Von Melanie Christina Mohr

Die Generation Y: Wir kaufen nur Bio, sind überakademisiert, rotten uns in Hipster-Vierteln zusammen und sitzen angeblich lieber im Café statt im Büro. Stimmt das? Was uns ausmacht, vereint und unterscheidet, darum geht’s hier.

Mit Mitte Zwanzig hatte die Generation Y gedanklich mit Anfang Dreißig ein Kind – mindestens. Laut Statistik sogar 1,7. Ein Jahrzehnt später ist nun von der „kinderlosen Generation“ die Rede, die sich Teilzeit, nicht nur im Job, sondern auch in der Liebe sehr wohl fühlt. Arbeitstechnisch pendeln wir manchmal zwischen zwei oder sogar drei Städten in ungebundener Zweisamkeit, nicht selten über Ländergrenzen hinweg. Wohin es Oma und Opa mit Ü30 vielleicht mal in den Urlaub geschafft haben, probieren wir uns in alternativen Arbeitskonzepten und flexiblen Hierarchiestrukturen. Unser Typ ist gefragt und zwar genderübergreifend (Gott sei Dank!). Aber wie so häufig in öffentlichen Diskussionen, wird selten mit denen gesprochen, die es betrifft, sondern viel mehr über sie. Häufig will gar nicht verstanden werden, dass die Gründe, warum Frauen und Männer mit Ü30 spät oder keine Kinder bekommen, so vielfältig sind wie sie selbst.

 

Kein Partner in Sicht

 

An so manchen Artikel würde man am liebsten mit einem dicken Rotstift ein fettes Ausrufezeichen an den Rand malen, darüber steht dann in Druckschrift und fett „EMPATHIELOSIGKEIT“. Das bezieht sich auf solche Passagen, in denen mal wieder völlig außer Acht gelassen wurde, wie schwierig es sein kann, den richtigen Partner zu finden – und zwar für beide Geschlechter. Oft ist es nämlich so, dass Kinder sehr wohl gewünscht sind. In dem Alter, oder besser gesagt: Zu dem Zeitpunkt, an dem man es sich dann auch sehr gut vorstellen könnte, oder sogar herbeisehnt, befinden sich Mann oder Frau jedoch in einer Single-Schleife – schlechtes Timing. Diese zieht sich vielleicht auch schon über mehrere Jahre hinweg. Und dass man, je älter man wird, einen ganz eignen und individuellen Lebensrhythmus entwickelt hat, und sich Kompromisse nicht mehr so einfach schließen lassen wie mit Mitte Zwanzig, ist kein Mythos, sondern eine recht nachvollziehbare Selbstverständlichkeit, die die Partnersuche nicht erleichtert. Es ist also alles andere als easy, heutzutage, mit einem Kopf voll guter Ideen und Vorstellungen das passende Gegenstück zu finden, das nicht gemeinsam einsam macht, sondern ergänzt, auch familientechnisch.

 

Die biologische Uhr

 

Die biologische Uhr tickt bei Mann und Frau sehr unterschiedlich. Während sich Mann so langsam mit Ende Dreißig an so etwas wie ein Familienleben heran denken darf (nicht muss), haben die Frauen ähnlichen Jahrgangs bereits das Thema mit Wehmut abgehakt. Und diejenigen, die kurz vor Zwölf nach Alternativen suchen (künstliche Befruchtung etc.), müssen gegen ein Meer von Unverständnis, Entrüstung und Vorurteile paddeln – zu Unrecht, wie ich finde. In solchen haarsträubenden Diskussionen werden dann selbst gelassene Gemüter zu Hardcore-Feministinnen, weil es eine Anmaßung sondergleichen ist, meinen zu dürfen, sich in die Haut jener hineinversetzen zu können, die nicht das Glück hatten, die Kombi aus passendem Partner und passendem Zeitpunkt erwischt zu haben. Natürlich ist es eine bewusste Entscheidung, sich Vollzeit Dingen zu widmen, die einen erfüllen, auch wenn das vielleicht eine ganze Weile kein Kind mit einschließt. Aber bedeutet das, dass man deshalb ab einem gewissen Alter nicht mehr den Wunsch haben darf, Kinder zu bekommen? Ist es nicht Teil unserer Autonomie, eben genau dieses Gefühl leben zu dürfen und trotzdem die Konsequenzen diskutieren zu können?

 

Kinderlos

 

Und zu guter Letzt: Wer hat eigentlich das Recht zu behaupten, dass jeder Kinder wollen muss? Die teilweise abwertenden Haltungen in der ganzen Social-Freezing-Debatte sind mindestens genauso abstoßend, wie das Urteilen über Frauen oder auch Männer, die keine Kinder wollen. Es gilt, noch ein paar mehr Vorurteile zu überprüfen. Wie die ewig alte Leier des Narzissmus, der in der Kinderlosigkeit gipfelt.

Melanie Christina Mohr ist Autorin. Sie schreibt Kinder- und Kurzgeschichten, Texte über Religion, Gesellschaft und Kultur und arbeitet am ersten eigenen Roman. Sie hat in Bonn und London Persisch und Literatur studiert, zeichnet gerne Gedanken und fotografiert Details.

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Bildquelle: Michael Coghlan unter CC BY-SA 2.0