wir wir es auch machen verkehrt

Das Leben, das Dilemma: Wie wir es machen, machen wir es verkehrt

Eigentlich war meine Intention, etwas zum aktuellen Milchpreis zu schreiben – und zwar in Bezug auf unsere bewusste Soja- und Mandelmilch trinkende Generation. Die Brücke, die ich geschlagen habe, um das Thema für uns greifbar zu machen, stürzte jedoch sofort wieder ein, als ich konsequent weiterdachte. In erster Linie trinken wir Sojamilch ja aus zwei Gründen: Zum Einen, weil wir vielleicht vegan leben und tierisches Leben schützen möchten. Zum Anderen, weil wir vielleicht laktoseintolerant oder generell der Meinung sind, Milch und deren Zucker schadet unserem Körper. In diesem Gedankenexperiment kommen bei den meisten von uns die Bauern und deren Ertrag gar nicht vor. Denn hier geht es ja um uns; um unseren Körper, der ein Tempel ist. Aber egal, wie wir es drehen – ob wir auf Milch verzichten oder auf Ersatzprodukte zurückgreifen – einem Aspekt der Sache schaden wir dabei immer. Und das führte mich weiter zu einer ziemlich ernüchternden Kausalkette.

Von Milch auf Umweltschaden in dreißig Sekunden

Und die ging ungefähr so:

Niedriger Milchpreis wegen Überproduktion – weiterer Milchkonsum stützt die Unterbezahlung der Bauern – ein möglicher Verzicht auf Milch führt aber zu noch katastrophaleren Bedingungen für Landwirte, schützt jedoch unsere Milchkühe – Alternative zu Milch bedeutet Soja-/ Dinkel-/ oder Mandelmilch – Sojabohnenanbau generell fordert aber auch Abrodung von Regenwaldflächen – ergo fehlender Lebensraum und Distinktion von bedrohten Tierarten inklusive Zerstörung von fruchtbarem Boden. Und. so. weiter!

Natürlich ist diese Kausalkette simpel heruntergebrochen auf die offensichtlichen Faktoren, aber der Beigeschmack ist trotzdem nicht zu leugnen: Wie wir uns auch entscheiden, im Endeffekt verliert immer jemand in dem Szenario unserer Lebensentwürfe. Es ist zum Verzweifeln. Wir sind wahrscheinlich die erste Generation, nach den Atomkraft- und Genmanipulations-Gegnern aus den 70er Jahren, die sich größte Mühe gibt, ihren ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Wir tun alles dafür, Nachhaltigkeit zu propagieren und achten beim Einkauf auf die absurdesten Dinge – ist die Packfolie des ungebleichten Klopapiers aus Plastik oder vielleicht Zuckerrohr? Unsere Milch ist schon lange aus Mandeln oder Sojabohnen gepresst, wir kaufen uns quasi Gesundheit und gutes Gewissen in Einem. Ha! Win-Win – Situation sollte man meinen, aber dabei vergessen wir manchmal, dass das meiste Soja durch und durch genmanipuliert ist, wir durch das Anbauen wichtigen Lebensraum stehlen und durch das Einfliegen aus Südamerika massiv CO2 ausstoßen lassen. Doppelmoralisch? Unterm Strich natürlich, ja. Aber gleichzeitig stellt sich mir die Frage, die mich langsam in den Abgrund der Verzweiflung stürzt: Wie können wir alle Faktoren und sämtliche Konsequenzen unseres Handelns mit einbeziehen? Und die daran anknüpfende Frage: Warum wollen wir das so dringend?

Das Dilemma: eine Situation, in der man zwischen zwei unangenehmen Dingen wählen muss

Ich könnte mich selbst an die eigene Nase fassen, schließlich schreibe ich diese Zeilen und stoße die Debatte darüber an. Alte Weltverbesserin. Aber es geht mir auch um das, was ich beobachte – nämlich das stille oder auch laute Verurteilen von Menschen, die an irgendeiner Stelle die Bewusstseins-Keule nicht hoch genug schwingen. Ein Blick in den Kühlschrank einer anderen Person genügt und manche Menschen brechen einen immensen Streit über Ernährung und Nachhaltigkeit vom Zaun. „Fertige Tomatensoße? In einem Plastikbeutel??“ Und sofort beginnt der Gutmensch einen Monolog über Konservierungsstoff, den wöchentlichen Einkauf auf dem Markt, die Einfachheit des Einkochens von Tomaten und überhaupt, einfach Zeug, was niemand hören möchte. Weil wir es alle wissen. Aber nicht immer haben wir die Muse, uns in die Küche zu stellen und all unsere Dinge selbst zu machen. Und manchmal schmeckt die billige Rahm-Tomatensoße auch einfach geil. Manchmal haben wir wesentlich wichtigere Dinge im Leben zu tun, drastischere Angelegenheiten zu klären. Es handelt sich im Alltag meist um zahlreiche Dilemma-Situationen: Entscheiden wir uns für das eine, leidet meist das andere. Und dazwischen sitzen wir und wissen oft weder aus noch ein.

Wie entscheiden wir, wenn es keine richtige Lösung gibt?

Beim letztjährigen Klimagipfel in Paris wurden 50.000 Menschen erwartet, der Großteil kam mit dem Flugzeug. Für sämtliche Reisen, Konferenzen, Veranstaltungen entsprach der CO2-Ausstoß somit ungefähr 300.000 Tonnen. Aufschrei der Medien, Aufschrei der Umweltschützer! Und ja, zurecht! Eine Scheiße ist das – aber sollen sie mit dem Schlauchboot anreisen, all die wichtigen Menschen, die unsere Umwelt schützen wollen? Früher wäre das nicht passiert, dieses sofortige Finden eines wunden Punktes, den wir nicht schützen können, wenn wir versuchen etwas Gutes zu tun.

Nicht, dass früher alles besser war – das war es überhaupt nicht. Aber manchmal habe ich den Eindruck, wir haben heute einfach so wenig Leid und Kummer – was großartig ist –, dass wir uns deshalb manche Sorgen selbst machen. Das Bedürfnis, nachfolgenden Generationen die Erde gut zu hinterlassen, ist unheimlich ehrenwert und an allen Stellen notwendig. Und leider ist es so, dass, je mehr wir wissen und je mehr Weitblick haben, desto eher verzweifeln wir an dieser Thematik. Letztendlich kann all das Gute in unseren Absichten immer von einer Seite beleuchtet werden, die einen großen Missstand mit sich zieht. Weil die Welt leider auf diesem System fußt und unser Wohlstand nur dadurch entstehen kann, dass ein Teil der Wippe ganz unten verharren muss. Wir gehen hart mit uns ins Gericht, aus völlig legitimen Gründen. Wir befassen uns mit Dingen, das ist schon ein wesentlicher Teil der Veränderung. Aber wir müssen auch leider akzeptieren, dass wir nicht immer alle Aspekte mit unter einen Rettungsschirm bekommen – auch wenn es noch so erstrebenswert ist.


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Bildquelle: Oscar Keys via Unsplash unter cc0-Lizenz