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Tabuthema weibliche Lust – Von digitalem Fingern und analogem Dirty Talk

Die weibliche Lust gilt immer noch als ein sagenumwobenes Mysterium. Eine amerikanische Website will mit dem Tabu brechen und gibt Orgasmus-Nachhilfe im Netz – brauchen wir das wirklich?

Spätestens seit „Sex and the City“ ist Reden über Sex en vogue. Wie war der letzte One-Night-Stand, wie waren die Skills und der Penis und überhaupt? Sehr amüsant, nur je intimer es wird, desto weniger gehen wir ins Detail. Das fängt beim routinierten Beziehungssex an und hört beim Thema Selbstbefriedigung auf. Ehrlich gesagt habe ich mich – abgesehen vielleicht von der Druckwellen-Vibrator-Empfehlung meiner Mitbewohnerin – noch nie ausführlich über Selbstbefriedigungstechniken unterhalten. Die amerikanische Website OMGYes.com bricht mit diesem Tabu und gibt Orgasmus-Nachhilfe im Netz. Brauchen wir das wirklich?

 

Bestandsaufnahme

 

Eine Umfrage des Cosmopolitan Magazins im Jahr 2015 ergab, dass nur 57 Prozent der 2.300 befragten Frauen bei jedem Geschlechtsverkehr zum Orgasmus kommen. Bei den Männern sind es stolze 95 Prozent. Ungefähr jede zweite Frau bleibt nach dem Sex also unbefriedigt zurück, während sich der Partner selig auf die Seite dreht. Klar, auch das mit der Nähe kann schön sein, aber mal ehrlich: Das ist erschreckend!

Da fallen mir auf Anhieb drei Freundinnen ein, die seit Jahren unglücklich mit ihrem Beziehungs-Sexleben sind und lieber Orgasmen vortäuschen, die Beziehung beenden oder sich eine Affäre suchen, statt über ihre Bedürfnisse zu reden. Laut der Cosmopolitan-Umfrage haben 67 Prozent der Frauen schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht. Ist es Standard lieber zu lügen, als eine Ansage zu machen? Wie kann es sein, dass Männer Mitte Dreißig immer noch nicht wissen, wie verdammt nochmal ein anständiges Vorspiel geht? Vielleicht, weil wir zu wenig mit ihnen reden? Oder noch schlimmer, weil wir selbst nicht recht wissen, was wir brauchen?

 

Mein lieber Freud und Kupferstecher

 

Es ist zwar etwas ausgelutscht, aber bei einem theoretischen Diskurs über Sexualität kommen wir um den Begründer der modernen Psychoanalyse nicht herum. Sigmund Freud schreibt in seinen Abhandlungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Weiblichkeit. In einer Zeit, in der die Penisneid-Theorie und der Ödipuskomplex die absoluten Renner waren, hatte der weibliche Orgasmus, vor allem der klitorale, kein allzu gutes Standing.

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Sexuell aktive Frauen wurden schnell als „hysterisch“ bezeichnet, ein eindeutiges Zeichen von Geisteskrankheit. Freud sprach davon, dass junge Mädchen erst „unreife“, also klitorale Orgasmen hätten. Nur durch den Sex mit einem Mann würde sie sich zu „reifen“ Frauen, mit reifen, also vaginalen Orgasmen entwickeln. Die Message: Ohne einen Mann kann Frau sexuell nicht richtig befriedigt werden. Das nenne ich mal ein beachtliches Geltungsbedürfnis. Laut der Cosmopolitan-Umfrage kommen allerdings nur 15 Prozent der Frauen durch reine Penetration ohne klitorale Stimulation zum Orgasmus. Was Freud wohl dazu gesagt hätte?

 

68er – Sexuelle Revolution Vol. 1

 

Natürlich muss man das ganze misogyne Geschwätz im Kontext des beginnenden 20. Jahrhunderts sehen, übergeben will man sich trotzdem. Abgesehen von dem ärgerlichen Würgereiz bleibt ein Bild zurück, das die weibliche aktive Sexualität als etwas Abnormes versteht und das die wissenschaftliche und die gesellschaftliche Wahrnehmung prägte.

Bis in die 1960er hinein war das Thema Sex und Selbstbefriedigung ein absolutes Tabu. Einem unverheirateten Paar die Möglichkeit zur „Unzucht“ zu bieten, stand sogar unter Strafe. Mit der sexuellen Revolution der 68er änderte sich die öffentliche Sexualmoral und auch die Wahrnehmung von Sexualität. Alfred Charley Kinsey befasste sich als erster Sexualforscher statistisch und wertfrei mit den unterschiedlichen Sexualpraktiken von Männern und Frauen. Aber auch hier ging es lange Zeit um das „Was“ und nicht um das „Wie“ beim Sex.

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