Flexibilität: Alles haben, nichts besitzen

Flexibilität Digital Nomad

Es ist wie bei der Frage nach der Henne und dem Ei: Was war zuerst da? Das Smartphone oder der allgegenwärtige Wunsch nach Flexibilität? Ich tippe auf Letzteres. Wie gut die Mobiltelefone zur Lebenssituation vieler von uns passen, ist aber trotzdem ungewöhnlich. Es ist wie eine unwirkliche Symbiose.

Warum? Die Flexibilität, die wir heute unter Beweis stellen müssen, im Job, in der Familie oder in der Uni, ist so noch nie da gewesen. Nicht nur, was den Wohnort angeht. Auch im Kopf. Früher fing man, fiktiv, mit zwanzig Jahren bei Siemens in München an zu arbeiten. Mit 65 ging man in bei Siemens in München in Rente. An einem Ort, an dem alle Freunde und die Familie versammelt waren. Alles andere war revolutionär. Das war weder kulturell noch geografisch oder emotional besonders herausfordernd.

Natürlich ist das überspitzt dargestellt – Globetrotter und Avantgarde gab es schon immer –, den Kern trifft es aber doch. Denn heute ist man schon während des Studiums für Praktika in Dublin und New York, für ein Semester im chinesischen Ausland. Man fängt nicht mehr als Journalist an zu arbeiten und wird als Journalist zu Grabe getragen. Mit 35 sattelt man um auf Werbung, mit 40 macht man sich mit einem Onlineshop für Tiernahrung selbstständig und mit 55 berät man Firmen in Sachen Steuerrecht, weil man das ja ursprünglich studiert hat. Währenddessen wechselt man sicher fünfmal den Wohnort, dreimal das Land.

 

Die Schnelllebigkeit und ihre Opfer

 

Was einem bei einem solchen Lebensstil im Wege ist, sind dauerhafte, enge Beziehungen, die einen an einen Ort binden. Und Besitztum. Man kann keine Freundschaften langfristig über Tausende Kilometer aufrecht erhalten. Auch wenn Facebook und Instagram das suggerieren. Ein Auto ist im Wege, wenn man doch sowieso nur einen Tag in der Woche zuhause ist, weil man sonst auf Dienstreisen um die Welt jettet. DriveNow sei Dank, dass das auch nicht nötig ist. Man hat keine voll ausgestattete Küche in einer Wohnung, in der man höchstens schläft. Lieferando schafft Abhilfe. Und man kann keine feste Beziehung gebrauchen, wenn man heute hier und morgen da ist – kostenlosen Sex kann man dank Tinder trotzdem haben.

Wir haben heute alles – genau wie früher. Aber wir besitzen es nicht. Das macht die Flexibilität von heute aus. Die Schrankwand ist das beste Beispiel für diese Entwicklung. Früher war sie der familiäre Lebensmittelpunkt, heimisches Statussymbol. Heute landet sie auf dem Sperrmüll, wird belächelt. Dagegen herrscht in vielen Wohnungen oder WG-Zimmern heute gähnende Leere. Und sie gilt als hip. Denn wer nichts besitzt, den hält auch nichts. Das entledigt lähmender Sentimentalität. Und erstreckt sich auf alle Lebensbereiche: von der Plattensammlung bis hin zur eigenen Gesundheit.

 

Das ganze Leben auf einer Flash-Drive

 

LTE dagegen gibt es in London wie in Madrid, in Bochum wie in Lyon. Mit dem Smartphone nimmt man alles mit, was man fürs Leben braucht. Denn was man über Apps nicht direkt lösen kann, kann man immerhin über Apps buchen. So passt unser Kosmos heute auf eine kleine Flash-Festplatte. Den Rest ziehen wir in der Cloud hinter uns her.

Damit entledigen wir uns jeglichen Ballasts, der unsere Flexibilität einschränken könnte. Heute hier, morgen da ist dann kein Problem mehr. Man hat ja doch alles dabei, was man zum Leben braucht.

Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen. Erstens, dass wir gar nicht so viel brauchen, um glücklich zu sein. Das wäre die romantische Deutung. Alles, was wir brauchen, sind ein paar Klamotten, einen Rechner und ein Smartphone. Der Rest ist hübsches Beiwerk, das aber gar nicht unbedingt nötig ist. Die weniger romantische Deutung ist, dass dieses Denken vieles, was zum Glücklichsein essenziell ist, Nähe und Vertrauen zu Freunden und Partner, ein bekanntes Umfeld, in dem man sich wohlfühlt, solche Dinge – dass all diese Dinge plötzlich für austauschbar gehalten werden.

Nimmt man die materiellen Dinge – Schrankwände und Autos –, dann ist dieser Trend sicherlich gut. In diesen Bereichen sind Verzicht und Teilen nicht nur wünschenswert, sondern im Sinne der Schonung von Ressourcen notwendig. Hier bringt die Symbiose aus den digitalen Möglichkeiten und dem Wunsch nach Flexibilität definitiv Vorteile. Im Hinblick auf die immateriellen Dinge ist die Entwicklung aber eher kritisch zu sehen. Diese sind nicht zu ersetzen, man kann sie nicht teilen, sie können nicht virtuell erzeugt werden. Ein bißchen weniger Digitalism, ein bißchen weniger Flexibilität und ein bißchen mehr Spießigkeit sind diesbezüglich vielleicht gar nicht verkehrt.

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Bildquelle: Mateus Lunardi Dutra über  CC by 2.0

Autor: Ich war überzeugt: Wenn ich groß bin, werde ich mal Dachdecker. Ich bin kein Dachdecker geworden. Offensichtlich. Gewachsen bin ich trotzdem. Wenn ich mir nicht gerade über ähnlich komplizierte Dinge Gedanken mache, schreibe ich Texte. Dabei schweift mein Blick hin und wieder über die Dächer der Stadt. Wenn sich da kein Kreis schließt, dann weiß ich’s auch nicht ...