Twofaced Psyche

„Ich bin heute irgendwie bisschen depressiv“, hören wir uns und andere bei schlechter Stimmung immer wieder sagen. Was es aber wirklich bedeutet, unter einer psychischen Störung zu leiden, wissen die wenigsten – würde man meinen. Denn Erkrankungen wie Depression sind häufiger, als der Volksmund besagt. Immer wieder liest man von betroffenen Personen des öffentlichen Lebens, wie Fußballern, Schauspielern oder Musikern. Psychisches Leiden als Schlagzeile – und doch bleibt das Thema im Alltag tabu. Denn psychische Probleme gelten als Schwäche und Schwächen werden gerne totgeschwiegen. Wer nicht funktioniert, wird aussortiert. Depressionen gehören trotzdem zu den häufiger diskutierten Themen, Schizophrenie hingegen bleibt eine Seltenheit. Doch wo liegen die Grenzen zwischen gesundem und krankem Menschenverstand?

 

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie verrückt bist du?

 

Dass das schwer zu erfassen ist, belegt eine im Juli diesen Jahres veröffentlichte Studie der JAMA Psychiatry. Sie gibt Aufklärung darüber, wie häufig schizophrene Erlebnisse vorkommen und wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind. An der Studie beteiligten sich Wissenschaftler aus der ganzen Welt, sie enthält Daten aus den World Mental Health Surveys, im Auftrag der World Health Organization (WHO). Die Studie wurde zwischen 2001 und 2009 durchgeführt, 31.261 Erwachsene aus 18 Ländern wurden hierfür befragt.

Das Ergebnis: 5,8 Prozent der Probanden berichteten von schizophrenen Erlebnissen wie Halluzinationen, also Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen. Diese seien jedoch relativ selten: 32 Prozent der Betroffenen berichteten von einem Vorfall, weitere 32 Prozent von zwei bis fünf, das andere Drittel von sechs bis über 100. Weiter besagt die Studie, psychotische Erlebnisse kommen in Ländern mit mittlerem und hohem Einkommen am häufigsten vor. Singles und Arbeitslose sind besonders betroffen, sozioökonomische Faktoren wie Stress begünstigen dies zusätzlich. Was die Studie zeigt ist, dass es tatsächlich so etwas wie „Grade der Verrücktheit“ gibt. Die Frage ist jedoch, wo die Grenzen liegen. Der Forscher Richard Linscott fragt hierbei: “[Do] we all have a bit of schizophrenia in us, or are there some people who do, and some who don’t?”

 

Sind wir alle ein bisschen Bluna?

 

Bei Schizophrenie handelt es sich um eine massive Störung des Denkens, der Emotionen und des Verhaltens. Das Glossar des Berufungsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (bdp) besagt, hier sei das Gefühl von Individualität, Einzigartigkeit und Entscheidungsfreiheit beeinträchtigt. Während Intellekt und klares Bewusstsein in der Regel erhalten werden, ist die Wahrnehmung durch Halluzinationen, also Sinnestäuschungen, akustischer oder optischer Art, verzerrt. Der oder die Erkrankte hört Stimmen oder Geräusche und sieht Dinge oder Menschen, die nicht existieren. In manchen Fällen ist auch der Geruchssinn betroffen. Laut dem bdp-Verband hören Patienten häufig Stimmen, die ihn und sein Verhalten kommentieren.

Was in solchen Fällen in extremer Ausführung vorliegt, kann, wie die Studie der JAMA Psychiatry besagt, schon in kleinem Rahmen auftreten. Denn hierzu gehören auch Erlebnisse wie Verfolgungs-, Kontroll-, oder Eifersuchtswahn. Und seien wir mal ehrlich: Wer von uns hat aus Eifersucht nicht schon mal ins Handy des Partners gelinst? Immer mehr Anzeichen weisen darauf hin, dass die Grenzen zwischen gesundem und kranken Menschenverstand weniger klar sind, als bisher angenommen. Dies raus zu finden ist eine der Hauptaufgabe der Psychologie als Wissenschaft. Denn: Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?

Beitragsbild: Porsche Brosseau unter CC by 2.0

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