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Soziale Brennpunkte: Die Ghettoisierung des Abendlandes?

Deutschland ist reich. Niemand muss hungern. Denkst Du. Wir haben mal gecheckt, wie es aussieht mit der Ghettoisierung des Abendlands.

Von Simone Mauer

Vorweg ein paar Zahlen, die den Reichtum und die Finanzkraft der Bundesrepublik zeigen: Laut Statista liegt Deutschland mit 3,358 Billionen US Dollar auf Platz vier der Länder mit dem größten Bruttoinlandsprodukt weltweit, hinter den USA, China und Japan. Das zeigt, dass Deutschland zu den reichsten und wirtschaftlich stärksten Ländern der Welt gehört. Wenn man sich wiederum eine Tabelle zum Thema größtes Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ansieht, liegt Deutschland schon auf Platz 20 mit 40.996 US Dollar, die ein Bürger im Durchschnitt jährlich verdient. Hieraus lässt sich schon mal Folgendes ableiten: Weltweit gesehen ist Deutschland definitiv eines der reichsten Länder, gemessen an den wirtschaftlichen Exportleistungen und der Produktivität des Landes, jedoch scheint von diesem allgemeinen Reichtum nicht so viel beim Einzelnen anzukommen.

 

Die Schere wächst

 

Wenn man betrachtet, an welchen Stellen sich das Geld in der Bundesrepublik besonders ballt, wird die ungerechte Verteilung finanzieller Mittel noch deutlicher. Die Oberschicht wächst, die Unterschicht auch. Die logische Folgerung daraus: Der deutsche Mittelstand schwindet. Auch dies ist eine Tatsache, sie sich im Land der Bürokratie statistisch nachweisen lässt. Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaft haben festgestellt, dass insbesondere seit der Jahrtausendwende rapide Veränderungen stattgefunden haben und sowohl Unter- als auch Oberschicht in relativ kurzer Zeit gewachsen sind. Übrigens ein globales Problem: In Deutschland besitzen mittlerweile die reichsten zehn Prozent über die Hälfte des Nettovermögens.

Soziologen beschäftigen sich mit dem Phänomen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland immer größer wird und die bürgerliche Mitte ausdünnt, schon seit Längerem. Ihren Prognosen nach kann dies weitreichende gesellschaftliche Folgen mit sich bringen. Von einer Verrohung der Gesellschaft ist die Rede, einer Zunahme von Elendsvierteln und Ghettos und einer allgemeinen Zerrissenheit und Polarisierung der Gesellschaft. Arm und Reich stehen sich ohne eine mäßigende Mitte gegenüber und leben in verschiedenen Welten. Die Politik bemüht sich bereits durch Maßnahmen wie einer Erhöhung der Erbschaftsteuer oder einem Anheben des Mindestlohns ein weiteres Auseinandertriften der Ober- und Unterschicht zu verhindern. Aber: Veränderungen scheinen für manche Stadtteile der Bundesrepublik zu spät zu kommen oder keine Auswirkungen mehr zu haben.

Lehe – das Problemviertel der Republik

Bremerhaven Lehe beispielsweise zeigt eine krasse Seite von Deutschland, die auch als Resultat des Auseinandertriftens der Gesellschaftsschichten gesehen werden kann. Diese Seite der Bundesrepublik will mit dem Bild des Export-Weltmeisters, dem einstmaligen Land der Dichter und Denker oder der starken Wirtschaftsmacht nicht so ganz zusammenpassen. Lehe ging vor Kurzem durch die Medien: Als ärmster Stadtteil der Bundesrepublik. Ist das auch das Deutschland, wie die Welt es kennt? Die Fakten und nackten Zahlen erzählen Folgendes über Lehe: 37.500 Einwohner, davon sind 38% arbeitslos, 30% der Anwohner besitzen keinen deutschen Pass, jeder Dritte ist hoch verschuldet, Wohnungspfändungen gehören zur Tagesordnung. Harte Drogen und Bandenkriminalität sind oftmals der einzige Ausweg, um dieser Perspektivlosigkeit zu entfliehen

Flüchtlinge für Lehe?

Ausgerechnet in solche Stadtteile, die mit extremen sozialen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, wurden und werden besonders viele Asylbewerber untergebracht. 2015 kamen beispielsweise 3000 Flüchtlinge nach Lehe. Warum? Weil es den Staat billig kommt. Mit ein bisschen gesundem Menschenverstand lässt sich ausmalen, was passiert wenn Menschen, die kaum Perspektiven, Ressourcen und Mittel haben in perspektivlosen und ressourcenarmen Stadtteilen stranden. Ghettoisierung vorprogrammiert? Werden wir in 15 bis 20 Jahren von Politikern Sätze hören wie: „Bei der Integration dieser Menschen haben wir versagt.“ Oder „Wir hätten die Zeichen besser deuten sollen. Unsere Ghettos haben wir uns selber gebaut.“ Verwundern würde es nicht.

Lehe ist für manche Menschen die einzig wahre Heimat. „Home is where the heart is“ – auch wenn diese Heimat ein hässliches, beängstigendes Gesicht hat. Sehen die Menschen aus Lehe ihre Heimat als Ghetto? Fühlen sich die mittellosen Menschen hier dem „reichen“ Deutschland noch zugehörig? Ein Gedankenexperiment: Hartz 4-Empfänger aus Bremerhaven Lehe trifft betuchten Unternehmer aus München Grünwald. Eine Gesellschaft, ein Land, ein Zugehörigkeitsgefühl – über was können sie sich austauschen?

Es scheint, als ob dieses Deutschland mittlerweile tiefe Furchen und Gräben hat und Menschen auf verschiedene Seiten stehen. Sie stehen an den Abgründen dieser Gräben und sehen die jeweils andere Seite. Aber: Die Furchen werden tiefer und die Chancen, sie zu überwinden, sinken.

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Bildquelle: ANBerlin unter CC BY-ND 2.0

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