Umsonst U-Bahn fahren? Tallinn macht’s einfach!

Tallin ÖPNV

Öffis – Stickig, überfüllt und vor allen Dingen: teuer. Pflegen wir nicht alle eine Hassliebe zu den öffentlichen Verkehrsmitteln unserer Stadt? Einerseits bringen uns Bus und Bahn von A nach B, andererseits kommen sie immer zu spät und kosten uns ein Schweinegeld. Wer nicht studiert oder anderweitig von den ermäßigten Preisen profitieren kann, darf monatlich tief in die Tasche greifen. Da kann es unter Umständen sogar dreistellig werden. In Berlin, Hamburg und München beispielsweise beträgt der Betrag für eine Monatskarte im Großraum um die 200 Euro. Und selbst für eine Kurzstrecke zahlen wir so viel wie für ein Bier in der Bar nebenan. Viele wählen das Bier. Das Ergebnis: Rund 2,6 Prozent der Leute fahren schwarz, was einen Schaden von 250 Millionen Euro pro Jahr anrichtet. „Schwarzfahren kommt billiger, als jedes mal eine Fahrkarte zu kaufen.“ Kennen wir diesen Satz nicht alle? Wir fragen uns schon lange, warum es noch keine Alternative gibt. Die negativen Zahlen sprechen doch eigentlich für sich.

 

Tallinn hat die Alternative

 

Ein alternatives Modell fährt Tallinn: Die Bewohner der estnischen Hauptstadt dürfen seit Januar 2013 gratis mit dem öffentlichen Personennahverkehr fahren. Sie haben umgesetzt, wovon wir schon lange träumen. Und so geht’s: Die gemeldeten Einwohner der Stadt kaufen sich für 2 Euro eine „Green Card“. In Kombination mit ihrem Personalausweis dürfen sie grenzenlos frei fahren. Finanziert wird das Ganze über die Steuer.

Der Gedanke dahinter: Die Einwohner Tallinns finanziell zu erleichtern und das Autofahren zu reduzieren. Und das Ganze scheint auch aufzugehen, wie die FAZ kurz nach Beginn des Experiments berichtete. Zahlen bestätigten den Anstieg der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel und parallel dazu wurden weniger Autos auf den Straßen gesichtet.

Eigentlich ideal, denken wir uns. Doch wie es meistens so ist, bleibt es nicht ausschließlich bei positiver Kritik.

Gründe gegen das freie Fahren

 

Denn wie der Guardian kürzlich berichtete, hat das Tallinn Experiment auch seine Schattenseiten. Dazu hatte sich der Forscher Dr. Cats geäußert, der das Projekt über ein Jahr hinweg untersuchte. Er kritisierte das bisher eher positiv beschriebene Experiment Tallinns stark: Da die kostenlose Nutzung des ÖPNV nur den Einwohnern Tallinns ermöglicht wird, müssen alle Menschen, die von außerhalb kommen – also zum Beispiel Touristen – trotzdem ein Ticket lösen. Die weichen dann häufig auf private Busse, Taxen und Uber aus. Kontraproduktiv, wenn man bedenkt, dass der Verkehr auf den Straßen reduziert werden sollte.

Außerdem ist der Zuzug von Bürgern nach Tallinn, im Vergleich zu den vorherigen Jahren, zurückgegangen. Ein möglicher Grund dafür könnten die hohen Steuern sein, vermutet Cats. Das freie Fahren mit den ÖPNV sollte Tallinn ursprünglich attraktiver machen und nicht abschrecken. Parallel dazu ist das Geld für Fahrkarten eine sichere Einnahmequelle eines Staats, die im Falle Tallinn weg fällt. Bei dem Eintritt einer wirtschaftlichen Krise könnte das den Estländern zum Verhängnis werden.

Zu guter Letzt sollte mit dem freien Dauerticket für Bus und Tram eigentlich die Integration von sozial schwächeren und arbeitslosen Menschen in der Stadt gefördert werden. Aber auch in diesem Sektor wurden laut dem Guardian keine positiveren Ergebnisse erzielt.

 

Frei fahren wäre trotzdem schön

 

Wir bleiben der Meinung, dass es eine gute Idee ist, den ÖPNV gratis anzubieten. Schließlich macht Estland bisher keinen Verlust, ganz im Gegenteil. Sie verdienen ganz 20 Millionen Euro jährlich an ihrem Experiment. Wenn das mal keine Ansage ist. Bis dahin vertrösten wir euch mit einer ganz neuen Idee: Greift zum Fahrrad! Der Drahtesel kostet dich fast gar nichts und du bist super grün unterwegs. Nicht zu vergessen, die Bewegung und frische Luft. Ausreden gibt’s nur bei Schnee und Eis. Oder wenn du im Großraum wohnst.

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