Beziehung: Was würdest du für die Liebe aufgeben?

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dadurch eine ganze Menge verpasst habe.“ Melanie* starrt auf den Löffel in ihrem Teeglas. Es ist ein viel zu kalter Septembervormittag, aber wir haben uns trotzdem auf die mit Decken behängten Stühle draußen vor dem Café gesetzt. Während Melanie spricht, bilden sich kleine weiße Wölkchen vor ihrem Mund. „Während du da drin steckst, kommt es dir gar nicht so schlimm vor. Man macht halt Abstriche. Aber später ist das Gejammer groß.“ Sie lächelt grimmig, während sie Zuckerwürfel in ihren Tee platschen lässt. „Hinterher ist man immer schlauer.“

Fast sechseinhalb Jahre lang war sie mit Felix* zusammen gewesen. Für eine Mittzwanzigerin eine beachtliche Zeitspanne. Sie hatten sich im Hörsaal kennengelernt, erstes Semester Ingenieurwissenschaften. Sie schrieb sich direkt nach dem Abi ein, er hatte zuvor ein Freiwilliges Soziales Jahr geleistet. Nach zwei Erstsemester-Partys, einem Kinobesuch und einem versoffenen Abend in einer Bar beschlossen sie, ein Paar zu werden.

Sechs Monate lang lief alles wunderbar, dann kam der erste große Streit. Felix hatte fremdgeknutscht. Sie trennten sich, aber nur für eine Woche, dann fanden sie erneut zueinander. „Wir haben uns wieder getroffen und beschlossen, dass wir diese Beziehung ab jetzt absolut ernst nehmen wollen“, sagt Melanie. „Ein Jahr später sind wir zusammen gezogen.“

Da war Felix 22 und Melanie gerade 21 geworden. „Eine Freundin hat mich bescheuert genannt“, sagt sie. „Aber zu dem Zeitpunkt hat das einfach gut gepasst – wir haben beide eine Wohnung gesucht und naja…“ Sie hebt die Schultern. „Wir haben nicht allzu viel darüber nachgedacht. Hat halt gepasst.“

Opfer oder Kompromiss?

Aus sechs Monaten wurden schnell sechs Jahre. Zwischenzeitlich zogen sie zweimal um, machten ihren Abschluss, wurden Berufseinsteiger. Sie redeten sogar über ein gemeinsames Kind. Und die Pläne, die Melanie vor ihrer Begegnung mit Felix geschmiedet hatte, verschwanden langsam aber sicher hinter einer dicken Wand aus Irgendwann mal. „Ich wollte nach meinem Bachelor-Abschluss eine kleine Weltreise machen. Das hatte ich mir vor dem Abi überlegt und eigentlich auch darauf gespart. Aber Felix konnte nicht mit, also hab ich es gelassen.“ Hat sie das damals nicht wütend gemacht? Wieder hebt Melanie die Schultern. „Die Vorstellung, ein Jahr lang von ihm getrennt zu sein, war nicht schön. Und wir hatten ja eine gute Zeit zusammen.“

Die Geschichte mit der Weltreise nagte trotzdem weiter an Melanie. „Das war nicht irgendso ein Teenie-Traum. Das hatte ich wirklich lange geplant, und ich wollte es wirklich unbedingt.“ Nach dem Bachelor fragte sie Felix wieder, ob er nicht doch Lust darauf hätte. „Es wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen. Das war die letzte Gelegenheit, nochmal auszuspannen, bevor wir uns irgendwo bewerben oder den Master machen.“ Felix wollte nicht. „Er hat gesagt, dass er kein Geld für sowas hat. Und dass er nicht ein ganzes Jahr dafür verschwenden will.“

Sie blieben in München. Felix machte seinen Master, Melanie fand einen halbwegs gut bezahlten Job bei einem großen Autohersteller. Das Leben plätscherte ein paar Jahre lang so vor sich hin. Es war gemütlich, heimelig, bequem – und furchtbar langweilig. „Ich wollte nicht mehr so weitermachen.“ Melanies Stimme klingt hart, als sie das sagt. „Ich habe es beendet, auch wenn es schwer war.“ Eine Woche vor ihrem 26. Geburtstag machte sie mit Felix Schluss, kündigte ihren Job und buchte ein Ticket nach Bangkok. „Es hatte sich über diese ganze Zeit so viel in mir angestaut, das auf einmal herausbrach. Ich meine, sollte das noch drei, vier Jahre so weitergehen, bis ich ein paar Kinder bekomme und mich nie mehr mit etwas anderem beschäftigen kann?“ Melanie reiste 14 Monate lang durch Asien und Südamerika. Es war, wie sie sagt, „die wichtigste, schlimmste und schönste Zeit meines Lebens.“ An Felix denkt sie jeden Tag. „Du kannst ja nicht einfach aufhören, jemanden zu lieben. Aber wenn zwei Leben nicht zusammenpassen, und du dich dauernd eingeschränkt fühlst, kann das gar nicht funktionieren.“

