Weltkrebstag – Brauchen wir solche Gedenktage?

Fürs erste Krebs Das Jahr danach Sebastian Schramm Kolumne Erfahrung Leben Krankheot

Sebastian Schramm ist 27 Jahre alt – und litt an Krebs. Auf ZEITjUNG teilte er seine Gedanken, Erlebnisse und Anekdoten über die Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht.

 

Weltkrebstag: Für die meisten ein Tag wie jeder andere auch. Vielleicht ist das sogar gut so.

Schön und wichtig ist es ja. Wenn sie an einen denken. Wenn sie Mitgefühl zeigen. Wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden, wie viele Menschen jährlich in Deutschland an Krebs erkranken – eine halbe Million. Und jedes Jahr daran sterben – 200.000.

Aber ob es den Weltkrebstag wirklich braucht? Seit ein paar Tagen denke ich darüber nach – und ich weiß es nicht.

Mein erster Gedanke war: Es braucht ihn. Wer nicht redet, der kann nicht gehört werden. Und wenn das nicht hilft, muss man schreien. Nur habe ich als Betroffener die Erfahrung gemacht, dass man reden, ja selbst schreien kann. Vergeblich.

Vor ein paar Wochen schrieb ich im Zuge einer Recherche dem Gesundheitsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Harry Glawe, CDU. Ich fragte, wie er dazu stehe, dass junge Krebspatienten Sperma und Eizellen, die sie vor den Therapien einfrieren wollen, selbst bezahlen müssen, die Kosten belaufen sich insgesamt auf 6.000 bis 10.000 Euro.

Er, der noch am vergangenen Weltkrebstag per Pressemittelung mitteilen ließ, man müsse Wissensdefizite zum Thema Krebs ausräumen – er antwortete nicht selbst, sondern überließ es seinem Pressesprecher. Der schrieb, das sei ein Thema, das inhaltlich stärker diskutiert werden müsse.

 

Ernüchternd und schmerzhaft

 

Ich hielt zwei Lesungen einiger Texte, die ich für Zeitjung geschrieben hatte. Einmal vor einem Publikum, das sich bis auf meine Mutter und meinen besten Freund zusammensetzte aus Ärzten und Pflegern der Onkologie. Und an der Universität Rostock, der Hörsaal fast leer, die Studenten hatten keine Anwesenheitspflicht. Die meisten sind kurz vor meinem Vortrag losgegangen.

Ernüchternd war das, ehrlicherweise. Sogar ein wenig schmerzhaft. Als hätten sie keinen Respekt vor mir und all den anderen, die am Krebs leiden. Vielleicht aber sind wir Menschen so gestrickt. Oder müssen es so sein.

Dass wir, ob nun Minister oder Student, am ehesten unser Herz an etwas verlieren, das wir selbst fühlen, von dem wir aus eigener Erfahrung erzählen können, authentisch und ehrlich. Nur brauchen wir nicht dieselbe Einstellung von denen erwarten, die das Schicksal verschonte. Wo Leid ist, wartet oft schon der Schutz. Unser Kopf will es so. Ein Mechanismus. Sonst fänden wir das Glück nicht mehr.

Warum sollte sich jemand mit dem Krebs beschäftigen, wenn er selbst nicht betroffen ist? Am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, gehe ich auch ohne rote Schleife aus dem Haus. Für den Aidserkrankten ist immer der 1. Dezember. Und sei es nur wegen des Weckers, der ihn jeden Morgen daran erinnert, die Medikamente zu nehmen.

 

Weltkrebstag 365/12

 

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht in irgendeiner Weise an den Krebs denke. Nicht permanent schlecht. Aber er ist stets da. Und ich weiß, dass es anderen Betroffenen auch so geht. Allein: Was ist mit den Onkologen, die Woche für Woche Diagnosen mitteilen müssen, die das Gegenüber brechen? Mit den Pflegern, die noch viel näher als die Ärzte an den Patienten sind? Nicht zuletzt den Wissenschaftlern, getrieben von so leicht gesprochenen Sätzen, man müsse endlich ein Mittel finden, um den Krebs ein für alle Mal zu besiegen? Weltkrebstag 365/12.

Ob es diesen Gedenktag braucht? Für die einen ist er immer. Für die anderen nie.

Ich weiß es wirklich nicht.

Meine Mama sagt immer, das Leben sei wie eine Zugfahrt. Allerdings ohne festen Fahrplan. Menschen steigen dazu und wieder aus, manchmal macht der Zug Halt. Nach dem Geschichts- und Germanistikstudium in Rostock zurzeit irgendwo zwischen den Bahnhöfen unterwegs: Journalismus-Master an der Fachhochschule Kiel, nebenbei Volontär bei der Schweriner Volkszeitung. Auf ZEITjUNG mit dem Versuch, der widerlichen Krankheit Krebs ein Gesicht und eine Art von Sinn zu geben.