Routinen: Zwischen Selbstoptimierung und Langeweile

Kinder stehen im Bad und putzen sich die Zähne

Es ist Freitagvormittag. Irgendwann kurz nach elf. Die dritte Tasse Kaffee ist geleert, neben mir steht ein Teller, der von den Überresten meines Bananenbrotes zeugt. Das gute, mit den Schokostücken drin. Ich sitze vor meinem Laptop, in einer Sitzposition, für die mir mein Orthopäde liebevoll in den Nacken schlagen würde und wundere mich über meine Kopfschmerzen. Auf dem Bildschirm blinkt mein Cursor hinter der Überschrift meines Artikels über Routinen. Auf dem Stuhl neben mir sitzt mein Hund und schaut mich vorwurfsvoll an. Das Klischee scheint selbst ihm peinlich.

Toll, ich und ein Beitrag über Routinen. Ich habe es in den letzten sechs Jahren ja nicht einmal geschafft, länger als fünf Monate in einer Stadt wohnhaft zu bleiben. Und ausgerechnet dieses Musterbeispiel für Unstetigkeit hat sich nun dazu entschieden, über Beständigkeit im Alltag zu schreiben.

Zugegeben: Ich wäre gerne eine dieser routinierten Frauen, die jeden Morgen konsequent fünf Minuten vor dem Wecker aufwachen, sich grinsend aus dem Bett schwingen, die langen blonden Haare in einen Pferdeschwanz binden und motiviert mit einer Flasche Gurkenwasser auf’s Laufband springen. Danach ein gesunder Smoothie, Duschen, mit dem Hund zum Agility-Training, auf dem Rückweg ein Kaffee von dieser niedlichen Rösterei um die Ecke und dann im Business Casual ab an den perfekt aufgeräumten Schreibtisch. Wenn ich mir das so recht überlege, macht mich schon die Vorstellung aggressiv.

Ich bin so nicht.

Versteht mich nicht falsch, ich bin auch kein totaler Hänger. Aber mein Wecker snoozed jeden Morgen sicher drei Mal und mein erster Griff geht auch nie zum Wasserhahn, sondern zur Kaffeemaschine. Erst dann gehe ich Zähneputzen und dann mache ich mein Bett. Sport funktioniert meist mehr schlecht als recht und der Hund trägt mir häufig die Leine schon entgegen, bevor ich registriere, dass ich mit Kaffeetasse in der Hand schon wieder 10 Minuten auf Instagram versackt bin. Mein Morgen ist eben mehr Käsetoast als Buddha Bowl.

Ich schließe das Dokument und tippe „Produktive Routinen“ in die Google Suchleiste ein. 489.000 Ergebnisse in 0,43 Sekunden. Cool. Das Thema scheint also nicht nur mich zu interessieren. Ich klicke mich durch die ersten paar Vorschläge. Neben Überschriften wie „10 Tipps für einen produktiven Morgen“ fallen mir auch diverse YouTube Videos in die Hände. „Habits of the World’s Most Successful People”, oder „The 1 Billion Dollar Morning Routine“ sind wohl die eindrucksvollsten Titel.

Puh, manche Menschen scheinen ihr Leben wirklich im Griff zu haben. Aus lauter schlechtem Gewissen gehe ich in die Küche und gieße mir ein großes Glas Wasser ein. 20 Minuten später sind die Kopfschmerzen weg. Besserwisser.

Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in meinem Lebensentwurf, wie es meiner Generation immer nachgesagt wird.