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A selfie is a selfie is a selfie

Yolo, Selfie, Burnout: Wieso tun wir eigentlich immer so, als wären das neue Phänomene?

Wir sind die Gesellschaft des Narzissmus, die Generation der Selfies. Sagt man. Sagt auch Hans-Joachim Maaz, Psychoanalytiker. Wir leben in Zeiten der Selbstoptimierung, immer haarscharf am Burnout vorbei. Ich, kleiner Punkt in diesem gierigen Makrokosmos, habe gerade Paris. Ein Fest fürs Leben gelesen und frage mich: Wenn Hemingway ein Smartphone gehabt hätte, hätte er nicht vielleicht auch ständig Fotos von sich geschossen an seinen unzähligen Abenden in Pariser Bars? Wäre er vielleicht nicht nur von seinem Freund Fitzgerald genervt gewesen, weil er seiner Meinung nach absichtlich unter seinem Niveau schrieb, sondern der irgendwann auch von ihm, weil Hemingway ständig Selfies bei Facebook hochlud und ihn unter Katzenvideos verlinkte?

 

Alte Begriffe in frischgepressten Anglizismen

 

Wir sollten nicht immer glauben, dass die Menschen vor uns so anders waren als wir. Nicht die Menschen waren anders, sondern die Mittel. Hätte es Smartphones damals gegeben, hätte man sie auch benutzt, da bin ich mir sicher. Wenn man ständig das Gerede hört, wodurch sich unsere Gesellschaft heute definiert, Yolo, Burnout, Selfies, stellt sich die Frage: Ist das wirklich alles neu oder nur mit Perwoll gewaschen? Die Begriffe sind zweifelsohne neu, frischgepresste Anglizismen für den shiny look in unserem tristen Deutschbürokratievokabular. Aber die Konzepte dahinter? Not so much.

 

„Raste nie, doch haste nie, sonst haste die Neurasthenie!“

 

Fangen wir doch beim prägnanten Yolo an. Oft bezeichnet als der Schlachtruf unserer Generation, aber wer nur einmal innehält, wird bemerken, dass diese Maxime so alt ist wie Methusalem. „Carpe diem“, hieß es bei den Römern, „Memento mori“ im Barock. Der Gedanke des Leben-Auskostens, die Angst, mehr zu existieren als wirklich zu leben, ist uns allen gegeben – schon immer oder zumindest, seit wir uns neben existenziellen Beerenpflücken auf so Luxusdinge wie Selbstverwirklichung konzentrieren können.

Burnout, noch so ein Wort. Nicht nur unsere moderne Leistungsgesellschaft ist davon bedroht, früher hieß das Erschöpfungssyndrom einfach nur anders. „Raste nie, doch haste nie, sonst haste die Neurasthenie“, sagte Otto Erich Hartleben, seines Zeiten Schriftsteller und Gesellschaftskritiker. Neurasthenie, eine Nervenschwäche, das Burnout des frühen 20. Jahrhunderts. Auch vor uns waren Menschen müde.

Am absurdesten ist die Alles-neu-macht-2000-Praxis aber wahrscheinlich beim Wort „Selfie“. Ständig hört man es, liest man es, sieht man es, sagt man es selber. Selfies, sie prägen unser (Selbst-)Bild vom übertechnologisierten Menschen. Selfies sind das Phänomen des 21. Jahrhunderts. Man kann das Ganze höchst wissenschaftlich angehen, manche sprechen vom „Selfie“ als einem „Akt der Emanzipation“. Früher hieß das Selbstporträt. Nur wurde es eben mit Pinsel und Farbe gemacht statt mit dem Handy. Wie gesagt, nicht die Dinge haben sich verschoben, sondern die Ausdrucksmittel. Aber, um in meiner Argumentation konsequent zu bleiben: Auch diese Reflexion ist wahrscheinlich nicht ungewöhnlich.

 

A bitch is a bitch is a bitch

 

Getrude Stein war noch so jemand, die heute vielleicht groß in den Social Media Kanälen unterwegs wäre. In Paris in der Rue de Fleurus 27 hatte die Schriftstellerin und Kunstsammlerin ihren berühmten Salon, wo die größten Künstler der Roaring Twenties ein- und ausgingen. Von ihr stammt der berühmte Satz „A rose is a rose is a rose“, was man einfach ausgedrückt verstehen könnte als: Die Dinge sind halt so, wie sie eben sind. Und das passt doch auch zu unserem Thema. Ob Yolo oder Carpe Diem, Burnout oder Neurasthenie, Selfie oder Selbstporträt: So sind die Dinge eben. Und so werden sie auch noch eine Weile bleiben.

Hemingway hat sich übrigens irgendwann mit seiner Unterstützerin Getrude Stein zerstritten, weil er eine Arbeit ihres gemeinsamen Freundes Sherwood Anderson parodierte – und damit auch sie selbst. Sie rächte sich, indem sie ihn in ihrer ersten Autobiografie nicht gerade vorteilhaft darstellte. Und Hemingway? Der schickte ihr sein Buch Death in the Afternoon mit folgender Widmung: „A bitch is a bitch is a bitch.“

 

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Bild: Ellen Munro unter cc by 2.0

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