Trinkgeld Debatte

Norden, Süden, Osten, Westen: So unterschiedlich wie Land und Bewohner sind auch die Gewohnheiten, die sich in den verschiedenen Regionen breit gemacht haben. Eines aber gilt überall: Trinkgeld geben gehört dazu. Egal, ob man Frührentner oder Dauerstudent ist. Eigentlich.

 

Eine Sache des Anstands

 

Im finster-düsteren Mittelalter hat das Trinkgeld seinen Ursprung: Die feinen Herren warfen ihren Bediensteten am Ende des Tages ein paar Münzen hin, mit denen sie sich im nächsten Wirtshaus volllaufen lassen konnten. Ein anständiger Ausgleich für die Schufterei, die von Füße küssen bis zum Striegeln des Pferdes, Botendienste und sonstigen Bespaßungen reichten.

Heute verhält es sich ein bisschen anders: Die werten Herrschaften sind mittlerweile Gäste, die kaffeeschlürfend und kuchenspachtelnd in der Sonne sitzen und ungeduldig mit den Fingern schnippen, wenn sie zahlbereit sind. Kommt die Bedienung oder der Kellner nicht sofort angelaufen, weiß sich der schlaue Gast oft zu wehren – in Form von weniger Trinkgeld.

Natürlich sind nicht alle Gäste so. Während meiner Zeit als Bedienung waren die meisten Menschen anständig und freundlich. Trotzdem gab es immer wieder Zwischenfälle, die einem zu denken gaben. Unangebrachte Nörgeleien, Beschwerden in der falschen Tonlage, Knausrigkeit trotz aufmerksamer Bewirtung – und das oftmals bei Gästen, die nicht viel älter oder jünger waren als ich selbst – haben die Fragen aufgeworfen: Wann und wo haben wir eigentlich unseren Anstand verloren?

 

Nein oder ja, und wenn ja: wie viel?

 

„Trinkgeld ist ein Geldbetrag, den ein Dritter ohne rechtliche Verpflichtung dem Arbeitnehmer zusätzlich zu einer dem Arbeitgeber geschuldeten Leistung zahlt“, heißt es im § 107 Abs. 3 der Gewerbeordnung von 2005. Obwohl nichts darin steht, wie hoch dieser Geldbetrag sein sollte, ist in Deutschland ein Trinkgeld von 5-10 Prozent üblich. Ein willkommener Zusatzbetrag zu dem (vor dem Mindestlohn oft unterirdisch) niedrigen Stundenlohn.

In einer Umfrage vom Oktober 2014 wurden 1000 Menschen aus den unterschiedlichsten Städten zum Thema „Trinkgeld“ befragt. Heraus kam, dass knapp über die Hälfte der Befragten zusätzlich zum Rechnungsbetrag zwischen 6 und 10 Prozent für den Service da lassen. Im Norden wird die Serviceleistung am großzügigsten belohnt, während der Westen mit 8 Prozent Trinkgeldverweigerern am schlechtesten dasteht. Dabei war die Altersgruppe der im Westen wohnenden 50 bis 59-Jährigen diejenige, die am knausrigsten auftrat. Erstaunlich: Genau in diesen Jahren sollte man doch sorgenfrei genug sein, um ein wenig Kleingeld bei einem Restaurantbesuch übrig zu haben.

 

Von Gast und Gastgebern

 

„In Deutschland bekommen die meisten Kellner ein anständiges Gehalt. Ich als Studentin bin oft knapp bei Kasse und überlege genau, wann ich einem Kellner ein Trinkgeld gebe“, schreibt Tina Suckel, Studentin, in einem Zeit Online-Artikel zum Thema Trinkgeld. Die empörten Leserkommentare sind mehr, als man sich durchlesen kann. „Was kann die Bedienung dafür, dass Sie Studentin sind und wenig Geld haben?“, lautet eine Reaktion auf das „Nein zum Trinkgeld“-Statement, „Selbst ich als Frührentner auf Hartz-IV-Niveau gebe selbstverständlich 2-3€ Trinkgeld, auch wenn ich mir einen Restaurantbesuch höchstens alle drei Monate leisten kann. Das ist eine Sache des Anstands und des Respekts.“

Recht hat er, denn: Auch, wenn man selbst der König-Gast ist, hat man sich höflich zu benehmen. „Bitte“ und „Danke“ sind nicht nur vom Kellner zu erwarten – sondern ebenso von der Person, die sich freiwillig in einen Laden setzt und sich bedienen lässt. Gastgeber und aber auch Gast haben hier die selben Pflichten. Hält sich der eine nicht an die gängigen Anstandsregeln, braucht er sich nicht zu wundern, wenn das Lächeln aus dem Gesicht des anderen verschwindet. Und so entweder das Trinkgeld ausbleibt oder die Getränke vor einen auf den Tisch geknallt werden.

 

 

„Du studierst aber eigentlich schon, oder?“

 

 

„Sorry, ich hab nicht mehr Geld dabei“, war eine der häufigsten Begründungen während meines Nebenjobs, die ein fehlendes Trinkgeld ausbügeln sollte. Oder, eine verwandte Form: das Herauskramen einiger Kupfermünzen gefolgt von einem gönnerhaften „Passt schon!“ Ein verschämtes Grinsen machte die Sache in diesen Fällen auch nicht besser – eher schlimmer. Es ist erstaunlich: Den Café- oder Barbesuch konnten sich diese Gäste bedenkenlos leisten, aber den Rechnungsbetrag aufzurunden hätte das Budget gesprengt.

Ebenfalls konfrontiert wurde man häufig mit der Frage: „Das ist aber schon bloß dein Nebenjob, oder? Also, du studierst eigentlich schon, ja?“ Kellnern – so lautet eine weit verbreitete Annahme – kann ja schließlich jeder Vollidiot. Das bisschen Tablett herum tragen, das Weitergeben von Bestellungen, die Getränke einschenken, zehn Tische gleichzeitig im Auge behalten, Sonderwünsche entgegen nehmen, den Laden ordentlich halten, zwischendurch aufs Klo rennen und gleichzeitig nett und freundlich und kommunikativ gegenüber selbst launischen Gästen zu sein –ganz klar: Das macht man im Vorbeilaufen. Entspannter Nebenjob halt.

Den Servicejob habe ich mittlerweile an den Nagel gehängt. Schließlich will ich genug Zeit für mein Studium haben und was Richtiges lernen. Mit meinem Master of Arts kann ich dann bestimmt Taxifahrerin werden. Da verdient man mittlerweile auch schon 8,50 Euro die Stunde – ein anständiges Gehalt also, von dem ich mir bestimmt ab und zu einen Cafébesuch leisten können werde. Inklusive Trinkgeld geben, versteht sich.

 

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Bildnachweis: Christopher Michel unter CC BY 2.0