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Stellungswechsel: Warum es okay ist, auf Labels zu verzichten

Wir ordnen uns ständig in Kategorien ein. Auch wenn es um unsere sexuelle Orientierung geht – dabei muss das nicht sein. Auf wen du stehst, ist deine Sache!

Sex und Feminismus, das passt nicht zusammen? Doch, wie unsere Kolumne „Stellungswechsel“ beweist. Nadine Kroll befasst sich mit den Fragen, die junge Menschen und speziell Frauen, die gerade ihre Sexualität entdecken, ganz besonders beschäftigen. Es geht um gesellschaftlichen Wandel, Selbstbestimmtheit, neugewonnene Freiheiten, Frauenrechte und natürlich ums Ficken, kurz: um sexpositiven Feminismus und darum, dass sich niemand für seinen Körper oder seine Vorlieben schämen muss.

 

Hast du schon mal was von der Kinsey-Skala gehört? Nein? Es handelt sich dabei um eine vom Sexualforscher Alfred Charles Kinsey aufgestellte Bewertung über die sexuelle Orientierung eines Menschen. Sie wurde in den sogenannten Kinsey-Reports der Jahre 1948 und 1953 veröffentlicht und stellt einen Versuch dar, die komplexe Materie der sexuellen Orientierung auf einer Skala einzuordnen und mit einem einzelnen Zahlenwert zu erfassen.

 

Eine Skala von 0 bis 6

 

Die Skala reicht von Wert 0 bis Wert 6. Dabei steht die Zahl 0 für „ausschließlich heterosexuell“ und die Zahl 6 für „ausschließlich homosexuell“. Die dazwischenliegenden Werte bezeichnen bisexuelle Erfahrungen in unterschiedlichen Ausprägungen, wobei Wert 3 die Mitte, also die gleiche Anzahl heterosexueller wie homosexueller Erfahrungen bezeichnet.

 

Wert 1 bedeutet folglich „überwiegend heterosexuell, nur gelegentlich homosexuell“, Wert 2 „überwiegend heterosexuell, aber mehr als gelegentlich homosexuell“, Wert 4 „überwiegend homosexuell, aber mehr als gelegentlich heterosexuell“ und Wert 5 steht auf der Kinsey-Skala für „überwiegend homosexuell, nur gelegentlich heterosexuell“.

 

Daneben gibt es den sogenannten Wert X. Der steht für asexuelle Personen, also Menschen, die weder von Männern noch von Frauen sexuell erregt werden. Alfred Charles Kinsey betont in seinen Erläuterungen ausdrücklich, dass diese Einteilung nicht nur nach der Anzahl der tatsächlich durchgeführten sexuellen Handlungen erfolgt, sondern auch nach rein psychischen Erfahrungen.

 

Von Kategorien und Schubladendenken

 

Das Verlangen, Menschen zu kategorisieren, ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Ich persönlich habe mich lange Zeit mit „Nummer 4“ ausgedrückt, wenn ich gefragt wurde, wo meine sexuellen Präferenzen liegen – auch wenn ich im Anschluss eigentlich immer erklären musste, was genau die Kinsey Skala eigentlich ist. Viele Jahre lang hat sie mir das Gefühl gegeben, mich selbst beschreiben zu können, ohne dass ich kompliziert erklären muss, dass ich sowohl mit Männern als auch mit Frauen ins Bett gehe, mich am allermeisten aber zu Frauen hingezogen fühle.

 

Die Problematik, dass die Kinsey-Skala nichtbinäre Menschen und ihre Sexualität komplett ignoriert, wurde mir erst sehr viel später bewusst. Seitdem verzichte ich allerdings auch darauf, mich selbst anhand der Kinsey-Skala zu beschreiben. Was mir nicht fehlt, denn in letzter Zeit habe ich zunehmend das Gefühl, dass ich gar kein Label mehr benötige, um zu beschreiben, wer oder was ich bin.

 

Ich liebe wen ich will. Und ich ficke wen ich will. Um das in Worte zu fassen, braucht es keine Skala, die mich am Ende doch wieder nur in eine Schublade stecken will, von der ich mir nicht sicher bin, ob ich mich in ihr überhaupt wohlfühle.

 

Weg mit dem Label!

 

Zwar habe ich noch nicht gänzlich aufgehört, ein bestimmtes Label – nämlich bisexuell – für mich zu benutzen, merke aber eben auch, dass ich es nicht für mich nutze, sondern nur, um anderen Personen in meinem Umfeld zu erklären, wie ich sexuell so ticke. Dabei geht es sie eigentlich nichts an, mit wem ich so ins Bett springe. Und irgendwie möchte ich mich ihnen auch nicht länger erklären. Schließlich laufe ich ja auch nicht durch die Gegend und frage die Menschen um mich herum, ob sie nun homo-, hetero-, bi- oder asexuell sind.

 

Am Ende des Tages muss natürlich jeder tun, was ihn*sie glücklich macht. Aber ich denke, dass es absolut okay ist, auf Labels zu verzichten und sich nicht länger von außen in irgendwelche Schubladen stecken zu lassen, nur damit andere Menschen um uns herum wissen, wie sie uns einzuschätzen haben.

 

Wenn es dir also geht wie mir und du keine Lust mehr hast auf irgendwelche Kategorisierungen, dann hör doch einfach mal eine Zeit lang auf, dich zu beschreiben – ob nun anhand der Kinsey-Skala oder einem anderen Konstrukt, das für dich bisher nur mittelmäßig funktioniert hat. Schau, wie es sich anfühlt, auf bestimmte Labels zu verzichten. Ob du dich dann freier fühlst, oder ob bestimmte Zuschreibungen wichtig für dich sind. Denn so okay, wie es auch ist, sich selbst einer bestimmten Kategorie zuzuordnen, so okay ist es auch, komplett auf Labels zu verzichten – insbesondere dann, wenn es um deine Sexualität geht.

 

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