Schlafen für den Weltfrieden

Wenn wir nur alle mehr schlafen würden, wäre die Welt ein besserer Ort. Es gäbe weniger Krieg, die Scheidungsraten würden in die Tiefe sacken, Kinderträume blieben unzerstört. Die Theorie dahinter ist simpel: Wer schläft, kann auch nichts anrichten. Lässt seine schmutzigen Patschefinger für eine kleine angenehme Weile von der Welt. Zwei gesetzlich verordnete Stunden Schlaf mehr pro Bürger und pro Nacht, und wir hätten zwei Stunden weniger am Tag, in denen Selbstmordattentate und Hauseinbrüche verübt werden können, zwei Stunden, in denen Träume noch Träume und Beziehungen einfach sind. Außerdem sind ausgeschlafene Terroristen sicher sehr viel friedfertiger, vor allem wenn sie noch dazu satt sind, aber das ist eine andere Baustelle.

 

Wir schlafen – unsere Persönlichkeit erwacht

 

Wenn es nicht gerade um Prostatakrebs oder Blasenschwäche geht, sind Strecken wie „Schlau im Schlaf“, „Schlank im Schlaf“ oder sogar „Schön im Schlaf“ beliebte Titelthemen in diversen Apothekenzeitschriften – auch die wissen schließlich um die allgemeine Anziehungskraft von Alliterationen. Tatsächlich ist es so, dass, während wir ahnungslos in Embyronalstellung oder Seesternform in den Laken hängen und glauben, endlich mal nichts zu tun, ziemlich viel im Körper passiert. Vor allem im Gehirn, vorausgesetzt man hat eines. Denn all die Informationen, die wir tagsüber aufgenommen haben, werden im Tiefschlaf gefiltert und ins Langzeitgedächtnis übergeführt. Die losen Eindrücke, die wir so während dieses ganzen Leute-sehen-und-Dinge-tun-Theaters auf uns eintröpfeln haben lassen, werden also erst nachts sortiert und gefestigt. So entsteht Wissen, aber in gewisser Hinsicht auch unsere gesamte Biographie. Gefühle, Erinnerungen, Träume. Wir formen unsere Persönlichkeit quasi im Schlaf.

„Schlau im Schlaf“ – das funktioniert also. Aber auch beim Abnehmen hilft die eingangs genannte Strategie, ganz einfach ist die neue Schlaf-Diät, so simpel wie effektiv: Wer schläft, kann auch nicht essen. Nicht einmal einen Schokoriegel kriegt man zwischen Tiefschlaf- und REM-Phase zwischen die Kiemen gedrückt. Am nächsten Morgen wacht man auf, dünn und ausgeschlafen, ein Traum! Oder war es wirklich alles nur ein Traum?

 

Wer länger schläft, ist früher tot?

 

Da wir hier nun mal seriösen Journalismus betreiben, sollen auch die Gefahren von Schlaf untersucht werden. Bevor nämlich eine ganze Leserschaft oder Generation glücklich und erleichtert in einen kollektiven Dornröschendauerschlummer fällt, gilt es, einer Frage nachzugehen: Gibt es auch zu viel Schlaf? (Bittenichtbittenichtbittenicht) Meine Schwester X zum Beispiel verfährt am liebsten nach dem Prinzip „Viel hilft viel“. Aber ist nicht alles Gesunde im Übermaß irgendwann kontraproduktiv (ich verweise hier auf die berühmte „Salatlüge“)? Als optimale Nachtruhe gelten bekannterweise sieben bis acht Stunden. Wer kontinuierlich darüber hinaus pennt, könnte die schwarze Kapuze mit der Sense herausfordern, eine Mortalitätsstudie der University of California in San Diego prophezeit Langschläfern nämlich ein höheres Schlaganfallrisiko, außerdem Neigungen zu Diabetes und Angsterkrankungen und damit lauten die verstörenden Ergebnisse dieser Studie erstmal: Wer länger schläft, ist früher tot. „Langschläfer berichten zudem häufiger von Einschlafproblemen, allgemeiner Müdigkeit und sehr häufig von Depressionen“, erklärt Professor Daniel F. Kripke, der Leiter der Studie, gegenüber der ZEIT. Jedoch seien die Hintergründe dieser Korrelation noch nicht ausreichend geklärt, ein Argument wäre zum Beispiel, dass schwerkranke Menschen mehr schlafen als andere und Gesundheitsprobleme somit vielmehr ein Symptom als eine Folge des langen Liegenbleibens sind.

 

I have a dream.

 

Außerdem: Schlafen ist in dieser Hinsicht ein wichtiges Training. Workout. Vorbereitung auf den größten Bewusstlosigkeits-Marathon unseres Lebens – den Tod. Sowas will ja auch geübt sein, schließlich werden wir das eine relativ lange Zeit machen müssen. Stillhalten, nicht Nachdenken, der Natur die Oberhand gewährend, eigentlich sind unsere komatösen Ohnmachten nach einer durchsoffenen Nacht ein essentieller Beitrag für unsere Zukunft! Kleiner Bruder des Todes, so wird der Schlaf auch in manchen Kulturen genannt, denn beide sind Kinder der aus dem Chaos geborenen Göttin der Finsternis, Nyx.

Und wenn es nach all den Ratgebern ginge, müssten wir also eigentlich gar nichts mehr tun. Muskelaufbau, Abnehmen, schlau werden, Rätsel lösen – machen wir alles im Schlaf! Das faule Herumliegen ist die Basis unserer Existenz. Ich glaube, so glücklich war ich nicht mehr über eine wissenschaftliche Erkenntnis, seit ich erfahren habe, dass Spinnen Einzelgänger sind.

I have a dream. Schlaf könnte uns alle retten: mehr Halt, weniger Anschläge. Eine Welt voller ausgeruhter, für das Ableben gut trainierter Menschen, mit ordentlich sortierten Festplatten im Cerebrum, eine Welt, in der schlechte Entscheidungen einfach verpennt werden und das Böse zwischen zwei Kissen erstickt. Es ist nun mal so, dass wir mehr Spaß daran zu haben scheinen, Mist zu bauen, anstatt Gutes zu tun. I have a dream. Wenn alle schlafen, wird weniger verbockt. Klingt langweilig? Macht nyx. Gute Nacht.

 

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Bildnachweis: Joe St. Pierre: Instagram, Facebook, Flickr.

 

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