Second Screen: Wie Netflix & Co. das Fernsehen verändern

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Von Javan Wenz

Wir, die wir in den 80ern und 90ern aufgewachsen sind, sind ganz selbstverständlich mit dem Fernsehen groß geworden. Früher habe ich mit der Familie am Samstagabend vor der Röhre gesessen und „Wetten, dass…?“ gesehen. Nach der Schule bin ich schnell nach Hause gelaufen, um die neue Pokémon-Folge zu schauen. Wenn ich das heute einem Zehnjährigen erzähle, würde er mich wahrscheinlich nur schief anschauen. Für die Kinder von heute sind Internet und Smartphone schon immer da gewesen. Sie sind es gewohnt, dass es alle Inhalte, die sie interessieren, auch im Netz gibt. Diese Entwicklung wird sich schon bald stark beschleunigen – und das Fernsehen droht, auf der Strecke zu bleiben. Was wird mit dem guten, alten TV passieren, wenn sich die jungen Menschen nicht mehr dafür interessieren?

 

Hintergrund-Berieselung für die Couch-Potato

 

Seit ich einen Netflix-Account habe, ist das Fernsehen für mich nur noch für den Hintergrund gut. Dann, wenn ich mit meinen Mitbewohnern auf der Couch sitze, mich aber gleichzeitig unterhalten will; oder auch, wenn ich abends einfach abschalten möchte. Man könnte sagen: zur Berieselung. Das ist die große Stärke des linearen Fernsehens. Man schaltet ein und wird sofort versorgt, ohne sich vorher Gedanken gemacht zu haben, was man schauen möchte.

Wenn ich aber aktiv etwas ansehen will, dann greife ich zur Fernbedienung für die Streaming-Box. Dann will ich spannende Filme, Dokus oder auch einfach neue Folgen der Comedy-Serien, von denen ProSieben immer dieselben fünf Episoden zeigt.

 

Das ZDF als ungewohnter Vorreiter

 

Mit diesem Nutzungsverhalten bin ich nicht alleine. Das ist ein Problem, mit dem sich die Sender auseinandersetzen müssen. Das wohl treffendste Beispiel dessen, wie sie das tun, ist das Neo Magazin Royale im ZDF.

Es müssen Inhalte her für das Fernsehen, die für die Jüngeren überhaupt mal attraktiv sind. Ob die dann im Fernsehen oder On-Demand geschaut werden, das wissen wir nicht vorneweg. Also probieren wir es aus. Das ist auch das Konzept hinter Böhmermann. – Robert Amlung, Digitale Strategien, ZDF

Die Quoten des Neo Magazin Royale sind im Fernsehen, trotz Hype-Videos um Varoufakis´ Stinkefinger oder die „History of German Rap“, im unteren Bereich. In der Mediathek rangiert das Format dagegen fast jede Woche auf Platz zwei der Streaming-Charts – mehr schafft nur die heute Show (oder ab und zu die Champions League).

Das ZDF darf sich nun feiern, denn der Sender hat endlich eine Sendung im Programm, die die junge Generation mag. Doch wir tun nicht, was das ZDF gerne hätte – wir sehen die Sendung nicht im Fernsehen. Stattdessen schauen wir sie vor oder nach der Erstausstrahlung im Netz. In zehn Jahren noch pünktlich um 20.15 Uhr vor dem Fernseher sitzen, um den neusten „Tatort“ anzusehen? Das scheint ein Auslaufmodell zu sein.

 

Das Geld liegt noch immer beim Fernsehen

 

Der Businessplan, der noch besteht, der ragt nicht in die Zukunft. Weder beim öffentlich-rechtlichen, noch beim Privatfernsehen. Die sind quasi pleite, wissen es aber noch nicht. – Uwe Walter, TV-Berater und Storytelling-Experte

Die großen Fernsehsender sind hochprofitabel. ProSieben und RTL haben teils umstrittene, aber erfolgreiche Formate, die sich noch immer Millionen von Menschen ansehen. Dazu gehören Germanys Next Topmodel, Circus HalliGalli oder Trash-TV wie Berlin Tag und Nacht. GNTM ist inzwischen tatsächlich auch schon weit ins Netz abgewandert. Die Abrufzahlen über die 7TV-App gehen in die Millionen, während die Quote im Fernsehen schrumpft. ProSiebenSat.1 sieht hierin kein Problem. Im Gegenteil, in München hat man sich vorbereitet. Myvideo, Maxdome oder Ampya sind Töchter der Sendergruppe, der Konzern vermarktet sogar Youtube-Stars. Das Unternehmen hat sich im Netz breit aufgestellt und ist auch dort profitabel – obwohl sich mit Werbespots im Netz weniger verdienen lässt als im TV.

TV wird immer bleiben, denn große Bilder finden im Fernsehen statt. Ob das jetzt die lineare Übertragung über das Web oder über Kabel sein wird, das spielt dabei für den Zuschauer keine Rolle. Wo wir das Entertainment dann in 20 Jahren wie gestalten, das kann ich Ihnen heute noch nicht sagen. Vor 20 Jahren hat auch noch nicht damit gerechnet, dass das Internet ein bedeutendes Medium wird. – Jasmin Mittenzwei, ProSiebenSat.1

Netflix-Boss Reed Hastings sagt, dass das Fernsehen, wie wir es kennen, bald kaum noch genutzt wird. Für ihn ist das Fernsehen das Pferd, das vom Auto namens Videostreaming abgelöst wird. Die Kabel-Sender der USA zittern tatsächlich schon heute, denn sie haben ihre Serien-Lizenzen günstig an Netflix abgetreten – und nun schaut bei ihnen niemand mehr zu. Schon 2016 will Netflix die ganze Welt abdecken. Was dann mit dem Fernsehen passiert, das wird ein evolutionärer Prozess zeigen. Klar ist aber, dass sich die Sender anpassen müssen, um zu überleben. Sonst müssen sie die Zielgruppe U50 in wenigen Jahren aus ihrem Zuschauerpool streichen.

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Bildquelle: Pexels über CC0 License

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