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Womit können Jugendliche ihre Eltern heute noch schocken? Mit bunten Haaren, lauter Musik und abgeranzten Klamotten garantiert nicht. Viele Eltern haben mehr Demonstrationen organisiert, Konzertnächte durchgetanzt und Joints geraucht, als ihre Kinder. Das einzige, was sie noch aus der Ruhe bringt oder wenigstens irritiert, ist, wenn ihre Kinder spießiger sind, als sie selbst.

 

Die gefährliche Unwissenheit

 

Genau da liegt die Gefahr des Salafismus. Bevor wir uns darüber Gedanken machen, ist es aber erstmal wichtig, zu wissen, worüber wir eigentlich sprechen. Die Begriffe Islam, Islamismus, Jihad und Salafismus liest und hört jeder von uns sehr oft, allerdings selten in der richtigen Verwendung. Und das nicht nur in “das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Kommentaren. Der Islam bezeichnet einzig und allein die Religion. Die islamische Lehre unterscheidet zwischen dem kleinen und dem großen Jihad. Den großen Jihad begehen Gläubige jeden Tag, denn das ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. Der kleine Jihad ist der militärische Kampf, der laut Koran allerdings nur im Verteidigungsfall erlaubt ist. Der Islamismus ist die Nutzung und Umdeutung von islamischen Inhalten zu einer politischen Ideologie. Im Salafismus ist das ähnlich. Dennoch gibt es sowohl beim Islamismus, als auch beim Salafismus unterschiedliche Strömungen. Nicht alle sind gewaltbereit und nicht alle wollen aus Deutschland einen islamistischen Staat machen.

Der Begriff des Salafismus geht auf die “salaf“, die Nachfolger des Propheten Mohammed zurück. Sie waren für Mohammed das, was die Jünger für Jesus waren. Die heutigen Salafisten wollen sie nachahmen. Das ist auch der Grund dafür, dass der einflussreichste salafistische Prediger Deutschlands Pierre Vogel eine Kappe und langen Bart trägt. Da fällt dann häufig das Wort “Steinzeit-Islam“. Das täuscht aber, denn den Salafisten ist keine Social Media-Plattform zu schade, um Jugendliche anzusprechen. Sie gehören, wie die meisten deutschen Salafisten zu der politischen Strömung. Das heißt, sie wollen durch politischen Aktivismus und Missionierung ihr Umfeld und den Staat verändern. Außerdem gibt es noch die puristische Strömung, die ihren Glauben nur für sich leben und die jihadistische, die den militanten Jihad mindestens unterstützen.

 

Eine Frage der Deutung

 

Die Arabistik-Expertin Claudia Dantschke hat mal den schlauen Satz “Der Islam braucht den Islamismus nicht, aber der Islamismus den Islam“ geschrieben. Das trifft auf den Salafismus genauso zu und bringt das Verhältnis von Religion und Ideologie auf den Punkt. Salafisten stützen sich auf islamische Inhalte, deuten sie aber auch um und sehen sich als Verkünder des “wahren Islam“. Der “wahre Islam“ ist dann keine Religion mehr, sondern eine eindeutige festgelegte politische Ideologie, die alle Bereiche des Lebens regelt und die Gesellschaft verändern will.

Damit sprechen Salafisten häufig Jugendliche an, deren Eltern zugewandert sind. Sie haben den Islam kennengelernt und sind auch gläubig, aber hin- und hergerissen zwischen den Kulturen. Die Imame in den Gemeinden sprechen oft kein Deutsch und wissen nicht, was Jugendliche in Deutschland bewegt. Salafistische Prediger schon. Charismatisch und bildhaft sprechen sie über Alltagsrassismus, Diskriminierungen und das schlechte Bild des Islam in der Öffentlichkeit. Diese Orientierungslosigkeit und das “nicht verstanden werden“ nutzen Salafisten. Sie bieten Jugendlichen eine Ersatzfamilie mit strengen Regeln und gleichzeitig eine abgegrenzte Subkultur mit eindeutiger Identität.

 

Der Reiz von Verboten

 

Der ehemalige Salafist Dominic Schmitz sagte der Süddeutschen Zeitung im Interview: “Der Salafismus bietet dir Liebe, Geborgenheit, Struktur, Regeln, Hoffnung. Eine Einfachheit. Alles, wonach sich viele Jugendliche sehnen, deckt der Salafismus komplett ab“. Frühere Subkulturen wollten die strengen gesellschaftlichen Regeln brechen. Salafistische Prediger dagegen reagieren eindeutig auf die Vielfalt an Lebensstilen und Möglichkeiten. Schmitz bemerkte dazu: “Wenn du schon jede Freiheit hast, dann ist das vielleicht genau der Reiz, wenn jemand sagt: Nein, das darfst du nicht“. Auf diesen Reiz springen viele Jugendliche, egal welchen Hintergrundes, an.

Salafismus könnte also der neue Punk werden. Wird er aber nicht, wenn wir alle damit aufhören, unreflektiert mit Begriffen um uns zu schmeißen und, wenn genug Aufklärungsarbeit geleistet wird. Schmitz spricht häufig zusammen mit einem ehemaligen Neonazi vor Schülern: “In den Schulen merke ich schon, dass die Jugendlichen mir ganz gebannt zuhören“.

 

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Bildquelle: withbeautiful über CC by -SA 2.0