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Je tiefer der Ausschnitt, desto besser die Jobchancen

Die völlig absurden Ergebnisse einer Studie zeigen: Sexismus ist im Bewerbungsalltag immer noch gang und gäbe.

Hübsch oder hässlich, dick oder dünn, deutsch oder fremdländisch: Das Bewerbungsfoto verrät so viel und gleichzeitig so wenig über einen Jobsuchenden. Hierzulande ist das typisch seriöse Bild rechts über dem Lebenslauf zwar noch nicht aus den Bewerbungsmappen wegzudenken – und doch erscheint es immer fraglicher, ob es wirklich sinnvoll ist, dass Personaler sich von jedem Bewerber sofort ein Bild machen können. Eine Studie bestärkt diese Zweifel: Der Kognitionspsychologe Sevag Kertechian wollte kürzlich herausfinden, inwieweit sich die Tiefe des Ausschnitts auf Fotos von Bewerberinnen auf die Entscheidungen von Personalchefs auswirkt.

Im Rahmen seiner Untersuchung schickte der Doktorand der Pariser Universität Sorbonne innerhalb von drei Jahren 400 Bewerbungen an Firmen in den Sektoren Vertrieb und Rechnungswesen. Die Lebensläufe versah er jedes Mal mit einem Foto einer Frau im schwarzen Kleid – manchmal mit, manchmal ohne tiefes Dekolleté (dazu dienten ihm unterschiedliche, weibliche Lockvögel, die sich alle sehr ähnlich sahen).

Und tatsächlich bekamen die Frauen mit tiefem Ausschnitt für die Stellen im Vertrieb 62 zusätzliche Einladungen zu Jobinterviews, im Rechnungswesen sogar 68. Damit wird eine Frau mit weit ausgeschnittenem Oberteil durchschnittlich 19 Mal häufiger zum Vorstellungsgespräch eingeladen als eine mit hochgeschlossenem Shirt.

Ein Ergebnis, das doch ziemlich überrascht – sollten Bewerbungsfotos nicht eigentlich möglichst seriös wirken? Offensichtlich nicht. „Die Ergebnisse zeigen einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen tief ausgeschnittenen Kleidern und der Entscheidung von Recruitern“, sagte auch Kertechian. „Die Resultate sind (…) schockierend und negativ.“ Allerdings fügt er an, dass nicht erhoben wurde, ob Männer oder Frauen in den Personalabteilungen über die Einladungen entschieden haben. „Wir müssen hier noch weiterforschen“, meint der Doktorand.

 

Ich habe heute leider kein Foto für dich

 

Trotzdem stimmen uns die Ergebnisse nachdenklich – kann es wirklich sein, dass aufreizend gekleidete Frauen leichter einen Job bekommen? In welchem Jahrhundert leben wir nochmal?

Nicht nur wegen diesem mehr als fragwürdigen Resultat wird hierzulande verstärkt darüber diskutiert, ob man zukünftig nicht vollkommen auf Bewerbungsbilder verzichten sollte. Die Siemens-Personalchefin Janina Kugel sprach sich erst kürzlich für eine anonymisiertere Variante aus. „Es gibt das Risiko, dass Firmenverantwortliche auf Basis solcher Bilder beeinflusst werden und dadurch nicht die richtigen Personalentscheidungen treffen“, erklärte sie. Sobald wir uns ein Bild von einem Menschen machen können, kategorisieren wir ihn – ob wir wollen oder nicht. „Ganz eindeutig ist es wissenschaftlich bewiesen, dass ein Foto einen Rückschluss auf eine Qualifizierung beinhaltet, wenngleich das natürlich nicht unbedingt richtig ist“, so Kugel. Siemens erwägt deshalb, im Bewerbungsprozess künftig auf Fotos zu verzichten.

In den USA, Großbritannien und Kanada ist die Bewerbung ohne Foto schon lange gang und gäbe  – viele Unternehmen verzichten sogar auf jegliche, persönliche Angaben der Interessenten. Das hat den unschlagbaren Vorteil, dass niemand wegen seiner Herkunft, seinem Familienstand oder seinem Geschlecht benachteiligt werden kann.

„Hierzulande geben Bewerber einfach zu viel von sich preis“, meint auch Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Die Pädagogin initiierte im Dezember 2010 deshalb ein Pilotprojekt: Unternehmen wie die Deutsche Post, Die Deutsche Telekom oder L’Oréal testeten ein völlig anonymisiertes Bewerbungsverfahren – ohne Namen, Alter, oder Geschlechtsangabe.

 

Gesichtslos ist gut!

 

„Tatsächlich herrschte bei dem Bewerbungsverfahren Chancengleichheit im Rennen um ein Vorstellungsgespräch“, sagte Lüders. Mehr als 8550 Jobsuchende bewarben sich während des Projekts auf die ausgeschriebenen Stellen – 1293 von ihnen wurden zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, 246 letztendlich eingestellt.

Die meisten Personalchefs sprachen sich am Ende der Studie positiv über das getestete Bewerbungsverfahren aus. Einige gaben zu, dass sie von Bewerbern im Vorstellungsgespräch überzeugt wurden, die sie ohne das anonymisierte Verfahren mit ziemlicher Sicherheit gar nicht erst eingeladen hätten. Die Ergebnisse zeigten außerdem, dass vor allem berufserfahrene, aber auch jüngere Frauen von dem modernen Bewerbungsverfahren profitieren.

Klaus F. Zimmermann, der Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit, steht voll und ganz hinter dem Projekt, dass er wissenschaftlich begleitete – er erkennt darin nämlich auch wirtschaftliche Chancen für Unternehmen: „Firmen, in denen Junge und Alte in Teams zusammenarbeiten, in denen die interkulturelle Kompetenz von Einwanderern klug genutzt wird und junge Mütter mehr Förderung und Unterstützung erfahren, sind insgesamt produktiver als andere. Diese Organisationen stehen somit im Ergebnis besser da.“

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Bildquelle: Tim Gouw unter CC 0 Lizenz

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