„Und morgen bin ich Millionär!“– Von Schneeballsystemen und Network Marketing

Mann liegt in Geld. Bild: Pexels

Es ist 15 Uhr und ich hänge im klassischen Mittagsloch. Die Kreativität ist raus, mein Hirn schaltet auf Autopilot. Zur Ablenkung öffne ich Instagram. Ist ja quasi auch so etwas wie Recherche. Zumindest versuche ich mir das einzureden. Nach fünf Minuten des sinnlosen Scrollens erscheint eine kleine rote eins am rechten oberen Bildrand. Ich habe eine neue Nachricht.

Neugierig klicke ich auf den Pfeil und verdrehe sogleich die Augen.

„Hey, wir kennen uns nicht und das mag jetzt ein bisschen dreist rüberkommen. Aber ich habe mir dein Profil angesehen und mich gefragt, ob du eigentlich schon Geld mit deinem Smartphone verdienst. Deine Seite sieht mega vielversprechend aus! Wenn du mehr wissen willst, schreib mich gerne an. Alles Liebe, Chiara.“

Schon wieder so eine dämliche Spamnachricht. Einige Sekunden schwebt mein Daumen über dem Löschen-Symbol, dann überlege ich es mir anders. Könnte eigentlich eine gute Story werden. „Hey Chiara, danke für deine freundliche Nachricht“, tippe ich. „Nein, ich verdiene kein Geld mit Instagram, ich habe einen richtigen Job und studiere, da bleibt keine Zeit für so was. Viele Grüße.“ Keine Minute später sehe ich die drei grauen Punkte über meinen Bildschirm laufen. Chiara tippt. Das ging schnell. „Das ist doch gerade das Coole an der Arbeit mit Social Media! Man muss nicht viel Zeit investieren und kann von überall aus arbeiten. Außerdem verdient man damit viel mehr Geld als mit normalen Studentenjobs. Ich lasse dir mal ein paar Infos zukommen, wenn du magst. Es lohnt sich wirklich!“

Das ist ja schlimmer als bei Tinder, denke ich. Wer sich rar macht, wird nur noch interessanter. Spannend. Ein einfaches „Nein“ akzeptiert die Dame wohl nicht. Ich überlege kurz und lasse mich auf die Diskussion ein. Das kann lustig werden.

„Na gut, dann schick mal rüber!“

Ich bin mir nicht sicher warum, aber Chiara wirkt kurz so wie die Zeugen Jehovas, wenn man sie tatsächlich hereinbittet, anstatt ihnen die Türe vor der Nase zuzuschlagen. „Echt?“ „Ähm, ja klar,“ antworte ich. „Oder ist es jetzt doch nicht so einfach, mit deinem Job reich zu werden?“

Treffer. Versenkt. „Doch klar! Ist super easy. Einen Moment.“

Während Chiara in den Untiefen ihres Arbeitsspeichers noch nach Informationen zu ihrem „super easy“-Angebot sucht, tippe ich Schneeballsystem in die Suchleiste meines Browsers ein. Denn das, auf was die liebe Chiara da so schwört, ist nichts anderes als das gute alte Pyramidensystem. Und genau das ist in Deutschland aus gutem Grund verboten.

Laut der Verbraucherzentrale sind Schneeballsysteme „Geschäftsmodelle, die zum Funktionieren eine ständig wachsende Anzahl an Teilnehmern benötigen (…) Gewinne für Teilnehmer entstehen beinahe ausschließlich dadurch, dass Sie neue Teilnehmer werben, die wiederum Geld investieren, ohne jegliche Dienstleistung oder ein Produkt zu erhalten.“

Analog zu einem Schneeball, der immer schneller einen Hügel hinunterrollt, funktionieren dann auch diese Systeme. Person A wirbt Person B, Person B investiert in das Unternehmen und wirbt Person C, die investiert wieder in das Unternehmen und so weiter. Im Grunde verdienen diejenigen, die am Hügel oben stehen, nur dadurch, dass die Menschen in den darunterliegenden Stufen immer wieder neu in das Unternehmen investieren.

Viele dieser Firmen werben mit Produkten, die gerade junge Leute ansprechen und ihnen das schnelle, große Geld versprechen. Bekannt wurden vor einigen Jahren beispielsweise Namen wie JuicePlus, FlowTex, die S&K-Gruppe sowie Pulse Empire.

Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in meinem Lebensentwurf, wie es meiner Generation immer nachgesagt wird.