Tindern in Slow Motion: Ein Selbstversuch mit der Datingapp Once

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Von Stefanie Witterauf

Als Teil der Generation Y wird mir natürlich nachgesagt, dass ich mich nicht binden kann. Warum das so ist? Vielleicht liegt es an den Konsum-Eigenschaften der Partnerschaftssuche, die mit dem Einkaufskorb von Amazon vergleichbar ist. Ein Wisch auf der beliebten Dating-App Tinder und ein neuer Kandidat kann in mein Leben treten. Oder auch gleich die nächsten zehn. Leider rutscht das doch oft in Matches-Sammeln ab. Wisch nach links und es geht weiter. Wisch nach rechts – it’s a match! – und trotzdem geht es mit dem Wischen weiter. Geschrieben wird selten, getroffen fast nie.

 

Meet Once: Ein Tag – Ein Match

 

Für ZEITJUNG habe ich nun den Selbstversuch gewagt – und die neue App getestet, die als Gegenprojekt von Tinder gilt und deshalb derzeit in aller Munde ist: Bei Once, der neuen Datingapp aus Frankreich, gibt es jeden Tag genau einen Vorschlag; ausgewählt von professionellen Matchmakern. Ehrlich gesagt finde ich schon die Berufsbezeichnung auch großartig und alle Kuppler und Kupplerinnen in meinen Freundeskreis würden sich bestimmt auch dazu berufen fühlen. Aber zurück zum Projekt: Soulmate finden statt Hookup oder Fuckbuddy. Once hat sich viel vorgenommen.
Ziemlich unspektakulär beginnt mein Selbsttest vor zwei Wochen. Schnell ist ein Profil angelegt. Wer schon mal Tinder installiert hat, kennt das: Zwei bis drei Profilfotos von Facebook ausgewählt, Geschlecht, Standort, Sexualität, Alter, Größe, Sprache, Ausbildung, Beruf, Arbeitgeber. Wer will, kann sogar seine Konfession angeben. Beim Wunschpartner kann man eine Altersspanne eingeben und die gewünschte Religion.

 

Meine erste Nachricht: Ein Geist-Emoji

 

Prompt bekomme ich einen Vorschlag und eine Push-Nachricht: „Dein Vorschlag des Tages. Er ist 26 und aus München“ steht auf meinem Display. Gespannt klicke ich das Profil an. Gefällt mir jetzt nicht so gut –  das lasse ich Once gleich wissen. Mist, denn jetzt heißt es 24 Stunden warten auf den nächsten Vorschlag. Hätte mir ja auch klar sein können. Ups. Aber schon ein paar Stunden später taucht eine neue Push-Nachricht auf, dass heute mein Glückstag sei und Once einen neuen Match für mich ausgewählt hat. Ich klicke auf „Gefällt mir“ und weiter geht’s. Die Chatfunktion öffnet sich und ich soll direkt eine Nachricht schreiben, denn das würde die Chancen um 280 Prozent erhöhen. Die Chancen auf was? Meinen Traummann zu finden? Eine Nachricht zurück zu bekommen? Überhaupt auf ein Gespräch? Na gut, dann schreibe ich gleich auch noch ein paar Worte. Wenige Minuten später leuchtet mein Display wieder auf. „Michael sieht sich gerade dein Profil an. Warte ab…“ Irgendwie gruselig, aber die Spannung steigt – und schon bekomme ich meine erste Nachricht: Ein Geist-Emoji. Als Antwort auf meinen super ausgeklügelten Eisbrechersatz: „Hi, wie geht’s? :)“.

So gewöhnlich meine Catchphrase auch war, auch die Antwort ist nicht wirklich außergwöhnlich. Nach einer fünfminütigen Abhandlung der Wetterlage von heute und den vergangenen paar Tagen erlischt das Gespräch dann auch recht schnell. Eine blaue Zeitangabe zeigt mir an, dass das nächste Match in 14 Stunden und 22 Minuten ausgesucht wird. Das Geschäft mit dem Seelenverwandten ist ein extrem entschleunigtes. Ich sollte mir vielleicht erstmal einen Tee machen. Auch am nächsten Tag ist wieder mein Glückstag und zwei Matches werden mir vorgeschlagen. Besonders konsequent scheinen die Matchmaker in ihrem „Once in a lifetime, once a day“-Konzept wohl doch nicht zu sein.

 

Matchmaker schlagen Match und matching Gesprächsthemen vor

 

Wie die Matches ausgewählt werden, weiß ich leider nicht. Besonders viele Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten kann ich bis jetzt noch nicht entdecken. Und besonders ähnlich sind sich die vorgeschlagenen Partner untereinander auch nicht: mal blond, mal brünett, mal 1,70m groß, dann 1,90m, mal Fußballtrainer oder ohne Berufsangabe, mal sehr chic vor einem Auto posierend, mal mit einem Surfbrett unterm Arm geklemmt, mal ohne. Mein Seelenverwandter ist ein Chamäleon.
Einmal bekomme ich eine Nachricht „In der Nähe von der Uni sind ein paar ganz gute“ – ohne Einstieg. Rausgestellt hat sich, dass er gelesen hätte, dass ich nach seinem Lieblingscafé gefragt hätte. Total entgeistert habe ich meine anderen Chats darauf geprüft, ob da auch Fragen gestellt worden, die nicht von mir getippt worden sind. Wie abgefahren wäre denn das? Once sucht nicht nur die Matches für mich aus, sondern übernimmt auch gleich noch die Kommunikation? Mittlerweile weiß ich, dass sich mein Mittwoch-Match geirrt hat. Es war ein Wartebildschirm, der dir mögliche Gesprächsthemen vorschlägt. Ist mir trotzdem nicht ganz geheuer.

 

Tinder in ganz ganz langsam. Und ganz ganz langweilig

 

Wer bei Once mal rebellieren möchte, kann die Matchmaker auch einfach übergehen. Kostet dann aber auch noch Münzen, die man mit echtem Geld kauft. Jeden Tag werden dann mehr Profile angezeigt  – so kann also aus einer kleinen Auswahl gleich der nächste Match ausgewählt werden. Ist dann aber wirklich wie Tinder in ganz ganz langsam. Und leider auch ganz ganz langweilig.

An sich ist die Idee ja nett. Aber irgendwie ist jede Dating-App trotzdem gleich. Sie bietet nur eine Plattform: Was du genau daraus machst, bleibt dir überlassen. Vielleicht schreibt man doch öfters hin und her, weil man eben jeden Tag – eigentlich – nur einen Vorschlag bekommt. Aber vielleicht installiert man sich auch einfach gleichzeitig Tinder. Ob man auf Once oder Tinder besser seinen Traumpartner findet? Keine Ahnung, aber eins steht fest: Auf Tinder passiert einfach mehr.

 

 

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Bildquelle: Bruno Gomiero unter cc0 Lizenz

Autorin: Stefanie Witterauf ist eine junge Journalistin aus München. Sie liebt Kaffee, Neologismen und neue Leute und Geschichten kennenzulernen. Manchmal packt sie die Sehnsucht. Dann schnallt sie sich ihren Rucksack auf den Rücken und reist in den Westen. Oder in den Mittleren und Nahen Osten. Bevor sie dreißig Jahre alt ist, möchte sie alle europäischen Hauptstädte bereist haben.