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6 Fragen, 6 Antworten: Lassen sich sprachliche Veränderungen aufhalten?

Ein Gespräch über die verschiedenen Seiten der genderneutralen Sprache.

Der Verfall der deutschen Sprache wurde schon mit allem möglichen in Verbindung gebracht – Anglizismen, Neologismen oder eben auch der gendergerechten Sprache. Viele sprachliche Ästheten stören sich an Bindestrichen und Sternchen und halten die Debatte für abgehoben. ZEITjUNG hat mit dem Geschäftsführer des Vereins deutscher Sprache, Holger Klatte, über seine Kritik an der genderneutralen Sprache gesprochen.

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Herr Klatte, was macht der Verein deutscher Sprache?

Wir sind ein gemeinnütziger, bundesweit agierender Verein, der sich für die Pflege und Weiterentwicklung der deutschen Sprache einsetzt. Unser Verein übt Kritik an verschiedenen sprachlichen Entwicklungen und organisiert auch viele Förderprojekte im In- und Ausland.

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Was genau verstehen Sie unter gendergerechter Sprache?

Die Gendersprache ist für mich eine Kunstsprache, die das Ziel hat, geschlechtliche Identitäten sprachlich sichtbarer zu machen. Das funktioniert jedoch nicht überall, weil die Gendersprache die Regeln der deutschen Sprache verletzt und sich nicht in das grammatikalische System einfügen lässt. Wir vom Verein deutsche Sprache glauben nicht, dass die deutsche Sprache die verschiedenen Geschlechter diskriminiert oder dass sich Diskriminierung über neue Sprachregeln abstellen lässt. Selbstverständlich sind wir dafür, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Was wir ablehnen, sind amtlich erlassene Sprachvorschriften, die nicht dem Sprachgefühl des Einzelnen entsprechen.

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Was ist Ihre Kritik an der genderneutralen Sprache?

Durch diese künstliche Sprache werden Texte umständlich und schwerer lesbar und natürlich unnötig länger. Vorlesen kann man solche Texte auch nicht mehr, zumindest nicht so, dass einem am Ende noch jemand zuhört. Außerdem werden sprachliche Informationen unterschlagen. Häufig sollen ja Partizipien als Ersatzwörter dienen. Ein Partizip als Substantiv drückt aber vor allem aus, dass etwas gleichzeitig geschieht. So sind die Teilnehmenden (statt Teilnehmer) eben jetzt gerade bei einer Veranstaltung oder die Lehrenden (statt Lehrer) befinden sich in eben diesem Moment in der Klasse. Solch klare Unterscheidungen werden durch die Gendersprache abgeschafft.

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Können sie auf diesen Punkt noch genauer eingehen?

Jedes Substantiv wird in der deutschen Sprache einem Genus zugeordnet und es bekommt einen Artikel: der Baum, die Brücke, das Auto. Die Gendersprache geht nun davon aus, dass das Genus bei Lebewesen mit dem tatsächlichen Geschlecht dieses Wesens übereinstimmen muss. Das ist aber nicht so, was Beispiele wie der Mensch, die Person, das Kind gut zeigen. Genus ist also eine grammatische Einteilung unserer Sprache, die nicht gleichzusetzen ist mit dem Geschlecht eines Lebewesens. Das Genus Maskulinum erfüllt zudem häufig die Funktion, dass es Personen benennen kann, ohne über das Geschlecht dieser Personen etwas auszusagen. In einem Lehrerzimmer sitzen sowohl weibliche als auch männliche Lehrer. Auf der Bürgermeister-Konferenz referieren Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Man spricht hier vom generischen Maskulinum. Das gibt es auch für Substantive mit dem Genus Femininum, allerdings viel seltener: die Geisel. Dieses Prinzip ist so eng mit der Grammatik der deutschen Sprache verwoben, dass man es nicht einfach durch ein paar neue Regeln abschaffen kann.

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Häufig wird als Argument gegen die gendergerechte Sprache die „Verschandelung“ genannt. Sehen sie das genauso?

Die Genderformen mit Strichen, Sternchen oder Ersatzwörtern sind tatsächlich meistens wenig ästhetisch. Deswegen wehren sich auch die meisten Schriftsteller dagegen, weil die Schönheit der deutschen Sprache ihre Arbeitsgrundlage ist. Außerdem erzeugen Sternchen und Bindestriche häufig Missverständnisse, oder die feminine Form wird in der gesprochenen Rede einfach weggenuschelt.  Dadurch wird die Vermittlung von Informationen gestört, was eigentlich die Hauptfunktion von Sprache sein soll. Auch wenn in manchen Texten ausschließlich die weibliche Form *innen verwendet wird, erzeugt das Missverständnisse, da suggeriert wird, es handle sich ausschließlich um Frauen.

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Inwieweit lassen sich sprachliche Veränderungen überhaupt aufhalten?

Die Sprache ist immer im Wandel, auch die deutsche Sprache. Die gendergerechte Sprache wird sicherlich auch ihre Spuren hinterlassen, beziehungsweise hat das bereits getan. Wir sprechen heute meist nur noch von Auszubildenden oder von Lehrkräften statt von Lehrern und Lehrlingen. In einer Anrede für mehrere Personen werden fast immer beide Formen genannt: „Liebe Kolleginnen und Kollegen!“ Das ist auch völlig normal. Wir wehren uns aber gegen die gewaltsame Verordnung neuer Sprachregeln, die von einer kleinen Gruppe bestimmt werden. Das halten wir für falsch und undemokratisch. Aufgrund dieser Kritik bekommen wir manchmal den Vorwurf, konservativ oder gar rechts zu sein. Das halte ich für ungerechtfertigt und sogar gefährlich, da wir uns an das grammatikalische System unserer Sprache halten. Die deutsche Sprache diskriminiert niemanden und wer einfach seinem Sprachgefühl folgt und Gendersprache ablehnt, darf nicht gleich als verdächtig gelten. Wir sehen uns auch von den Sprachwissenschaften bestätigt, und wenn sich die Gender-Theoretiker nicht mehr von der Wissenschaft leiten lassen, landet man bei Ideologien, die wiederum andere ausgrenzen.

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