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5 Fragen, 5 Antworten: Was genau ist gendergerechte Sprache?

Eine Untersuchung des umstrittensten Sternes der Welt.

Es gibt vermutlich keinen umstritteneren Stern, als das Sternchen zwischen Student*innen, Bürger*innen und Arzthelfer*innen. Geschlechtergerechte Sprache führt zu aufgeheizten Gemütern, die einen sehen das Patriarchat im Duden, die anderen bereits den Verfall der deutschen Sprache. ZEITjUNG hat mit einem Vertreter von beiden Seiten, der Frauenbeauftragten der LMU, Susanne Weber, und dem Vertreter des Vereins der deutschen Sprache, Holger Klatte, gesprochen.

Was genau gendergerechte Sprache ist, erklärt in diesem Beitrag Susanne Weber:

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Frau Weber, worum genau handelt es sich bei gendergerechter Sprache?

Gendergerechte Sprache ist der Versuch, die Wirklichkeit korrekt abzubilden. Es ist eine exakte Sprache, die versucht, Missverständnisse und Ungenauigkeiten zu vermeiden. Gendergerechte Sprache möchte keine falsche Vorstellung der Wirklichkeit vermitteln, so wie es beispielsweise das generische Maskulin tut. Bei der Verwendung dieser Form, also der konsequent männlichen Form, mit der auch Frauen gemeint sein sollen, tauchen Frauen sprachlich trotzdem nicht auf.

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Welche Rolle spielt Sprache auf dem Weg zur Gleichberechtigung aller Geschlechter?

Wenn die Sprache Dinge verschweigt, kommen diese auch nicht im Kopf und somit also auch nicht in der Realität vor. Es gibt zahlreiche Studien, die den Zusammenhang zwischen Sprache und der Wahrnehmung der Realität beweisen. Wenn Studierende nach ihrem Lieblingssportler gefragt werden, fällt das Ergebnis deutlich einseitiger aus, als nach der*dem Lieblingssportler*in. In Schulklassen assoziieren Kinder meist sogenannte ‚männliche Attribute‘ mit Berufen mit einem hohen Prestige. Hier kann Sprache helfen, die Realität zu verändern und dem Kind das Gefühl geben „ich kann das auch“. Sprache soll Wirklichkeit abbilden, und die ist nunmal bunt, divers und vielfältig.

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Im Internet gibt es einen Leitfaden der LMU, der über genderneutrale Sprache aufklärt. Wie groß schätzen sie das Interesse ein?

Ich merke, dass sich mehr und mehr Menschen für das Thema interessieren. Die LMU hat sich bereits 1994 per Senatsbeschluss zur geschlechtergerechten Sprache verpflichtet. Wir bekommen immer wieder Anfragen von Fakultäten, aber auch von außerhalb, von Redaktionen und Anfragen aus der Wirtschaft, die sich eine Aufklärung in diesem Bereich wünschen. Sprache ändert sich ja immer und durch den Feminismus ist auch das Thema der genderneutralen Sprache wieder in das öffentliche Bewusstsein gerückt.

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Was sagen sie zu dem Argument, die Sprache würde ‚verschandelt‘ werden?

Niemand wird dazu gezwungen, geschlechtergerechte Sprache zu verwenden. Die Rechtschreibreform durch den Duden war erzwungen und da hat sich niemand so stark aufgeregt. Außerdem gibt es durchaus elegante Lösungen, um etwas gerecht zu formulieren. Es handelt sich ja auch nur um ein Angebot, um die Kommunikation zu verbessern und Missverständnisse zu beseitigen. Die geschlechtergerechte Sprache ist eine Möglichkeit, mit der jeder sein Sprachhandeln immer wieder hinterfragen kann und muss. Auch ich achte in Vorlesungen oder bei Korrekturen bewusst darauf, niemanden auszugrenzen oder zu verletzen. Die Bereitschaft zur Veränderung ist da, aber Veränderung schafft auch immer Verunsicherung, die zu Abwehr führt. Letztendlich muss sich nur jeder darüber bewusst werden, dass alle Seiten von einer sprachlichen Gerechtigkeit profitieren.

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Was muss sich gesellschaftlich verändern, sodass die gerechte Sprache weiter verbreitet wird?

So eine Veränderung geht nicht von heute auf morgen. Sprache ist immer lebendig und wandelt sich. Wichtig ist nur, dass jeder seine festen Muster hinterfragt. Ausdrücke, wie etwa „heult wie ein Mädchen“ oder „für einen Flüchtling spricht er gutes Deutsch“, müssen reflektiert werden, weil sie immer auch etwas über den Menschen verraten, der diese Äußerungen trifft. Da verändert sich ein Machtgefüge. Die Veränderung und Achtsamkeit mit der Sprache ist ein guter Weg zu einer gerechteren Gesellschaft mit weniger Stereotypen. Vielfalt existiert, wenn wir sie auch ausdrücken ist es Inklusion. So können wir gemeinsam die gesellschaftliche Wirklichkeit gestalten.

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Kommentare

  1. Es kann keine „gerechte Sprache“ geben. Jede Inklusion sorgt für neue Exlusionen. Wir sollten unsere Sprache als das verstehen was sie ist und zwar als geschlechtslos bzw. als „wenn nicht nötig, das Geschlecht nicht benennend“ betrachten.
    Z.B. die Endung er die ja so gern getilgt wird, hat sich aus arius bzw. aria zu ar zu er entwickelt. Jeder mit Sprachverständnis sieht, dass hier das Suffix, dass das Geschlecht angibt getilgt wurde.
    Ich fordere mehr Bildung in Bezug auf Sprache, statt dieser Sprachpanschereien die von angeblich gebildeten Menschen kommen, aber den Unterschied zwischen Genus und Sexus nicht kennen. Ich bin viel in Kontakt mit Menschen die mit vollem Stolz gendern und sich deswegen nicht mehr ausdrücken können (problematisch ist hier häufig, dass sich diese Menschen für sehr eloquent halten und gar nicht merken, dass der Inhalt immer weiter durch die Pleonasmen erstickt wird.)
    Ich hoffe sehr, dass das nur eine kurze Zäsur bleiben wird. Andernfalls befürchte ich, dass die Sichtbarmachung der Geschlechter genau so wortwörtlich wie die Nutzung der grammatischen Geschlechter durchgeführt wird und ich will eure Geschlechter nicht sehen. Beeindruckt mich mit einem schönen Charakter!

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