ausgeschlossen. Zugegeben: Unter diesen Umständen fällt es schwer, unbefangen auf die sportlichen Ergebnisse zu schauen.

Trotzdem: Aus Respekt vor den Athleten und ihren wahnsinnigen Leistungen, werde ich wieder wie gebannt vor dem Fernseher sitzen und unter anderem einem Usain Bolt dabei zusehen, wie er seine eigenen Rekorde bricht. Und ich werde davon ausgehen, dass derartige Leistungen auch ohne Doping möglich sind.

Für das Heimatland anzutreten und um Medaillen zu kämpfen ist sicherlich der eine Ansporn. Doch vor allem in der Leichtathletik ist der Einzelsportler oftmals selbst sein größter Gegner. Doping stärkt also vermeintlich nicht nur den Athleten, sondern auch seine stärkste Konkurrenz.

 

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Bildquelle: Braden Collum unter CC0-Lizenz

Offensichtlich fühlen sich Mitmenschen durch mich oftmals an Monk erinnert. Pedanterie lasse ich mir allerdings nur im Umgang mit Büchern und Musik unterstellen. Ansonsten führe ich ein Leben ohne Zwangsneurosen und verbringe dieses bevorzugt in Konzerthallen, Stadien und Theatersälen. Kochen und lügen kann ich überhaupt nicht, reden und abhotten dafür umso besser.