Stellungswechsel: Du bist nicht prüde, nur weil du beim Sex nicht alles magst

Stellungswechsel

Sex und Feminismus, das passt nicht zusammen? Doch, wie unsere Kolumne „Stellungswechsel“ beweist. Nadine Kroll befasst sich mit den Fragen, die junge Menschen und speziell Frauen, die gerade ihre Sexualität entdecken, ganz besonders beschäftigen. Es geht um gesellschaftlichen Wandel, Selbstbestimmtheit, neugewonnene Freiheiten, Frauenrechte und natürlich ums Ficken, kurz: um sexpositiven Feminismus und darum, dass sich niemand für seinen Körper oder seine Vorlieben schämen muss.

„Eine Frau muss in der Gesellschaft eine Dame, in der Familie ein Engel und im Bett eine Hure sein“, lautet ein Sprichwort, das sich garantiert ein Mann ausgedacht hat, für den Feminismus nichts weiter ist als eine Modeerscheinung, die früher oder später wieder in der Versenkung verschwinden wird – so wie die viel zu dünn gezupften Augenbrauen oder Fidget Spinner eben. Inzwischen sind wir – zumindest weitestgehend – über die Vorstellung hinweg, dass Frauen sich damen- und engelhaft verhalten müssen, sobald sie sich in Gesellschaft befinden.

Zum Glück! Denn die Welt wäre auch einfach langweiliger, wenn es keine rülpsenden, biertrinkenden Frauen gäbe, die trotzdem sie auch mal so richtig die Sau rauslassen genauso gute Mütter, Freundinnen und Angestellte sind wie Frauen, die es sich abends am liebsten mit dem Strickzeug vor dem Fernseher gemütlich machen und das Berghain nur vom Hörensagen kennen.

Feminismus gehört auch ins Schlafzimmer

Zwar kann man bei Weitem nicht sagen, dass der Feminismus inzwischen schon überall angekommen ist – er hat nämlich noch nicht mal alle Frauen erreicht, für die er ja eigentlich gemacht ist und von denen er auch aktiv gelebt werden sollte – aber wenn es einen Bereich gibt, der in Bezug auf den Feminismus besonders stiefmütterlich behandelt wird, dann ist das der des Bettes. Oder besser gesagt: der der weiblichen Sexualität.

An Frauen werden ganz besondere Erwartungen gestellt, wenn es um Sex geht. Klar, an Männer irgendwie auch, aber auch deren Probleme werden meist von anderen Männern gemacht, vor denen sie mit überdurchschnittlich großen Penissen und überdurchschnittlich hoher Potenz Eindruck schinden müssen, um „dazu zu gehören“ und akzeptiert zu werden. Frauen ist das meist egaler, immerhin gibt es genug Spielarten beim Sex, für die man überhaupt keinen Penis braucht. Aber zurück zu den Frauen und den Erwartungen, die in sexueller Hinsicht an eben jene gestellt werden.

Wanted: Himmlische Orgasmen!

Frauen sollen einerseits noch Jungfrau sein, andererseits aber immer bereit. Und zwar für alle sexuellen Spielarten, die es so gibt. Sie sollen devot sein, aber gleichzeitig auch wissen, was sie wollen. Den Schwanz sollen sie in jedem Fall ganz in den Mund nehmen können, bis zum Anschlag Deep Throat, und Analsex sollte auch schon drin sein. Also eben „wie eine Hure“, aber eben auch „keine richtige Hure“, denn das würde ja bedeuten, dass sie mit mehr als einem Mann Sex gehabt hätte, was wiederum nicht so gern gesehen wird. Von Männern, versteht sich. Den gleichen, die wollen, dass die Frau im Bett eine Granate ist, die ihm die himmlischsten Orgasmen verschafft, während sie selbst die heftigsten Höhepunkte ihres Lebens hat. Und, naja, die einzigen Höhepunkte, denn Selbstbefriedigung ist selbstverständlich auch Tabu. Dafür hat sie ja den einen Mann.

In Zeiten, wo sexualisierte Werbung alltäglich ist und der nächste Hardcore-Porno nur einen Klick entfernt, entsteht für Frauen auf der ganzen Welt ein völlig neues Problem. Nicht nur, dass sie ständig mit der Frage beschäftigt sind, ob sie untenrum auch wirklich „okay“ sind und „normal“ aussehen – sie geraten zusehends unter Druck, im Bett mehr leisten zu müssen bei gleichzeitiger Unerfahrenheit. Sie sollen praktisch Pornodarstellerinnen sein, ohne die Erfahrung und Professionalität einer Pornodarstellerin vorweisen zu können.

Riesendildos und Buttplugs – ein Muss?

Immer mehr junge Frauen und Mädchen geraten so in einen Zwiespalt zwischen den eigenen sexuellen Interessen und Vorlieben und dem, was die Gesellschaft ihnen vorlebt. Der zweite Teil in der Geschichte der sexuellen Revolution hat gerade erst begonnen, doch muss ich deshalb alles mitmachen? Muss ich Riesendildos und Buttplugs ausprobieren, nur weil die in sozialen Netzwerken inzwischen genauso abgefeiert werden wie Cakepops oder die neuste Super-Wimperntusche?

Muss ich mir ins Gesicht spritzen lassen, um mit den anderen Frauen mithalten zu können und eine gute Feministin zu sein? Muss ich lauthals verkünden, dass ich nichts lieber mag als dreckigen Sex, auch wenn es in mir drin ganz anders aussieht? Bin ich vielleicht komisch, weil ich Penis-in-Vagina-Sex in der Missionarsstellung dem Doggy Style vorziehe und meinem Partner beim Ficken gerne in die Augen schaue?

Die Antwort auf all diese Fragen lautet: Nein. Du bist nicht prüde, nur weil du mit BDSM, ausgefallenen Sextoys oder Gangbangs nichts anfangen kannst. Wenn du nicht gerne Blowjobs gibst und beim Sex am liebsten das Licht ausmachst. Es ist okay, Kuschel- oder Blümchensex zu mögen. Nur, weil du aus Liebe mit jemandem schläfst und auf One-Night-Stands lieber verzichtest, bist du noch lange nicht prüde.

Nadine Kroll, geboren 1990, studiert Kunstgeschichte in Berlin. Mit 19 Jahren zog sie aus der schwäbischen Provinz in die Hauptstadt und konnte zum ersten Mal ihre Sexualität ausleben. In Blog-Artikeln ließ sie neugierige Leser 2013 erstmals an ihren Erlebnissen teilhaben und legt nun mit ihrem Buch „Stellungswechsel*“ umfassend und ungeschminkt Zeugnis von den hellen und den dunklen Seiten ihres Lebens ab.

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Bildquelle:  Wesley Quinn via Unsplash unter CC0 Lizenz