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Warum Langzeitstudenten nicht einfach nur faul sind

Sie studieren drei Semester Lehramt, brechen dann ab und haben nach 15 Semestern Geschichtsstudium immer noch keinen Abschluss. Versager sind Langzeitstudenten trotzdem keine, vielleicht eher Überlebenskünstler.

Sie stehen dem „Schneller, höher, weiter“ unserer Leistungsgesellschaft entschieden entgegen und werden liebevoll (oder eher abwertend) als „Bummelstudenten“ betitelt: Die Studenten, die Semester um Semester im Hörsaal verbringen. Die von Freunden belächelt und von Personalern oft verurteilt werden, weil sie auch im siebten Studienjahr immer noch nicht auf der Zielgeraden sind. Aber: Das Langzeitstudium hat viele Gründe, und nicht jeder kommt klar mit dem „Schneller, höher, weiter“ unserer Gesellschaft.

Laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamts (Destatis) vom Sommersemester 2018 gibt es in Deutschland 38.116 Studenten, die 20 Fachsemester oder mehr für ihren Abschluss brauchen. Als Fachsemester werden nur Semester in einem Studiengang gezählt, Urlaubssemester, Praktika oder an anderen Unis absolvierte Zeit werden dabei nicht mitgerechnet – quasi die bereinigte, reine Studienzeit. Eine analoge Statistik aus NRW gibt dagegen eine Idee, wie groß die Zahl sonst sein könnte, nur mit Blick auf die Hochschulsemester (also die gesamte Zeit, die ein Student an einer deutschen Hochschule eingeschrieben ist): Im Winter 2016 waren es alleine in NRW 74.123 Langzeitstudenten mit mehr als 20 Semestern auf dem Konto. Das sind fast 10 Prozent aller Studenten des Bundeslandes.

Diese Zahlen zeigen: Das Thema Langzeitstudium betrifft nicht nur wenige Ausnahmen. Und, viel mehr: Dahinter steckt kein reines Prokrastinieren und Aufschieben, sondern andere Erfahrungen, die sich neben dem Studium abspielen und selbiges dadurch in die Länge ziehen.

 

Vielleicht ist nicht die Faulheit Schuld, sondern das Leben

Es mag also sein, dass die einen ihr Studium aus Faulheit einfach nicht zu Ende bringen, oder weil es bequemer ist, Student zu sein. Weil sie dann eine Rechtfertigung haben, um noch nicht in die Welt der Arbeitssuchenden, der 40-Stunden-Woche, des öden Büroalltags zu müssen. Viel naheliegender sind aber andere Gründe für ein Langzeitstudium. Vielleicht ist es die finanzielle Belastung, die Studenten immer wieder in Minijobs oder Zeitarbeit treibt und das Lernen erschwert. Vielleicht ist es die psychische Belastung, nicht genau zu wissen, was man eigentlich will. Vielleicht das Zweifeln an dem Weg zur beruflichen Erfüllung, der Planbarkeit des Lebens und überhaupt dem Sinn der Leistungsgesellschaft.

Es kann auch sein, dass der Langzeitstudent vernünftiger ist als seine leistungsgetriebenen Kommilitonen. Statt sich kaputt zu machen, braucht er am Ende zwei Semester mehr, weil er einfach mal der Prüfungsphase und der abgestandenen Luft in der Bibliothek entfliehen und mit dem Rucksack in Südostasien durchatmen musste. Oder, er hat doch noch einmal eine andere Karriere erwägt und deshalb statt den Uniprüfungen lieber ein Schnupperpraktikum gemacht. Vielleicht ist ihm auch die Liebe in der Ferne dazwischengekommen und er hat Wochenende für Wochenende im Fernbus statt am Schreibtisch verbracht.

 

Im Lebenslauf nicht zwingend eine Behinderung, vielleicht gar eine Bereicherung

Woran es auch liegt: Ein Personaler sollte in dem Lebenslauf eines Absolventen, der zum Beispiel zehn Semester Philosophie studiert, einen Sommer lang zum Zuverdienst am Band gestanden ist und sich danach vier Semester an Jura probiert hat, mehr sehen als nur einen verlorenen Langzeitstudenten. Sondern einfach mal nachfragen, woran es lag, was er zwischen und während all diesen Semestern gemacht und gelernt hat. Ein Langzeitstudent kann im Zweifel mehr Erfahrung auf den Tisch bringen als jemand, der nach dem Abi in sechs Semestern BWL studiert und sich danach sofort auf den Arbeitsmarkt geworfen hat.

Gründe für das Langzeitstudium sind nicht nur pure Faulheit und Prokrastination, sondern auch finanzielle oder psychische Probleme. Teils auch eben jener Leistungsgesellschaft geschuldet, die „Bummelstudenten“ das Gefühl gibt, weniger wert zu sein, ja, gar versagt zu haben. Grund ist manchmal vor allem einfach: das Leben. Die meisten von uns studieren nämlich zu einer Zeit, wo wir als junge Menschen neben der Lösung der Klausurfrage auch noch uns selbst finden müssen.

Dazu gesellt sich noch ein anderer „Bummelstudent“: Es gilt längst nicht mehr für alle, aber es gibt eben doch noch Studenten, die in ihrer universitären Ausbildung mehr sehen als eine schiere Notwendigkeit auf dem Weg zum großen Geld. Sie studieren vielleicht einfach lange, weil es ihnen Spaß macht.

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Bildquelle: Unsplash unter unter CC0 Lizenz

Kommentare

  1. @ Frank: Oder Zwillinge und bekommt kein Bafög, muss also nebenher noch arbeiten.
    Ich schaffe aktuell grad mal zwei Module pro Semester. Aber inzwischen ist es mir auch egal, fertig werde ich auch so irgendwann und die Zeit mit den Kleinen ist so wertvoll. Außerdem gibt es ja eh keinen perfekten Zeitpunkt für Kinder, also wieso nicht im Studium. :)

    Studentin / Antworten
  2. Oder man hat halt noch n paar Kinder während des Studiums in die Welt gesetzt. Und ist eventuell auch noch alleinerziehend dazu…

    Fraki / Antworten

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