Sex: Willst du wirklich alles über mich wissen?

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Wir sind jetzt in einem Alter, in dem Menschen eine sexuelle Vergangenheit haben: Kerben im Bettpfosten, gebrochene Herzen, Beziehungsexperimente und vollentwickelte Fetische. Doch will ich wirklich wissen, dass mein neuer Freund seine Exfreundin Zimtschneckchen genannt hat, muss er wissen, welche Trennungs-Traumata ich aus den letzten Beziehungen mitgenommen habe und sowieso, wie viel Recht hat jemand auf die erotische Vergangenheit und die sexuellen Geheimnisse einer Person? Der omnipräsente Ruf nach Ehrlichkeit und das Allheilmittel Kommunikation lassen uns gerne glauben, dass wir alles wissen wollen, alles erzählen müssen. Doch so einfach ist es eben doch nicht.

Haben wir einen Ehrlichkeitsfetisch?

Ehrlichkeit ist ein Imperativ unserer Zeit: Wer ehrlich ist, ist authentisch, ist sympathisch, ist der bessere Mensch. Doch der systemische Paartherapeut Ulrich Clement sieht die Verklärung dieser Tugend als problematisch. Das fängt beim Beichten eines Seitensprungs an. Aufrichtigkeit muss den Fehltritt anscheinend verzeihlich machen – doch kann man sich einzig mit schamloser Offenheit freikaufen, ein Herz wieder ganz machen?

Und zu wissen, dass die Person, deren Sommersprossen man den ganzen Tag im Bett zählen könnte, auch noch Lisa, Noah oder wen auch immer trifft, macht sicherlich nicht glücklicher. Doch wer die Karten auf den Tisch legt, ist frei von Sünde. Ich hab dir doch gesagt, ich bin ein Arschloch – selbst schuld, wenn du deine Gefühle nicht im Griff hast.

Diese Sucht nach Wahrheit geht soweit, dass wir denken, dass nur ein Paar, das jedes dunkle Detail voneinander kennt, sich voreinander die Zehennägel schneidet und schlichtweg keine Geheimnisse hat, sich auch gegenseitig befriedigen kann. Ja, einen klitzekleinen Ehrlichkeitsfetisch haben wir da anscheinend entwickelt. Aber zu sagen, dass der One Night Stand zu Work & Travel-Zeiten bessere Oral-Sex-Skills hatte, geht wahrscheinlich niemandem leicht über die Lippen. Und das ist auch gut so, denn die Wahrscheinlichkeit, dass man den anderen unnötig kränkt oder gar verletzt, liegt bei guten 90 Prozent. Tendenziell eher höher.

Let’s talk about sex?

Nur weil es ein Zaubermittel namens Kommunikation gibt, heißt es nicht, dass wir alles sagen müssen, was in uns vorgeht. Denn erstens entfaltet sich Bedeutung erst beim Empfänger. Die Millisekunden, die Wörter brauchen, um beim anderen anzukommen, öffnen die Tore zu Universen von Missverständnissen. Zweitens kann man nicht nicht kommunizieren. Das erste Axiom Paul Watzlawicks, seines Zeichens Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler So merken Menschen meistens auch ohne große dramatische Ankündigung, wenn etwas nicht stimmt.

Zudem kommt: Unter Kommunikation verstehen viele, dass man vor allem die schlechten Dinge kundtun müsse – aber muss denn alles problematisiert werden? Es ist doch mehr als vermessen seiner Barbekanntschaft die Komplexität des eigenen Organismus en detail mit Worten zu beschreiben. Könnten wir uns auch gleich eine Schautafel mit den eigenen erogenen Zonen im Schlafzimmer aufbauen. Die vielleicht spannendere Alternative:  Man lässt die andere Person erstmal auf ihre Art und Weise diesen neuen Körper erkunden zu lassen, lenkt eher spielerisch und lernt im best case auch noch etwas Neues über sich selbst.

Hat das zu Sagende eine Bedeutung für die Beziehung?

Davon abgesehen, mindestens genauso schön ist es im Übrigen, wenn nicht alles ausgesprochen werden muss und trotzdem gemeinsam gefühlt wird. Manchmal kreieren erst die unentdeckten Ecken einer Person spannende Distanz, deren Überwindung neuen Wind bringt und noch mehr Vertrauen schafft. Denn gerade Ambivalenz, in diesem Fall das Spiel zwischen Nähe und Distanz, können unsagbar sexy seien, wie Eva Illouz schreibt.

Die Frage, was jemand wissen darf, ist schlichtweg jene: Tut es etwas zur Sache? Hat das zu Sagende eine Bedeutung für die Beziehung? Ja, die eigene Skurrilität betonen wir gerne um andere zu warnen, genauso wie wir von Erfahrungen erzählen, damit andere vorsichtig mit uns sind. Und wer Lust hat, seinen Fetisch mit der Person, die einem nah ist, zu teilen, anstatt sich in Foren anonym auszutauschen, tut gut daran, das Thema mutig anzusprechen.

Ehrlichkeit sollte ein Genuss sein

Doch egal, was der andere zu wissen wünscht, wir sollten uns nicht wie auf einer Anklagebank fühlen, sondern unser Innerstes gerne teilen wollen. Trotz des Schmerzes, der Peinlichkeit, der Scham. Weil wir die Nähe, die Intimität und vor allem unsere Ehrlichkeit genießen sollten. Weil Worte, Geheimnisse, sexuelle Vorlieben, Vergangenes, eine Einladung sind, da zu bleiben und sich gegenseitig noch mehr, noch tiefer zu erkunden.

Aber am Ende, unabhängig von aller Liebe zur Zweisamkeit, der Neugierde des anderen, einer gemeinsamen Zukunft, gilt für das Seelenleben das Gleiche wie für einen Körper: My body is a temple and you are just a visitor.

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Bildquelle: Rowan Chestnut unter cc0 Lizenz

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