Rechtspopulismus: Wir müssen endlich Flagge zeigen

Der Flüchtlingsjunge, dessen Gesicht in den letzten Tagen immer und immer wieder durch das Netz geisterte, heißt Luai Khatum. Er, sein Bruder und sein Vater saßen in jenem Bus, auf dessen Anzeige ironischerweise „Reisegenuss“ stand und der die rund zwei Dutzend Flüchtlinge in ihr neues Heim im sächsischen Clausnitz bringen sollte. Aber davor standen die Nazis. Sie Demonstranten oder gar Asylkritiker zu nennen verbietet der gesunde Menschenverstand, denn damit hatte dieser Mob vor dem Flüchtlingsheim nichts mehr zu tun. Etwa hundert Schreihälse empfingen die Neuankömmlinge mit erhobenen Fäusten und Gebrüll. „Verschwindet von hier! Ab nach Hause! Widerstand, Widerstand!“ hörte man. Und natürlich: „Wir sind das Volk“.

 

 

Hat wirklich irgendjemand erwartet, dass die Deutschen etwas aus ihrer Geschichte lernen? Der Spruch History repeats itself war nie aktueller als heute, wenn fast täglich Flüchtlingsheime brennen und der Pöbel sächselnd Parolen brüllt. 1.547 rechtsextreme und fremdenfeindliche Straftaten registrierte die Polizei nach vorläufiger Zählung im vergangenen Jahr in Sachsen. Jeder sechste Übergriff auf ein Flüchtlingsheim findet in Sachsen statt. Dort, wo 17 Prozent der Einwohner die AfD wählen würden.

Lange hat man die AfD und ihre Komplizen verlacht oder ignoriert. Man solle ihnen ja keine Bühne bieten, sagt die eine Seite. Doch, weil sie sich selbst lächerlich machen werden, sagt die andere. Beide haben irgendwie recht. Es gibt Interviews mit AfD-Mitgliedern, in denen sich die ganze Dummheit dieser Partei offenbart. Zum Beispiel, wenn der Baden-Württembergische AfD-Kandidat Markus Frohnmaier in der Satireshow extra 3 nicht von Flüchtlingen, sondern von „Wanderern“ spricht. Oder wenn Beatrix von Storch das mit dem Schießbefehl gar nicht ernst gemeint hat, sondern ihr bloß die Maus ausgerutscht ist.

 

Haltung zeigen war nie wichtiger als jetzt

 

Und dann gibt es noch Agitatoren wie Björn Höcke, die schlicht gefährlich sind. Ein beurlaubter Lehrer, der mit Goebbels-Tremolo vom „lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp“ spricht und bei Jauch als erstes das Deutschlandfähnchen herausholt, ist mindestens eine Herausforderung für die deutsche Demokratie, bestimmt aber der Beweis dafür, dass man die AfD todernst nehmen sollte. Erst kürzlich hat Frauke Petry zugegeben, dass bei der fremdenfeindlichen Protestaktion in Clausnitz auch AfD-Mitglieder beteiligt waren. Der Leiter des Flüchtlingsheims, in dem Luai und all die anderen Flüchtlinge untergekommen sind, ist ein AfD-Mitglied. Das Wahlprogramm der AfD zeigt: Die Partei leugnet unter anderem den Klimawandel, will die Wehrpflicht wieder einführen und eine Reduzierung der Abtreibungszahlen vorantreiben.

„Wenn man jetzt nicht Haltung zeigt, wird wieder etwas gestern noch Undenkbares zur Normalität. Diese Republik wird mir in ihrer Sprachgewalt, Brachialgewalt und Diskursgewalt von Tag zu Tag etwas fremder“, schreibt Jagoda Marinic in der taz und fasst damit zusammen, was viele denken: Was passiert hier gerade eigentlich? Wie kann es sein, dass wir aus zwölf Jahren Krieg und vielen Millionen Toten nichts gelernt haben? „Ich kann es nicht begreifen, dass nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen. Ich kann es nie begreifen und ich finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist für’s Vaterland.“ Dieses Zitat stammt von Sophie Scholl, die gestern vor 73 Jahren hingerichtet wurde. Ihr Verbrechen: Widerstand gegen das Nationalsozialistische Regime. Wenn wir uns jetzt nicht aktiv gegen den braunen Mob, gegen Rechtspopulisten wie die AfD und gegen die „besorgten Bürger“ von Pegida stellen und für ein gewaltfreies, antirassistisches und tolerantes Deutschland eintreten, dann könnte sich die Geschichte wiederholen.

Dresden heute, Rostock damals: was gelernt?Aus aktuellem Anlass … #Bautzen

Posted by Panorama on Sonntag, 21. Februar 2016

 

 

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Bildquelle: Gilly Berlin via CC BY 2.0

Autorin: Nach mehreren Jahren des Pseudo-Studierens darf ich mich mit dem atemberaubenden Titel Theaterwissenschaftlerin B.A. schmücken. Ich hab's nicht nur wegen des Geldes gemacht! Ich geh auch so wirklich gerne ins Theater. Was ich sonst noch gerne mache: Mich über Sachen aufregen, die ich sowieso nicht ändern kann, Katzen streicheln, Videospiele spielen, Gin Tonic trinken und Dinge unternehmen, die nur minimale soziale Interaktion erfordern.