Geopfert wird immer irgendetwas

Sollten wir für die Liebe Opfer bringen? Die Reflexantwort ist immer: Nein, auf keinen Fall! Trotzdem tun wir es ständig. Wir schaffen uns keine Katze an, weil der Partner allergisch ist, rauchen nicht mehr, weil er oder sie das nicht ausstehen kann und tragen diese eine Hose nicht mehr, weil unser significant other findet, dass die nicht sooo gut aussieht. Es sind kleine und manchmal nicht ganz so kleine Opfer, die wir bringen. Und für eine funktionierende Beziehung ist es essentiell, dass man auch mal die eigenen Bedürfnisse zurückstellt. Anders sehen das nur schnöselige Einzelkinder, die mit 30 immer noch denken, dass sie der Mittelpunkt der Welt sind. Andererseits ist die Grenze zwischen Kompromiss und Selbstaufopferung ziemlich schmal. „Wenn man merkt, dass man für den anderen Dinge aufgibt, die einem wirklich wichtig sind, ist das kein gutes Zeichen. Man muss sich selbst zugestehen, sich auch mal seinem ureigenen Vergnügen und seinen Wünschen hinzugeben“, sagt der US-Professor Josh Gidding im NEON-Interview. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die in einer Beziehung zu viel opfern, genau das ihren Partnern am Ende übel nehmen. Weil sie nicht selbstlos handeln, sondern heimlich eben doch aufrechnen, was sie alles für den anderen getan oder aufgegeben haben. Und dann entweder enttäuscht sind, wenn sie nichts dafür zurückbekommen – oder den anderen unter Druck setzen.“

Am Ende – das heißt, wenn die Beziehung irgendwann auseinander bricht. Davon scheinen wir grundsätzlich auszugehen. Aber was, wenn die Liebe bestehen bleibt, und durch das „Liebesopfer“ vielleicht sogar stärker wird? Timm erzählt im ZEIT Magazin davon, wie er für seine Freundin Kristin seinen Traumberuf Kapitän aufgab. „Kurz vor meiner ersten Fahrt lernte ich Kristin kennen. Ich dachte: ‚Wow, die Frau ist der Knüller‘, und fragte sie nach ihrer Nummer. Als ich nach fünf Monaten wieder in Deutschland war, trafen wir uns. Sie blieb über Nacht. Am nächsten Tag haben wir chinesisches Essen bestellt, geredet, geknutscht. ‚Fuck, habe ich gedacht, ‚was mache ich jetzt?‘ In drei Wochen würde ich wieder auf See sein, vier Monate lang.“ Für Timm war das irgendwann keine Option mehr. „Als Kapitän ist man vier, fünf Monate auf dem Schiff, dann zwei zu Hause. Mir wurde klar: Damit setzte ich meine Beziehung aufs Spiel.“ Er kündigte. Und geht nun als Kompromiss für ein paar Tage im Jahr mit seiner Freundin segeln. Für ihn hat sich das Opfer wohl gelohnt.

Am Ende steht der Vergleich

Es geht also immer, ganz unromantisch, um einen Vergleich: ist es diese Person wert, dass ich für sie meine Pläne oder Träume über Bord werfe? Nicht ganz einfach einzuschätzen, besonders, wenn die Synapsen bedröppelt zwischen rosaroten Wolken umherschweben. Timm hat sich entschieden, und auch für Melanie ist die Sache klar: „Diese Reise war mir wichtiger. Das habe ich nur leider zu spät erkannt.“ Vorhalten will sie ihrem Exfreund aber nichts. „Es war ja meine Entscheidung, mich so lange an ihn anzupassen. Also, wenn überhaupt, dann ärgere ich mich über mich selbst. Dass ich so lange gewartet habe, um mir endlich mal einzugestehen, was mir wichtig ist.“

Einige Wochen nach unserem Treffen in besagtem Café hat sich Melanie übrigens nochmal mit Felix verabredet. Vielleicht passen ihre beiden Leben ja mittlerweile besser zueinander.

*Namen von der Redaktion geändert

Bildquelle: Greg Rakozy unter CC0 1.0

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Autorin: Nach mehreren Jahren des Pseudo-Studierens darf ich mich mit dem atemberaubenden Titel Theaterwissenschaftlerin B.A. schmücken. Ich hab's nicht nur wegen des Geldes gemacht! Ich geh auch so wirklich gerne ins Theater. Was ich sonst noch gerne mache: Mich über Sachen aufregen, die ich sowieso nicht ändern kann, Katzen streicheln, Videospiele spielen, Gin Tonic trinken und Dinge unternehmen, die nur minimale soziale Interaktion erfordern.